Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Carmen Villain – Holding a Shape (Limited Blacklabel) (Smalltown Supersound)
„Dekonstruktion” war vor Jahren das In-Wort für etliche Phänomene der damaligen Gegenwart – wie immer zuerst in kleinen Zirkeln, dann eingesickert in den Mainstream und dann wiedergekäut bis zum Get-No. Aber wenn es nunmal passt? Die drei Stücke auf Holding A Shape sind Musterbeispiele für dekonstruktivistisches Musizieren. Sie klingen manchmal, als hätte es ein konventionelleres Ausgangsmaterial gegeben, vielleicht einen Dub-Techno- oder Industrial-Track, vielleicht sogar einen Popsong – denn mit Studiotechnik auf dem Stand von 2026 lässt sich letztlich jede Quelle so skelettieren, dass nur noch eine Ahnung von Beat, Melodik und Struktur übrig bleibt. Egal wie erzielt, das Ergebnis ist ein verloren klingendes Wogen, Rütteln, sind Klanggewebe, Soundschlieren, zusammenklappende Räume. Darüber legt Carmen Villain ab und zu überraschend normal klingende Ambientflächen, vielleicht als tröstende Decke oder um wenigstens ein bisschen davon zu bewahren, was der Titel meint: Holding a Shape – eine Form beibehalten. Die EP könnte auch heißen wie eine der Band Art Bears von 1981: The World As It Is Today – auch damals hätte Dekonstruktivismus gepasst. Mathias Schaffhäuser
Hörbeispiele findet ihr in den einschlägigen Online-Stores.

Function – Aeternum (Existenz) (Tresor)
2016 bis 2019, man darf es wohl sagen, war die Welt noch in Ordnung. Berlin fluteten Massen an Feiertourist:innen, die die Nachtökonomie heute längst verraten haben, es gab noch genug Spaces in der deutschen Bundeshauptstadt und Techno zehrte noch immer von dem, was Sandwell District und damit auch Function mit dem Genre angestellt hatten: Reduktion in Hall, mittelgeschwindige Mäßigung, Intensität über Ausdauer. Alle Tracks auf der Mini-LP Aeternum (Existenz) entstanden im eingangs genannten Zeitraum, wie die unterschwelligen Acid-Schübe und der erhabene Zeremonialcharakter des epochalen Kernstücks „City of Luz” verraten. „Growth Cycle (Hermetic Mix)” sticht mit seinem hochsensiblen Melodielauf, verlorenem Stimmengewirr und einem Zusammenspiel aus Crashbecken, die an Ostgut-Slow-Banger aus dem Jahr 2012 erinnern, und Hi-Hats, die sich gestaltwandlerisch durch den kompletten Track ziehen, besonders aus einer EP, die vor allem eines schreit: Alles könnte so schön sein. Maximilian Fritz

Luca Lozano – Da Vinci (Klasse Wrecks)
Vier Tracks vereint Luca Lozano auf seiner neuen Platte Da Vinci. Der Opener „The Magnificent” kommt mit hellen, blubbernden Synths und einer warmen House-Bassline daher. Darüber liegen knarzige Electro-Sounds, hallende Vocals und ein kurzer, schillernder Break, der dem Track zusätzliche Dynamik verleiht – ein Auftakt, der seinem Titel gerecht wird. „Delta Force” dagegen, gleichnamig einer Eliteeinheit der US-Armee, ist progressiver. Eine breakige Bassline trifft auf futuristische Sounds und Electro-Synths. Man könnte fast meinen, man höre die Truppe im Gleichschritt durch den Track stapfen. Der dritte Track „Eau De Dave”, laut Lozano eine Hommage an eine britische Produzentenlegende, ist minimaler angelegt. Breakbeat und jede Menge futuristisch knarzende Electro-Sounds dominieren auch hier. Für Abwechslung sorgen immer wieder warme, weich klingende Breaks und Vocalfragmente, die plötzlich hart gecuttet werden. „Crunchy Nut” bildet den Abschluss der Platte und bewegt sich erneut im Breakbeat-Gewand. Warme Electro-Synths, lässige Vocals und eine eingängige Melodie lassen jeden Kopf nicken. Johanna Lühr

Travis or Alice – Travis Goes Deep EP (mystictrax)
Was man nie tun sollte: Musik zuerst lesen und dann hören. Beim Debüt der ukrainischen Technoaktivistin Alisa Mullen erfährt man so nämlich von „Nägeln auf Kontaktmikrofonen”. Die Realität klingt zum Glück weniger nach Kunsthochschulschmarrn und mehr nach Punkkonzertabbruch – sofern man den Nietengürtel sehr tief aufhängt und bei allem über drei Akkorden nicht panisch rumschnorrt. Dafür aber: verzerrte Basslines und Vocals, die so tun, als hätten sie Angst vor sich selbst. Ein Track heißt ernsthaft „KRYCHY!! (SCREAM!!)”, falls jemand die Subtilität vermisst. Als Travis or Alice macht Mullen für das Ukraine-Label mystictrax etwas, das angenehm frei ist vom Berliner Wellness-Techno-Vibe. Am Ende ist die Welt zwar immer noch elendig und kaputt, jetzt aber neu, mit tollem, hust, hust, Sounddesign. Christoph Gleich

Trevor Dale – Smiling / Summer 88 (Mono Horizon) [Reissue]
Dieses Reissue ist zwar schon etwas länger draußen, die Tracks des vergessenen Engländers sind aber zu gut und zu wichtig, um übergangen zu werden. Auch weil die EP auf dem Label aus Amsterdam gleich drei Veröffentlichungen von Trevor Dale zusammenbringt, der in der ersten Hälfte der Neunziger lediglich eine Handvoll Maxis produziert hat.
Seine besten Tracks sind zweifellos „Smiling” und „Summer 88” von 1990. Die beiden Stücke beeindrucken mit der ungestümen Art, mit der sie den Chicago-House-Duktus eines Larry Heard mit Proto-Hardcore und Bleep-Techno auf eine typisch britische, eklektische Weise zusammenbringen. Überraschenderweise endet das Resultat nicht im Chaos, sondern setzt ein wundersam verträumtes Tech-House-Vorzeichen. Das ursprünglich unter Trevor Dales Torrington-Foe-Alias veröffentlichte „Morning Shuffle” geht mit wüstem Acid-Techno in eine ganz andere, heftig eskalierende Richtung. Emotionaler wird es wieder bei „Take Me Back”, bei dem die Stimme von keinem geringeren als Robert Owens zu hören ist. Alexis Waltz
