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D1 – Bi Carb (Tempa.)
Morgens Haferflocken, abends ein kleiner gemischter Salat – das meint der Ernährungs-Knigge. Was aber, wenn der Heißhunger ruft, oder eben: Der Tanzschuh drückt? Manchmal muss im halb-dämmrigen Kühlschranklicht das halbe Pfund Rummo mit Aglio Olio verdrückt werden, bevor man zu der kurzweiligen Einsicht kommt: Ab nächster Woche wird das pausierte Urban-Sports-Abo wieder reaktiviert.
Das Gefühl gibt’s auch im Plattenschrank. Also keine leichte Dub-Techno-Rohkost oder Reiswaffel-Ambient. Sondern lieber: knackiger 2-Step auf Tempa. mit Bi Carb von D1. Was sich wie die Rückseite eines Protein-Shake-Töpfchens liest, ist in Wahrheit die neue EP des Londoner Producers, der sich mit Tracks wie „Crack Bong” oder „Cocaine” schon seit Mitte der Zweitausender auf dem Radar von Heads und Zollfahndern befindet. Diese Guy-Ritchie-Attitude ist auch auf dem aktuellen Release vorhanden. Auf dem Titeltrack zum Beispiel: Da gibt’s scheppernd-druckvollen Gangster-Groove und zweifelhafte Rezeptideen zu hören. „New Era” ist weniger Innovation als Reminiszenz: Ein schwingendes 2-Step-Pattern, das an klassische El-B- oder Horsepower-Productions-Nummern erinnert, eine Prise Lightbulb-SFX und permanente Tiefenschärfe. Der Remix zu Loefahs Low-End-Bestie „Voodoo” ist ein kompromissloses Dancefloor-Tool mit eingebautem Bassface-Aggregat. Das abschließende „Hollow” kommt im gleichen rhythmischen Bausatz, ist mit seiner hintergründigen Ethno-Kulisse deutlich atmosphärischer, ohne aber an Tanzkraft einzubüßen. Das schmeckt. Jakob Senger

Demuja – CHIWAX047 (Chiwax)
Raus aus der Winterdepression und an einem Donnerstagabend nicht mehr zuhause versauern. Alles nach dem Motto: Lederjacke reicht ja wieder! Also die Kellen einpacken und an der Tischtennisplatte auf ein paar Bier treffen. Aber auch gute Vorsätze werden verschoben, und man versichert sich, um halb 4 jetzt wirklich den letzten Bus zu nehmen. Oder halt weiterfeiern und es am nächsten Morgen so ähnlich angehen wie beim Auftakt von Demujas neuer Scheibe auf Chiwax: „Berni macht Blau”. Auch „Dove” und „All Hell Is Breaking Loose” stimmen mit ihrem souligen Output auf die wiederkehrenden Frühlingsgefühle ein. Mit den Echo-Pads von „Tides” findet die EP noch ihren runden Abschluss, der aus dem streng geknöpften House-Korsett springt. Dubmuja lässt Grüßen! Michael Sarvi

Kat Davids – winterswell (Intercept)
Der Opener auf Kat Davids‘ Debüt-EP winterswell ist ein Track gewordener vibe shift. „Manavgat” sollte man spielen, wenn es ernst wird und der Dancefloor Fokus verlangt – oder sich nach kurzzeitiger Erlösung sehnt, wie sie die Pads im letzten Drittel versprechen. Schon die ersten Sekunden bitten mit gleichmäßigen Basssalven unter der 1 und der 3 und proggigen Anklängen in den Tunnel der Selbsterkenntnis und verbinden anmutig Rave mit Spiritualität ohne den Ansatz von Peinlichkeiten – Seltenheitswert! „Baby I know what you want” gräbt noch tiefer im Low End und desorientiert mit einem Gewirr aus Vocals und rituellem Drumming, ein vierminütiges Biotop, das Techno nicht als maschinell-sterile, sondern als durch und durch organische Angelegenheit interpretiert.
Auf der Flip rückt Mr. G in seinem Remix von „Manavgat” Davids‘ Vocals in den Vordergrund und schiebt darunter perlende Synths und prägnante Hi-Hats, was knapp achtminütige, samtene Afterhour-Prokrastination bedeutet. Ben Kaczor versieht „Baby I know what you want” mit seiner wattierten Patina und steckt den Kopf in die Wolken. Das ergibt den vierten Track, den man auf dieser EP nicht missen will. Maximilian Fritz

Priori – 9 (Kynant)
Der Montrealer DJ und Producer Priori findet sich bei Kynant Records ein. Für eine EP, die nicht zu viel will. Über vier Tracks hinweg beschreibt sie eine sanfte, entspannte Stimmung, die sich nicht aufdrängt. Sie versucht nicht, größer zu sein, als sie ist. Und trägt damit eine klare, bescheidene Botschaft in sich.
Wenn du auf einer Wiese liegst und ab und zu spürst, wie die Wärme aus deinem Gesicht weicht, weil eine Wolke vor die Sonne gezogen ist, ist das der Soundtrack dazu. Einfach nichts tun, außer atmen, die Luft um dich herum spüren und dabei diese minimale Berauschung der Ohren zulassen. Fast schwerelos liegst du da und lässt die Umwelt einfach passieren. Vergisst, wie sich die Beine auf dem trockenen Gras anfühlen, bis du durch ein fernes Geräusch wieder zu dir kommst, aus dem Halbschlaf geweckt wirst. Es fühlt sich an, als hättest du gerade fünf Stunden geschlafen, dabei hast du einfach nur 24 Minuten und zwei Sekunden Prioris 9 gelauscht. Greta Allgöwer

Ruben Ganev – RYCX01 (RYCX/Reclaim the City)
Reclaim Your City, eigentlich ein toller Spruch. Und was für ein Label! So eines, bei dem Kallax-DJs ja gerne kann man blind kaufen sagen. Und dann kauft man eine Platte, und alles ist anders. Man hat nämlich das Sublabel erwischt. RYCX. Wofür das X steht, puh. Das Rotterdamer Label wird schon seine Gründe haben, Ruben Ganev nicht neben, sagen wir, Mike Parker, Wata Igarashi oder Polygonia zu packen. Ganev schnippelt jedenfalls wenig unfallchirurgisch am immer toter getretenen Technotropf herum. Er macht einfach das, wie man das im Lehrbuch für Berghaintechno 2012 gelesen hat. Ein guter Loop, fünf Minuten, bäm! Das mag nicht der Elektroschockansatz sein, aber mit dem hantieren ohnehin andere. Deshalb, blind oder lebendig: ein, ähem, Pflichtkauf für jeden Fan. Christoph Benkeser
