Unter dem Vorwand einer großangelegten Anti-Drogen-Offensive, dem sogenannten „Delta-Programm”, geht die ungarische Regierung gegen die hiesige Clubkultur vor. Eine seit Ende 2025 verschärfte Gesetzgebung ermöglicht es den Behörden nun, Veranstaltungsorte bereits bei geringstem Verdacht oder aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen Dritter zu schließen. Dabei werden Clubbetreiber:innen kollektiv für das Verhalten ihrer Gäste haftbar gemacht, was in den letzten Monaten zu einer Welle von Schließungen namhafter Budapester Nachtinstitutionen wie dem Arzenál oder dem Kulturzentrum Turbina führte.
Greta Allgöwer hat mit Peter Gombas, einem DJ, Veranstalter und Autor des Magazins Primate.Hu aus Budapest, gesprochen. Im Interview erklärt er, wie sich die politische Situation in Ungarn anspannt und auf Clubkultur und Nachtleben auswirkt. Gombas spricht außerdem über seine persönlichen Zukunftsängste und die allgemeine Frustration der ungarischen Underground-Kultur.
GROOVE: Wie nimmst du die aktuelle Situation in Ungarn wahr?
Peter Gombas: Die Situation ist sehr schlecht. Im Januar musste der erste Club schließen. Inzwischen passiert das fast jeden Tag. Bis zur Wahl im nächsten Monat wird es wohl noch schlimmer werden.
Die ungarischen Parlamentswahlen finden am 12. April statt. Hast du Hoffnung, dass sich das danach ändern wird?
Wenn die aktuelle Regierung bleibt, wird es noch schlimmer. Diese ganzen Razzien und Club-Schließungen haben nämlich nichts mit dem Kampf gegen Drogen zu tun. Nur: Wenn eine Person mit Substanzen erwischt wird und behauptet, diese im Club gekauft zu haben, wird der ganze Club geschlossen. Die Politik will damit die Underground-Kultur, die wirtschaftlich nicht von der Politik abhängig ist, zerstören. In Budapest sind die Leute schließlich eher gegen die Regierung. Aber außerhalb von Budapest, in den kleinen Dörfern Ungarns, leben ältere Leute. Sie lesen die Propaganda aus den Medien, die allesamt der Regierung gehören, und werden brainwashed.

Aktuell sieht es für die Oppositionspartei unter Péter Magyar nicht schlecht aus. Wie siehst du das?
Die Fidesz-Regierung ist seit 16 Jahren an der Macht, und lange hatte die Opposition keine Chance auf einen Wahlerfolg. Aber seit zwei Jahren gibt es eine Opposition, die an Stärke gewonnen hat. In Budapest wird sie sicher mehr Stimmen holen. Ob es darüber hinausgeht, weiß ich nicht.
Das hört sich so an, als wäre das Thema Politik auch in der Clubkultur allgegenwärtig.
Seit zwei Jahren geht es nur noch um Politik. Im Geschäft, Schwimmbad und in der Kneipe wird nur darüber gesprochen. Auch die jungen Leute sprechen darüber. Politik ist in meinem Wohnzimmer, sie ist überall. Ob ich will oder nicht.
„Politik ist in meinem Wohnzimmer, ob ich will oder nicht.”
Spürst du einen Zusammenhalt in der Szene und einen gewissen Kampfgeist gegen die aktuellen Repressionen?
Ja, die Clubs unterstützen sich gegenseitig. Vor ein bis zwei Wochen haben ungefähr 50 Clubs ein gemeinsames Statement unterschrieben, in dem sie sich gegen die strenge Strafverfolgung positionieren. Trotzdem: Die Schließungen sind existenzbedrohend. Wenn ein Club für Wochen oder Monate schließt, bekommen Security, Barkeeper:innen oder Booker:innen und ihre Familien kein Gehalt. Es geht um mehrere hundert Leute, die ihre Jobs verlieren. Deshalb wenden sich betroffene Clubs mit Spendenkampagnen an die Öffentlichkeit. Manche Clubgäste verzichten auch auf die Rückerstattung bereits gekaufter Tickets für Events, die wegen einer Clubschließung abgesagt wurden. Das alles wird aber nicht ausreichen: Budapest hat viel Tourismus, die Leute kommen auch für das Nachtleben. Wenn sie lesen, was hier los ist, kommt niemand mehr.

Lassen sich die Leute von den Gesetzen abhalten, auszugehen?
Also ich nicht. Wenn wir zu Hause bleiben, gewinnt die Regierung. Trotzdem sagen viele meiner Freunde, dass sie in der aktuellen Lage keine Lust darauf haben. Nicht weil ihnen verboten wird, zu konsumieren, sondern weil sie eventuellen Stress mit Beamt:innen vermeiden wollen. Weil sie eigentlich ausgehen, um Spaß zu haben.

Also kannst du quasi zusehen, wie sich die Clubs leeren?
Auf einer Party im Aether war kürzlich die übliche Menschenmenge. Vor den Toiletten war keine Schlange, nie! An den Türen hing ein ausgedrucktes Blatt Papier: „Please use the bathroom 1 person at a time. Thank you.” Ich glaube, das beschreibt die Situation ziemlich gut.

Dann war ich außerdem auf dem Kassa Boat tanzen, auf einer Party von Technokunst mit Claudio PRC und Reeko. Die Tanzfläche war angenehm gefüllt, es gab immer Platz zum Tanzen. Gegen 3 Uhr morgens waren in allen Clubs sichtbar weniger Leute.
Wie ist deine persönliche Gefühlslage dabei?
Ehrlich gesagt habe ich Angst. Die Propaganda macht mich nervös. Ungarn ist quasi zurück in der Kommunistenzeit. Dabei war Budapest immer eine kosmopolitische Stadt. Ich glaube, sehr viele Leute werden auswandern, so lange sie es noch können. Denn irgendwann werden die Grenzen wahrscheinlich geschlossen. Ungarn verlässt die Europäische Union und wendet sich Ländern wie Russland und China zu. Ich werde auch gehen müssen, wenn es dazu kommt. Denn hier habe ich nichts mehr zu tun. Diese Szene ist mein Leben, und jetzt wird alles zerstört. Ich bin der Feind der Regierung. Ich hoffe, dass sich mit der Wahl etwas verändert. Denn eigentlich liebe ich mein Heimatland.