GROOVE Reviews: Teil 2 der Alben im Mai 2026

Das Motherboard aus dem Mai findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben hier.

Hekt – Forever (Numbers)

​​Die Vocals von Valeria Litvakov im ersten Track „Someday”, sehnsüchtig hingehaucht über einen amtlichen Clubbeat irgendwo zwischen UK Bass und EDM, machen von Beginn an klar, worum es Hekt auf seinem Debütalbum geht: Um eine Neuinterpretation von Dance-Pop in zukunftsgerichtetem Gewand, in einer Linie von den früheren clubkompatiblen Hits von Madonna oder Kylie Minogue über den Hyperpop von PC Music oder SOPHIE, die ja auch auf Numbers begann, bis ins Jetzt hinein. So gut wie jeder zweite Track ist eine Vocalnummer, glasklarer futuristischer Pop, mit einem Bein auf dem Dancefloor, mit dem anderen auf dem Sprung in die Charts. „Songs to make out and break up to. A party so good you get depressed it can’t last forever”, wie HEKT seinen Sound selbst beschreibt.

Die Musik vereint dabei Einflüsse aus Hard- und Jumpstyle mit Electronica und britischer Bass Music und schreckt auch vor akuter Cheesiness in Form von schwelgerischen Trance-Arpeggios oder Skrillex’schen EDM-Drops nicht zurück. Ja, das Tomorrowland ist hier mitgedacht – ob Hekts Musik jedoch jemals dort laufen wird, bleibt aber doch fraglich. Dafür ist das Stil-Potpourri, zusammengesetzt aus den ungezählten, spiegelnden Facetten einer auf dem Dancefloor zerborstenen Discokugel, zu wild und ungezähmt. Und zwischen den pop-affinen Nummern wartet Hekt immer wieder mit amtlichen Clubbangern auf, die den vorwärtsgewandten Tanzboden zum Erzittern zu bringen vermögen – und dem Album damit das nötige Gleichgewicht verleihen. Tim Lorenz

Luigi Tozzi – Deep Blue: Volume 4 (Hypnus)

Die maritime Titelgebung von Luigi Tozzis Deep Blue: Volume 4 lässt Raum für reichlich Meer-Metaphern in Deep-Techno-Sphären. Man hätte, sollte man etwas Geschichtetes, ein umspültes Gestein im tiefen Blau finden, den Drang, die ganzheitliche Schönheit des Minerals in seinen individuellen Schichten zu betrachten. Genau so ergeht es mir mit Alben. Man möchte sie auseinandernehmen, ganz nah beäugen und ihre jeweiligen Verläufe verstehen.

In „Mirage”, zum Beispiel, wirft das Heranschwappen von melodischen Ambient-Pads helle, scheinbar willkürliche Flecken auf die gedämpften Lows, deren Muster sich erst inmitten des Tracks vervollständigt. Im Innen, in „Dream Liquid” und „Phantom Deep Blue”, wird es gelegentlich dumpfer, fast trüber, nicht aber ohne die kontrollierte, cineastische Grundstruktur zu verlieren. Die Hülle, die das Album mit „Salina” und „Emersione” von beiden Seiten einschließt, ist luftig, durchlöchert von Hoffnung stiftenden Soundscapes inklusive Field Recordings.

Schließlich runden Endloswellen die Ambientstrecken und schleifen sie warm, bis daraus neue Kunst werden kann. „Remodel” heißt für Luigi Tozzi: Deep Blue: Volume 3 umschichten, umlagern und weiterschleifen, bis hin zur völligen Neuinterpretation. Und so sind es nicht die Schichten, sondern die Ganzheit, mit ihrer körperlosen Tiefe und Wärme an sich, die das Album in einer bemerkenswert unaufgeregten Essenz begreifbar macht. Lea Jessen

Mr. Fingers – Leev Ur Mynd (Alleviated)

Der Einfluss von Larry Heard auf House und seine zahlreichen Subgenres über vier Jahrzehnte hinweg ist unumstritten. Umso weniger überrascht es, dass auch das neue Album unter seinem wohl bekanntesten Pseudonym Mr. Fingers mit Erfahrung, außergewöhnlicher Musikalität sowie einem feinem Gespür für Rhythmus und Raum überzeugt. Folgt man der Aufforderung Leev Ur Mynd, entfalten die zwölf Tracks eine Atmosphäre, die Intimität und Tanzbarkeit miteinander verbindet.

Ohne sanfte Einleitung eröffnet „Plastic Nightmares” das Album mit einer kompromisslosen Snare und von Acid-Sequenzen umkreisten Rhythmen. Die Aufforderung, sich den Klängen hinzugeben, vermittelt sich dabei unmissverständlich. In den folgenden Tracks fällt besonders auf, wie souverän Heard mit vertrauten Klangbausteinen des House umgeht. Sounds, die über Jahrzehnte hinweg nahezu ausgeschöpft erschienen, erhalten durch präzise räumliche Platzierung und sorgfältige Bearbeitung neuen Glanz. Die klar definierten Drums in „The Happening Thing” schmelzen beinahe und werden von jazzigen Elementen getragen, die der Musik eine luftige, fließende Leichtigkeit verleihen. Nach den technoideren Strukturen von „Menagerie” sorgt „Enceladus 5” schließlich für eine beinahe kosmische Ruhepause. Passend zur natürlichen Bildsprache des Covers integriert Mr. Fingers immer wieder Naturaufnahmen und organische Fragmente. Besonders „April Rain” macht seinem Titel mit verträumter Atmosphäre alle Ehre. Seine Stärke bezieht das Album aber vor allem aus der Vielfalt seiner Stimmungen. Mal verspielt und warmherzig wie in „When You Need Me” oder „All I Need”, dann wieder zurückhaltend und atmosphärisch im Deep House von „Tension” oder den leicht in Richtung Electro driftenden Grooves von „Replicate”.

So gelingt Heard mit Leev Ur Mynd ein zeitloses House-Album, das die kanonische Sprache des Genres mit bemerkenswerter Eleganz und Klarheit neu belebt. Leon Schuck

Niño Árbol – Cuyo (Ssensorial)

Es gibt Platten, die herausfordern. Niño Árbol hat mit Cuyo eindeutig eine solche vorgelegt. Árbols musikalische Herkunft ist dabei entscheidend. Aufgewachsen zwischen elektronischer Clubkultur und experimenteller Klangforschung, hat er sich nie auf ein Genre festlegen lassen. Drum’nÄ’Bass war für ihn stets weniger Stil als Werkzeug: ein Gerüst, das Geschwindigkeit erlaubt, aber auch Brüche, Umwege, Irritationen. Früh bewegte er sich abseits der großen Narrative, veröffentlichte auf kleineren, progressiven Plattformen, wo Risiko nicht als Makel gilt. Cuyo wirkt wie ein Kontrollverlust.

Schon der Opener „Una vez adentro” beginnt trippy, fast tastend, bevor ein scheppernder Drum’n’Bass-Rhythmus einsetzt. Dahinter: ein auf- und abschwellender Chor. Man ist sofort drin – oder draußen. Dazwischen gibt es nichts. „Aquí suspendido” legt keine Pause zum Luftholen ein. Die Drums schieben nach vorne, Störgeräusche bauen sich flächig auf, verdichten den Raum, bis der Rhythmus in den Hintergrund kippt – nur um am Ende umso klarer zurückzuschlagen. Árbol spielt mit Erwartung, nicht mit Drops. Noch radikaler wird es bei „Dónde aprieta”: hyperschnelle Perkussion, verspielt und zerrissen. Tanzbar? Vielleicht, theoretisch. Praktisch ist es eher ein Soundexperiment, eine nervöse Nachtvision, die sich jeder Ordnung verweigert. Musik wie ein Albtraum im Zeitraffer. Mit „Punto de quiebre” zieht Árbol die Linie neu. Plötzlich wirkt alles fokussierter, fast logisch. Ist das noch Drum’n’Bass? Oder schon hyperaktiver Jazz? Egal – es ist unverkennbar Niño Árbol. Und es funktioniert. „Estratosfera” hält das Album im Kern zusammen: Drum’n’Bass als energetisches Rückgrat, darüber Schichten, Flächen, Reibung. Total auf Speed, fordernd, aber nie beliebig. Hier zeigt sich die Fähigkeit, Chaos zu choreografieren. In „Hasta volverse estrella” wird es dunkler, minimalistischer. Reduzierte Beats, schwarze Flächen – als befände man sich in Caligaris Spiegelkabinett, jeder Schritt verzerrt, jede Bewegung doppelt. Dann der angekündigte Zusammenbruch: „Colapso”. Der Titel ist Programm. Extreme Geschwindigkeit, Überforderung als ästhetisches Mittel. Ohren, Füße, Nervensystem – alles kommt an Grenzen. Und genau dort will dieses Stück hin. Die Erlösung folgt mit „Renacio” – sphärischer Ambient, Auf- und Abschwellen nach all dem Hustle. Mein klarer Favorit. Hier zeigt sich, dass Árbol nicht nur beschleunigen kann. Doch Ruhe ist auf Cuyo nie endgültig. „Todavía flota el resplandor” setzt wieder auf spitze, mechanische Drum’n’Bass-Impulse, wie eine Roboterfigur, die stoisch weiterläuft. „Antes del suelo” wirkt wie ein Übergangszustand, bevor „Bajo el sol, vuelto a mí” das Album schließt: sphärisch, treibend, durchaus dancefloortauglich – aber nie gefällig.Cuyo ist kein Album für jede Stimmung und schon gar nicht für beiläufiges Hören. Nicht alles ist tanzbar, vieles ist sperrig, manches bewusst überfordernd. Aber genau darin liegt seine Qualität.

Anspruchsvoll? Ja. Hörenswert? Absolut. Niño Árbol präsentiert sich als Künstler, der seinen eigenen Weg kennt – und ihn weitergeht, schneller, schärfer, kompromissloser denn je. Liron Klangwart

Hörbeispiele findet ihr auf den einschlägigen Streamingplattformen.

Olof Dreijer – Loud Bloom (DH2)

Wachsen, sich entfalten, schillern. Loud Bloom heißt dieses Blühen – und was Olof Dreijer hier vorlegt, ist schon jetzt eine der Platten, an denen sich 2026 messen wird: vibrierend, offen, zutiefst gegenwärtig. Mit seinem neuen Album beantwortet er die implizit titelgebende Frage gleich selbst – und zwar mit Nachdruck, Groove, auch für den Dancefloor, und einem selbstbewussten Lächeln in Richtung Zukunft. Ja, ein Blühen, ein Wachsen, ein Aufsteigen kann laut sein! Ist das Future Music? Oder ist das jetzt? Die Antwort ist klar: Das ist jetzt. Und zwar 2026, in voller Blüte.

Schon der Opener „Rosa Rugosa” macht klar, wohin die Reise geht: melodisch, treibend, ein Subbass als bewusst eingesetztes Stilmittel, darüber verzerrt-verschobene Synth-Flächen. Dreijer schöpft aus dem Vollen. Jeder Sound hat Platz, jede Frequenz Bedeutung. Was Loud Bloom so besonders macht, ist diese scheinbare Mühelosigkeit, mit der Komplexität in Zugänglichkeit überführt wird. „Plastic Camelia” etwa reduziert Perkussion auf ein Minimum und lässt afro-futuristische Sound-Assoziationen durch den Raum schweben, während bekannte Dreijer-Flächen den Bogen spannen. Uptempo-Bassdrums halten alles in Bewegung. Mit „Acuyuye” (feat. Diva Cruz, MC und Perkussionistin aus Kolumbien) gelingt Dreijer ein Kunststück, das man ruhig beim Namen nennen darf: Ein Sommer-Underground-Hit für 2026, ganz selbstverständlich. Das läuft. Sehr sogar. Roh, körperlich, aber mit einem feinen Gespür für Raum und Stimme. „Makwande” (feat. MC Toya Delazy aus Südafrika) geht einen Schritt weiter: Tech-House auf Zulu und Englisch, der mit einem feinen World-Music-Vibe verschmilzt. Verschiedenste Strömungen fließen zusammen, ohne ihre Eigenheiten zu verlieren. Spätestens mit „Blood Lily” wird es grimmiger. Eine Spur von Grime, eine böse Subbassdrum, die die Soundsysteme dieser Welt an ihre Grenzen bringt. Tanzfläche und Dunkelheit schließen einen Pakt. „Iris” dagegen – freundlich, soulful, repetitiv – ist ein Track, der eben trägt. Besonders elegant gerät „Echoed Dafnino”: House, getragen von der Stimme eines sudanesischen Sängers aus Kairo. Global gedacht. Danach beginnt mit „Laurel” das kontrollierte Herunterfahren – Downtempo zur Rekalibrierung, bevor „Verbena” ambienten Synthflächen Raum gibt, ganz im unverkennbaren Dreijer-Duktus. „Coral” ist ein persönlicher Favorit mit All-Time-Potenzial. „Fern Valley” setzt den Comedown fort, das Piano erinnert an afrikanische Instrumente, warm und erdend. Und dann, zum Schluss, „Shisandra”: noch einmal eine volle Breitseite. Handclaps, Afro-Drums, Future Music. Punkt. Liron Klangwart

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