Sie hat sich rar gemacht in den vergangenen zehn Jahren. Die schon immer und immer noch in Oakland, Kalifornien lebende Marielle V Jakobsons hat nach ihren wegweisenden Arbeiten mit den Wüsten-Psychedelikern Date Palms und vereinzelten Veröffentlichungen mit Saariselka, ihrem Duo mit dem gleichgesinnten Partner und Americana-Ambient-Allstar Chuck Johnson, die Zurückhaltung, wenn nicht gar den Rückzug und die Konzentration vor das Durchackern und einfach Weitermachen gestellt. Keine Pause gemacht, aber den Dingen ihre eigene notwendige Zeit gegeben. Diese Besinnung auf das Wesentliche, diese erstaunliche Präzision in der Umsetzung von so wenig greifbaren, flüchtigen emotionalen Zuständen ist in jeder Sekunde ihres tatsächlich erst dritten Soloalbums The Patterns Lost to Air (Thrill Jockey, 20. Februar) spürbar. Das Setup ist minimalistisch; ein neuer Analogsynthesizer, ein altes Fender Rhodes und eine Violine genügen den Stücken, um eine fragile wie vorläufige Einheit von organisch-akustischen und synthetisch-elektronischen Sounds herzustellen. Brillante, tiefgehende wie berührende Musik braucht so wenig. Es ist immens wertvoll, daran immer wieder erinnert zu werden, selbst wenn es so selten ist wie bei Marielle V Jakobsons.
Eine mehr als erstaunliche Entwicklung hat Midori Hirano vom Sechs-Quadratmeter-Kinderzimmer mit E-Piano in Kyōto nach Berlin gebracht, von der klassischen Ausbildung am Klavier über experimentellen Folk-Pop und schwelgerische Pianoballaden zu elektroakustischen Tape-Experimenten und einer Meisterschaft in der kreativen Beherrschung störrischer Modular- und Analog-Maschinen. Nach über 20 Jahren Aktivität mit mindestens ebenso vielen Veröffentlichungen – die zahlreichen Kollaborationen gar nicht mitgezählt – könnte OTONOMA (Thrill Jockey, 20. Februar) tatsächlich so etwas wie Konvergenz, Zusammenfluss und Übersicht über ihr Werk und ihr geballtes Können darstellen. Ein Showcase dessen, was alles möglich ist, mit genug Erfahrung und Weltoffenheit und einem explorativen, sich nie mit dem Erreichten zufrieden gebenden, nie ruhenden Gemüt. Die Stücke sind zwar vorwiegend am Synthesizer entstanden, transportieren aber Spuren aller ihrer Karrierestufen, von den euphorischen Pianoballaden bis zur abstrakten Klangforschung, immer eingebettet in einen warm fließenden Sound-Strom, doch zu instrumentalem Songwriting kondensiert. Intim, intensiv und immens schön.
Die Kölner Cellistin Emily Wittbrodt ist, wie zum Beispiel in dieser Kolumne erwähnt, als Agentin einer unverkrampften Avantgarde in diversen, immer changierenden Konstellationen freier Improvisation oder neumusikalisch-elektroakustischer Komposition immens umtriebig. Ein Interesse an Pop und Poesie war sogar in ihren eher kopfstrengen Projekten zu erspüren, recht deutlich etwa in der Kollaboration mit Annie Bloch. Dass sich die gar nicht so heimliche Liebe für Art-Pop und Rock-Opern allerdings einmal zu einem so erstaunlichen exquisit exzentrischen Konzeptalbum wie Wearing Words (Futura Resistenza, 3. Februar) bahnbrechen würde, kommt doch als Überraschung. Es ist ein Stück gediegene Tonkunst, das Inspirationsquellen anzapft, wie etwa die Queen der späten Siebziger oder das, was in näherer Vergangenheit zum Beispiel Benjamin Clementine oder Rufus Wainwright mit Soul/R’n’B und Folk/Pop versucht haben, oder – mit vergleichbar intensivem Schmerzensvibrato – Anohni, als sie noch Anohni and the Johnsons hießen. Also direkt überrumpelnde, unmittelbar verständlich eingängige Popmusik mit dem Anspruch eines Gesamtkunstwerks, als neuzeitlich symphonische Über-Oper.
Die polnische, aktuell zwischen Zürich und London pendelnde Violinistin Magda Drozd hat in den vergangenen sieben Jahren ein erstaunlich breites wie weit offenes Werk geschaffen. Beginnend mit elektroakustischer Pflanzenmusik über imaginäre Mittelalter-Folklore als von Dungeon-Synth inspirierte Neoklassik bis hin zu zahlreichen Arbeiten für das Theater, war es zu Divided By Dusk (Präsens Editionen, 23. Februar) offenbar ein kurzer, direkter Weg mit vielerlei Abschweifungen. Ihr jüngstes Album für das freigeistige Luzerner Label Präsens Editionen zeichnet sich daher vor allem durch eine Abwesenheit aus: nämlich jeder Art von Hierarchie. Quasi barocke Kompositionen verweben sich mit flirrendem Noise, freie Improvisation mit psychedelischem Beinahe-Post-Rock, theatralischen Pauken und subtiler Sound Art. Ein wildes, aber immer sinniges Gemenge, in dem Momente inniger Schönheit nicht nur möglich, sondern offenbar und erwünscht sind.
Über Nacht zum Genre-Superstar zu werden ohne nennenswerte Promotion, ohne Social-Media-Hype, rein aus der Musik heraus, das gelingt nur noch selten. Peel, das erste Album Joseph Kamaru auf Editions Mego, war vor sechs Jahren so ein unerwartetes Ereignis. Unter dem Alias KMRU hat der zwischen Berlin und Nairobi pendelnde Kenianer seither eine erstaunliche Bandbreite elektronischer Sounds produziert: aus Field Recordings und Samples, aus Analog-Synthesizern und digitalem Soundprocessing, manchmal mit kleinen Beats, öfter ohne. Kin (Editions Mego, 13. Februar) das erst zweite Album für das Label, das ihn entdeckte, wirkt angesichts von Umfang und Bandbreite seines Katalogs ein wenig wie eine Hommage an das Debüt, definitiv auch an den verstorbenen Labelgründer Peter „Pita” Rehberg. Also tendenziell ausladend lange Tracks, immens reich an der körnigen Textur prozessierter Field Recordings und nur leicht geglättetem Noise, angereichert mit gespielten, akustischen und synthetischen Klängen. Stücke, die einen ganz eigenen Platz reserviert haben im Zwischenraum von warmem Drone und Dark Ambient. Ein Sound, der – ungewöhnlich reif und frühvollendet für ein Debüt – schon auf Peel praktisch perfekt ausgebreitet wurde. Die Unterschiede zu Kin liegen daher nicht in der Verfeinerung oder Erweiterung des Soundspektrums, sondern in einem noch subtileren, noch gekonnteren Arrangement der Bestandteile zu Songs ohne Songstruktur.