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Die Platten der Woche mit Brendon Moeller, Tommy Four Seven, Lurka, Per Hammar und Sam Goku

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Brendon Moeller – Sprawl Circuitry (Delsin Records) 

Brendon Moeller stochert gerne im Morast, das Label Delsin ist dort ohnehin zuhause. Gut, wenn sich Zwei finden. In der alternativen Realität des Interpreten hat das Neunauge den Kleinen Wassermann genüsslich verzehrt: Der Tümpel trübt bedrohlich, so lange, bis er kippt.

„Where The Hurt Heals”, heißt der Opener passenderweise. Katharsis, Reinwaschung im Dreck, an der Schnittstelle von Bass Music und Techno. Wer nun noch das böse Wort Tribalismus in die Runde wirft, wenn die ersten Bläser den endgültigen Ritus einläuten, schreit ein genüssliches BINGO in den Abgrund. „Feast Of Snakes” beschwört Pessimist, Loefah und Mike Parker in der Schlangengrube, hypnotischer, oldschooliger Techstep. „Vortex Patrol” ist ein einziges Anschwellen, das in Subfrequenzen und Perkussion an den Shackleton aus Skull-Disco-Zeiten erinnert und nach der Hälfte mit Pads über schwereloses Terrain levitiert. „Void Loop” schließt daran an und zerfließt unter insektoidem Zirpen, ein fein produzierter, aufgeräumter Grower mit Hallmomenten, die sich über den restlichen Beat legen wie fette Nacktschnecken über Grashüpferkadaver. In „Swamp Sermon” kreucht und fleucht alles Mögliche im Biotop, aufgescheucht von einer zitternden Bassline, wie sie auch Claudio PRC oder Makam zucken ließen, hier entsteht im besten oxymoronischen Sinne eine neue Ursuppe, ohne geraden Beat, dafür mit mächtigen Build-ups. An sechster und letzter Stelle folgt der Titeltrack, der am ehesten rhythmische Solidität erreicht. Der subaquatische Wolpertinger fristet sein Dasein an der Spitze der Nahrungskette, glitschig, wirkmächtig, in Form von stolperndem Bleep Techno, der keine Fehltritte verzeiht. Maximilian Fritz

JakoJako, Rrose, Tommy Four Seven – Stratum I (2 0)

Manchmal macht Techno nicht bumm bumm bumm, sondern eher: ssshhhhh. Beispiel? Tommy Four Seven. Der betreibt sein nigelnagelneues Label 2 0 wie andere Leute ein Stahlwerk – mit einem speziellen Blick für das Wesentliche, das eigentlich Metall ist, aber auf die Fresse bedeutet. Wobei, Stratum I – klingt erst mal nach Geologieseminar, dritter Stock, Raum C3. Erst mit der Hydraulikpresse hört sich das nach Verschiebungen an, also Erdschiebungen. Da ist JakoJako. Dort ist Rrose. Beide haben sich Dreck ins Gesicht geschmiert. Beide wissen, wie sich das anfühlt, wenn der Boden unter dir nicht mehr Boden ist, sondern ein, na ja, tiefes Loch. Man könnte das Peaktimepeeling für Bohrköpfe nennen. Oder die letzte Platte, die man mit dem Magen kauft. Aber das wäre so wie Tunnel ohne Helm: ziemlich blöd. Christoph Benkeser

Lurka – Toxic (Damage)

Gestern im Theater gewesen, Büchner gesehen, also, die Augen haben gesehen, während sich der Kopf in eine beispiellose Alptraumspirale begeben durfte. Da schafft auch der überteuerte Pausensekt keine Abhilfe, also, der alkoholfreie erst recht nicht und gerade: Jetzt wird nicht in horizontalen Reihen gesessen, dafür in vertikalen gestanden. Es steht geschrieben: soziales Schleudertrauma im Kreuzwortformat. Bleibt nur die Frage für den dritten Akt: Herr Tambourmajor, können Sie auch etwas anderes spielen als diese bösartige Leier?

Niemals!, sagt Lurka. Der kennt sich mit alptraumhaften Arrangements nämlich aus, also inhaltlich, weil produktionstechnisch ist an seiner neuen Kurzspielplatte Toxic kein Gramm Fett dran. Das ist elektronischer Body-Horror mit mikroskopisch präzisem Sounddesign im erweiterten Bass-Music-Spektrum. Die Produktion ist puristisch und eindringlich, irgendwo zwischen Dancefloor und Sicherheitsverwahrung. Beweismittel B: „Bliss Portrait”. Im Vordergrund läuft eine rhythmische Latin-Bass-Spur während sich ominöse Vocal-Pads reinmischen, nur um im nächsten Moment von einem dissonanten Kreissägen-Synth zweigeteilt zu werden. Ein klanglich immersiver Erregungstransfer, der harmlos masochistisch ist. Jakob Senger

Per Hammar – Ohm Alone EP (Kalahari Oyster Cult)

In der Südsee nach Perlen fischen, um danach kultartig ums Feuer zu springen und die üppige Ausbeute mit freudigen Augen auf dem sogenannten Präsentierteller zu drapieren. Das Ganze, um Per-Hammar-Schlag das angefangene Kunststück zu vervollständigen: Brillant, extravagant und stellenweise auch ein bisschen Selbstironie. Aber natürlich nicht zu viel von allem. Die Waage halten, ist hier das Gebot der Stunde.

Zum Glück kommt passend zum Start der Frühlingssaison der Kalahari Oyster Cult ums Eck und präsentiert eine neue Scheibe: Dubby, technoid und alles in viel Groove verpackt. Während sich besagte Selbstironie in der trancigen Melody des Titeltracks „Ohm Alone” widerspiegelt, wird der Sound mit fortlaufender Spieldauer immer progressiver. Gefühle lauwarmer Festivalnächte lassen grüßen. Schade, dass der März erst angefangen hat: Dann heißt es wohl, den Krokussen beim Verblühen zuzusehen. Michael Sarvi

Sam Goku – Yulun EP (Paryìa

Pünktlich zu den ersten beständigen Sonnenstrahlen des Jahres liefert Sam Goku seine neue EP Yulun. Der Opener „Irises” – oder übersetzt: Schwertlilien – startet mit kräftigem Bass und baut sich langsam durch sich wiederholende, prominenter werdende Piano-Elemente auf. Eine schwebende Melodie über den beständigen Bässen und Percussions macht den Track leicht und luftig. Als wäre er der Übergang von den kalten, dunklen Winter- in die warmen, schönen Sommertage. Schwertlilien stehen nämlich für den Beginn des Sommers, in der chinesischen Kultur sogar für die Verheißung guter Nachrichten und die Abwehr des Bösen. Sam Goku verarbeitet auf seinem Paryìa-Debüt die langsamen Bewegungen des chinesischen Wushu. Diese Kampfkunst hat er als Kind bei seinen Großeltern in China nachgeahmt – nun übersetzt er sie als Klang in seine Produktionen.

Auf dieses erheiternde Klangerlebnis folgt „Yulun”. Ein langsamer Aufbau mit zufällig wirkenden Elementen, die wie aneinanderklopfende Bambusstäbe klingen. Oder ein Klangspiel, das sich sanft im Wind bewegt. Der schnellere Rhythmus der sanften Claps versetzt eher in Aufbruchstimmung. Es folgen unerwartete Pianoklänge, als wollten sie mit ihrem lauten und bestimmten Auftreten wieder in die Realität zurückholen.

„Fluor” ist der dritte Track der EP, der mit einfachen Trommeln und einer vibrierenden Melodie startet, bevor Bässe hinzukommen. In einem träumerischen Flow baut sich eine hypnotisierende Spannung auf, bei der man die Zeit vergisst. „Rooted, fluid, vibrant” sind die drei Wörter oder Eigenschaften, mit denen Sam Goku sich selbst beschreibt. Ebenso gut beschreiben sie diesen Track, tief verwurzelt, pulsierend und stets im Flow.

Den Abschluss der EP bildet ein Titeltrack-Remix der in Berlin ansässigen DJ Cosmo. Er ist eher eine Erweiterung und Vertiefung des Klangbilds, lässt schweben und klingt angenehm vertraut. Ein entschiedener letzter Ton der EP beweist, wie abwechslungsreich sie zwischen Ambient, Deep House und einem geradlinigen Clubsound pendelt. Greta Allgöwer

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