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GROOVE Reviews: Teil 1 der Alben im Februar 2026

Die Mixe des Monats im Februar findet ihr hier, das Motherboard hier, die Compilations hier.

Apparat – A Hum Of Maybe (Mute Records)

Das Raumschiff nähert sich dem Erdorbit. Ein Schwebezustand, kurz vor dem Andocken an die Raumstation. Der perfekte Moment, um A Hum Of Maybe zu hören. Mit seinem neuen Album entwirft Sascha Ring alias Apparat ein musikalisches Solarsegel, das sich langsam entfaltet. Musik aus einem Guss, irgendwo zwischen Ambient, Minimal, Pop, Kammermusik und jener schwer benennbaren Sphäre, die eher gefühlt als erklärt wird.

„A Slow Collision” eröffnet hymnisch und schwebend. Galoppierende Synthesizerlinien treffen auf die rauchigen, fragilen Vocals von KÁRYYN. Die Spannung baut sich wellenförmig auf, Glitches und feine Störungen flackern auf – wie kosmisches Hintergrundrauschen. „Gravity Test” wirkt wie ein bewusstes Innehalten im Vakuum: ruhig, weltentrückt, schwerelos. Vereinzelte Piano-Licks ziehen feine Lines durch weite Flächen. „Tilth” öffnet sich stärker dem Pop, ohne seine Spiritualität preiszugeben – verschränkte Vocals, elektroakustische Texturen. Immer wieder taucht dieses unterschwellige Vorwärtsmoment auf. „Hum Of Maybe” gleitet mit schwebenden Texturen und einem dezent treibenden Rhythmus voran, soulful und zugleich entrückt. „An Echo Skips A Name” ist ein langsamer Trip: prononcierte Vocals, die sich Zeit nehmen, getragen von sich aufschichtenden Soundflächen, mehr Andeutung als Aussage. „Enough For Me” wirkt wie eine innere Einstimmung, fast kammermusikalisch. Ein Hauch akustische Gitarre, Besinnung, ein sanft treibender Puls – Kammer-Pop-Electro in konzentrierter Form. „Lunes” setzt auf feine, tragende Stimmen, Harmonien verschränken sich mit den Keys, der Rhythmus tastet sich vorsichtig vor. Glitches tauchen auf, dekonstruktive Elemente blitzen kurz durch – Erinnerungen daran, dass nichts statisch ist. Besonders eindrücklich gerät „Williamsburg”. Fast Folk. Gitarre, Piano, fragile Harmonien, Elektronik nur als fernes Echo. Der Song baut sich auf, franst aus, kippt in Störgeräusche – wie ein akustisch rekonstruierter Atomunfall. Dann: Auflösung, Erlösung, ein langsames Verblassen. „Pieces Falling” schwebt danach wie ein sanfter Nachhall. Ambient, die Stimme nie aufdringlich, eher Teil der Atmosphäre als erzählende Instanz. „Recalibration” fühlt sich an wie das Wiederfinden nach dem Fallout: beschwörende Vocals, Zeit dehnt sich, der Kosmos ordnet sich neu. Es gibt ein Danach. Liron Klangwart

Daphni – Butterfly (Jiaolong)

Vielleicht ist das Ausdruck von Autoritätshörigkeit, doch irgendwie beeindruckt es schon, zu wissen, dass der Produzent Dan Snaith alias Manitoba alias Caribou alias Daphni promovierter Mathematiker ist. Was ihm, ganz nebenbei, Heimvorteile beim Programmieren von Sounds exakt nach seiner Vorstellung und ganz allgemein dem Konstruieren von Tracks verschafft. Wo er als Caribou eine Art Indie-Club-Stil kultiviert hat, darf es bei Daphni ein bisschen mehr knallen. Seine Version von House, die er unter diesem Namen erkundet, geht die Dinge geradlinig und bis zu einem bestimmten Punkt auch konventionell an. Eine Nummer wie „Clap Your Hands” bietet alles, was große Dancefloors verlangen: eine Parole zum Anheizen, Steigerungen und Drops, um dem Rumms-Bass mehr Gewicht zu verleihen. Überhaupt diese wuchtig komprimierte Bassdrum, die ohne Rücksicht auf Verluste pumpt. Ist das alles ein Ausdruck nachlassender kreativer Ambition oder ein bewusstes Lockerlassen, um jene Formen des Feierns zu erkunden, die Snaith (auch) gefallen, denen nachzugehen er bisher jedoch nicht so richtig gewollt – oder womöglich gewagt – hat? Die Kritik zeigt sich gespalten zwischen Euphorie und Enttäuschung, doch offen gesagt, ein echter Grund zur Klage lässt sich auf Butterfly nicht finden. Für den Verfasser genügen Momente wie in „Waiting So Long”, in denen Snaith die Titelzeile mit seiner fragil-heiseren Stimme über einem Nu-Disco-Ungetüm intoniert. Die Spannung, die aus diesem schlichten Gegensatz entsteht und die einnehmend Trauer mit Ekstase mischt, bekommt nicht jeder hin. Kleine Morricone-Verneigungen am Rande dürfen da ebenfalls sein. Wie sagt man heute auf Deutsch? Nice. Tim Caspar Boehme

Exit Safe Mode – Trice (Exit Safe Mode)

Ein restloses Gleiten hin zum Vollkommenwerden, zur völligen Hingabe an eine Art-Sound-Narkose. Wie ein Sog zieht Trice, das neue Album von Exit Safe Mode, in mentale Abwesenheit und driftet durch Dub-Oasen, die selbst DJ Pete gefallen dürften. Peaktime wird hier nicht über erhobene Hände definiert, sondern über Geduld, Antizipation und eine Rhythmik, die ihre Wirkung aus graduell wachsender Dringlichkeit zieht.

Diese Progressivität durchzieht die LP von Labelkopf Margus Löve und verleiht ihm eine selten gewordene Album-Logik: Die Dancefloor-Ethik entfaltet sich erst im chronologischen Hören vollständig. Das eröffnende „Blink Of An Eye” deutet mit dubbigen Fragmenten bereits jene massiven Klangräume an, in denen sich Trice bewegt. Wie weit sich Tracks räumlich ausdehnen können, zeigt „Starlight”: breite Pads, springende Basslines, stechende Synthesizer und präzise gesetzte Drums füllen ein Spektrum, für das andere drei CDJs benötigen würden. Dennoch kippt das Album nie ins Dub-Rührei – Dub bleibt Fundament, während bei „Rival Of Hope” klar konturierter, punchy Techno hervortritt.Löve, seit der Jahrtausendwende eine feste Größe im Umfeld dunkler Bass Music, demonstriert hier vor allem Handwerk. Trice wirkt wie eine elektronische Lehrstunde, die in einem Ausläufer endet, der dem Opener die Hand reicht und den Kreis elegant schließt. Paul Sauerbruch

Grace & Raffaella – Grace & Raffaella (meakusma)

Grace & Raffaella ist wie ein Traum in Endlosschleife: flüsternde Stimmen, pulsierende Loops, subtile Beats und kleine Geräusche, die wie zufällig hereinwehen. Hinter dem Projekt stehen die beiden Künstlerinnen ML and Vittoria Totale, die sich an der Schnittstelle von Clubmusik, Performance und literarischem Spoken Word bewegen. Ihre Arbeit ist tief in einer europäischen DIY- und Kunstszene verwurzelt. Veröffentlicht wurde das selbstbetitelte Album auf meakusma, dem belgischen Label und Festival-Kollektiv aus Eupen, das seit Jahren für kompromisslose experimentelle elektronische Musik steht – zwischen Installation, Club, Improvisation und avantgardistischem Pop.

Entsprechend fügt sich Grace & Raffaella nahtlos in den Katalog ein: Musik als offenes System, als Prozess. Jeder Track öffnet ein eigenes Fenster in diese leicht surreale Welt. „John Is Not There” flackert wie ein Herzschlag, der durch den Raum hallt. „It’s A Strange World” kippt in glitzernde Electro-Texturen. „My Animal Thinking” verwebt literarische Fragmente mit einem fetten Subbass, während „Candy Culture” auf den hypnotischen Club-Marathon setzt – verspielt, abgründig und langgezogen. „Microscopic Touch” ist intim und zerbrechlich, „What a Beautiful Dress” dagegen funktioniert elegant und verspielt. „Walking Around with K.A.” gleicht einem urbanen Spaziergang, „Gaby’s Coat” wärmt mit Stimmen und elektronischem Tiefgang, und „Tang Of Sheng” schließt wie ein tranceartiges Kaleidoskop aus Klangfarben. Stilistisch bewegt sich das Album zwischen Minimal Wave, Spoken Word, experimenteller Electronica und langsam atmendem Groove – Musik für Kopfhörer, Galerie und dunkle Tanzflächen gleichermaßen. Alles in allem ist Grace & Raffaella ein hypnotisches, digitales Geflecht aus Minimalismus, surrealem Pop und elektroakustischer Körperlichkeit: introspektiv, klug und seltsam zugänglich. Liron Klangwart

KMRU – Kin (Editions Mego) 

Die Musik von Josef Kamaru alias KMRU habe ich vor allem durch sein Album Logue von 2021 kennen und lieben gelernt. Field Recordings, organisch generiertes, reduziertes Drumming und atmosphärisches Sounddesign verwoben sich hier zu einem der vielschichtigsten und originellsten Ambient-Alben. Der umtriebige Wahlberliner mit kenianischen Wurzeln hat aber auch insgesamt einen sehr beeindruckenden Output auf Labels wie Warp, Injazero oder eben Editions Mego, wo mit Kin nun sein neuestes Werk erscheint.

In Gesprächen mit dem 2021 leider verstorbenen Labelgründer Peter Rehberg wurde der Grundstein gelegt für ein Album, das sich viel Zeit lässt mit elegischen Drones, freistehenden Flächen und reichlich Distortion. Und auch fünf Jahre später sind Rehbergs Spuren zu erkennen, etwa in einem Sound, der mehr als einmal an Label-Buddy Fennesz erinnert, der mit Rehberg und Jim O’Rourke das gemeinsame Trio Fenn O’Berg bildete. Verwunderlich sind die Reminiszenzen aber nicht, ist Christian Fennesz doch auf dem Album persönlich vertreten: „Blurred” kombiniert seinen Signature Sound mit Gitarrentupfern zu einer sich gemächlich aufbauenden Wall of Sound. Die epischen 20 Minuten von „By Absence” arbeiten sich Layer über Layer durchs gesamte Frequenzspektrum und bringen damit die Essenz des Albums und KMRUs Gabe auf den Punkt, mit feinen Nuancen und Zwischentönen Geschichten zu erzählen, die sich vor allem beim konzentrierten Hören erschließen. Stefan Dietze

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