Das Up To Date Festival, seit 17 Jahren Anker der Szene für elektronische Musik in Białystok, verlegt seinen Veranstaltungsort am Wochenende des 28. bis 30. Mai kurzerhand vom Park Lubomirskich auf das Gelände rund um die örtliche Chorten Arena. Der Anlass: geschützte Vogelarten, die im Park nisten. Der Auslöser: ein Techno-Event im 200 Kilometer entfernten Warschau, das in einem Skandal endete.
Mitte Mai sorgte die Circoloco-Veranstaltung auf dem Gelände des Wilanów-Palastes, einer der bedeutendsten historischen Königsresidenzen Polens, für nationale Empörung. Polens Kulturministerin Marta Cienkowska entließ daraufhin den langjährigen Museumsdirektor Paweł Jaskanis, der das Haus seit 2002 geführt hatte. Sie begründete das damit, keine Handlungen dulden zu können, die dem guten Ruf des Museums schaden und seinem grundlegenden Auftrag widersprechen.
Warschau als Katalysator
Kritiker:innen hatten im Vorfeld und Nachgang des Events auf die möglichen Auswirkungen von stundenlanger Beschallung, schwerem Gerät, Bühnenkonstruktionen, Pyrotechnik und großen Menschenmassen auf das historische Gelände und die angrenzenden Naturflächen hingewiesen – darunter auch das nahegelegene Naturschutzgebiet Morysin.

Für Paulina Żaczek, Head of Communication des Up To Date Festivals in Białystok, war der symbolische Gehalt der Affäre eindeutig: „Circoloco wurde für viele Menschen in Polen zum Symbol extremer Kommerzialisierung, weit entfernt von den Werten, aus denen die elektronische Musikkultur ursprünglich entstanden ist: Gemeinschaft, Sensibilität, Respekt für Raum und Umwelt.” VIP-Tische hätten Berichten zufolge bis zu 35.000 Euro gekostet. „Ein Betrag, der in polnischer Währung und lokalen Verhältnissen für viele Menschen der Grassroots-Kultur schier surreal wirkt.”
Die Entscheidung in Białystok
Das Up-To-Date-Team hatte den Park Lubomirskirch fast ein Jahr lang als Festivalgelände vorbereitet. Alle Genehmigungen lagen vor, Feuerwehr, Polizei und Stadt hatten grünes Licht gegeben. Dann kamen die Gespräche mit den Umweltbehörden – und mit ihnen neue Erkenntnisse. Im Park brüten streng geschützte Vogelarten wie der Wachtelkönig oder Waldkauz.
„Ich habe so vieles über diesen Park nicht gewusst”, gibt Festivalchef Jędrzej Dondziło gegenüber der GROOVE offen zu. Wir haben einfach organisiert wie immer, ohne dass es von außen Einwände gab.” Was dann folgte, sei ein echter Schock gewesen. „Wir hatten fast ein Jahr Vorlaufzeit. Das Bühnendesign. Das gesamte Layout. Feuerwehr, Polizei, Gemeinde – alles war abgehakt.” Nach den Vorkommnissen in Warschau habe man aber gemerkt: „Hier zu veranstalten, ist nicht okay.”
Auch wenn das Festival behördlich zugelassen war, wollte das Team keine Veranstaltung durchführen, die schutzlose Tiere beeinträchtigen könnte. „Das Team hat eine gesellschaftliche Haltung. Es geht um Empathie. Wir alle wussten, dass wir etwas ändern mussten”, so Żaczek.
Zehn Tage, eine Logistikwundertüte
Nun kehrt man in Białystok in die Chorten Arena, dem früheren Heimatgelände des Festivals, zurück. Sechs Festivalausgaben fanden dort zwischen 2016 und 2021 statt. Die Arena ist der Community vertraut. Die Umsetzung des Umzugs war trotzdem alles andere als einfach. Andere Events waren bereits geplant, der Zeitrahmen denkbar knapp.

„Es gibt so viele Menschen, die diesen Schritt – zehn Tage vor dem Festival! – möglich gemacht haben, einfach weil sie denken, dass das, was wir tun, wichtig ist”, so Żaczek. Ohne ihre Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen. Und: Dass der Polizeichef und der Feuerwehrchef eigens aus dem Urlaub zurückkehrten, um die Genehmigungsdokumente in dieser kurzen Frist zu unterzeichnen, sei laut Festivalchef Dondziło in Warschau schlicht undenkbar: „Dort gibt es nicht dieselbe menschliche Verbindung.”
Eine Lektion für die ganze Szene
Żaczek sieht die Geschehnisse in Warschau als Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels: „Wir leben in einer immer bewussteren Gesellschaft, die beim Klimawandel nicht mehr schweigt. Alle Akteure der Szene sind Teil dieses Kreislaufs. Wir müssen offen sein für die Veränderungen im echten Leben.”

Dabei wehrt sich Dondziło gegen die Pauschalisierung, die solche Debatten oft mit sich bringen: „Wir haben als Kultur einen Schaden erlitten, weil die Leute Verbindungen ziehen zwischen dem kommerziellen Imperialismus des Circoloco-Events und Veranstaltungen wie unserer. Denn Menschen, die nicht in der elektronischen Musik zuhause sind, sehen nur: laute Musik im Park in der Nacht.” Der Schaden reiche deshalb weit, fügt Żaczek an. Er treffe die gesamte elektronische Musikszene in Polen und so letztlich auch internationale Künstlerinnen und Künstler, die im Land auftreten.
Dates, Line-up, Tickets
Beim Up To Date in Białystok wolle man jedenfalls nicht reagieren, sondern proaktiv vorgehen. Die Festivaldaten bleiben deshalb unverändert, alle gekauften Tickets behalten ihre Gültigkeit. Wer durch den Ortswechsel nicht mehr teilnehmen möchte, kann Einzeltickets für Freitag und Samstag sowie Park-Pässe über eBilet zurückgeben.
Das Up To Date Festival findet vom 28. bis 30. Mai 2026 in Białystok statt. Nicht mehr im Park, sondern rund um die Chorten Arena. Und vielleicht mit mehr Bedeutung denn je.