Amotik – Raat EP (Delsin)
Anil Chawla liebt die Katharsis. Als Amotik mesmerisiert er seit über zehn Jahren mit aufgeräumtem Techno, in dem Emotion und Zug gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Der passt nicht nur auf sein eigenes Label, sondern ist bei den Niederländern von Delsin ebenso gut aufgehoben.
„Subah” baut zu Beginn der Raat EP mit unstetem Rhythmus Spannung auf, nach und nach levitieren charakteristische Pads durch das Beatschema. Das Einsetzen der Clap markiert den Startpunkt für den Floor, der Break kurz darauf formuliert sakrale Ansprüche. Ein Track, der zu Set-Beginn Fallhöhe garantiert. „Din” bricht die Ernsthaftigkeit von Bleep Techno mit possierlichem Vogelgezwitscher auf und lässt unter gleichmäßigem Drumming lauwarme Gischt im Hirn branden. „Shaam” durchziehen fast zur Gänze Strings, die ihren Klammergriff nicht lösen. Den Haupthandlungsstrang übernimmt ein dumpf wattiertes Melodie-Motiv, das an den klassischen Berghain-Techno der Nullerjahre erinnert: in sich ruhend, einnehmend funktional. Im Titeltrack flackern zum Abschluss Synths, den Modularexkursen von Luke Abbott ähnlich. Viel Emotion, wenig Techno, und damit ein unerwarteter wie nachdenklicher Abschluss dieser EP. Maximilian Fritz

Deep Space Organisms – Inner Moment / Outer Moment (Glossy Mistakes)
Es ist das Jahr 2002: Der Euro wird eingeführt, GTA: Vice City erscheint und Brasilien gewinnt die WM. Während das neue Jahrtausend Fahrt aufnimmt, bewegen sich anderswo noch euphorisierte Raver:innen mit großen Pupillen durch dunkle UK-Warehouses zu den Sounds von Deep Space Organisms.
Das Duo, bestehend aus Andy Pitman und Simon Huxtable, flößt dem Underground-Gedanken mit rollenden Basslines und hypnotischer Tiefe neue Energie ein. Die zweiteilige EP wirkt wie ein Zeitkapsel-Moment zwischen Dub Techno und Progressive House. Wenn diese beiden Genres ein Kind hätten, würde es „Inner Moment” heißen. Das elfminütige Eröffnungsstück dürfte auf so mancher Tanzfläche schon für feuchte Augen gesorgt haben. Bedingungslose Drum-Loops, die sich Progression und Veränderung erlauben, ziehen sich durch auf eine Länge, in die heute locker vier Addison-Rae-Tracks passen würden. Kein Wunder, dass John Digweed den Track zu seinen Lieblingswaffen gezählt haben soll, wenn er im UK ganze Industriehallen in Ekstase versetzte. Die Stücke erlauben sich mehrere Klimaxe – nicht um schnelle Höhepunkte abzuhaken, sondern um in ihrer melodischen Dub-Welt Räume für Tieferes zu öffnen. Als Beweis für ihre Zeitlosigkeit wird die EP nun vom spanischen Label Glossy Mistakes neu veröffentlicht. Paul Sauerbruch

Henry Greenleaf – Ghost Town EP (Dimeshift)
Das Ding mit der Nostalgie kommt leider nie so ganz umsonst. Mal wieder die N64 anschmeißen, nur um gesagt zu bekommen, dass man seine gesamte Kindheit über den Controller falsch gehalten hat. Oder: Trekstor, Windows Media Player und Black Noise nach zehnjährigem Märchenschlaf wachküssen, dann erst bemerken, dass man gar keine Kabelkopfhörer, sondern ausschließlich Zahnbürstenaufsätze besitzt. Meistens ist die Währung also: Verblendung, weil: In die Röhrenjeans von damals passt du glücklicherweise eh nicht mehr rein, und für eine Fensterglasbrille fehlt dir eindeutig der Durchblick.
Bei Henry Greenleaf geht diese Rückschau wesentlich schmerzfreier vonstatten. Er begeht sie bedacht und atmungsaktiv, immer einen Schritt nach dem anderen, im 2-Step. Hier wird man nicht in den Irrglauben geführt, dass 2016 die neuen Neunziger sind, im Gegenteil. Was er mit seiner neuen EP auf Dimeshift macht, ist viel mehr: Archiv-Arbeit und die entsprechende Aufbereitung für heutige Nutzung. Asymmetrische Grooves, körperlose Vocal-Chops und ausgewählte Samples aus dem Big-Apple-Kosmos. Eine Handvoll Kicks, Snares, Hi-Hats und, irgendwo darunter, eine wummernde Bassline – pronto. Mit begrenzten Mitteln das maximale Ergebnis erzielen, ganz ohne unnötiges Gegröle. Das fühlt sich fast so an, als wäre man selbst dabei gewesen. Hach, 2006 war die Welt noch in Ordnung. Jakob Senger

Ness – Chromadelia EP (The Third Room)
Letztens postete ein bekannter Produzent und DJ auf den einschlägigen Socials ein Plädoyer für repetitive und abgespeckte, also quasi unvollendete Technotracks, um DJs für kreatives Mixen Raum zu lassen. Da ist was dran, ganz klar, auch wenn dem Thema durchaus eine Ambivalenz innewohnt. Ness wiederum hat über Jahre eine persönliche Formel entwickelt, die diese gegenteiligen Positionen perfekt austariert. Seine Tracks lassen viel Raum, sind luftig und in der Rhythmik ebenso strikt repetitiv, aber was über dem Beat passiert, ist abwechslungsreich und wunderbar kreativ. Dabei weiß der gebürtige Sarde perfekt zu haushalten; keines seiner Stücke ist überladen, und dennoch wird ständig subtil Neues eingeführt und nachjustiert. Eines seiner Hauptwerkzeuge ist Hall in allen Varianten. Damit malt Ness geradezu die großen und sich immer wieder wandelnden Hintergründe seiner Tracks aus, vor denen sich die minimalen Variationen in Klang und Struktur austoben dürfen. Mathias Schaffhäuser

Rude Futures – Acid Reaction (Rush Hour)
Musikalisches Wunderkind – das ist wohl das Erste, was einem in den Kopf schießt, wenn man den Namen Danilo Plessow hört. Der Stuttgarter stand schon mit 16 bei internationalen Events hinter den Plattentellern und ist vor allem durch sein Projekt Motor City Drum Ensemble bekannt. Nun beschreitet er mit seinem neuen Alias Rude Futures andere Wege, für das er butterweichen Wohlfühl-House gegen rohen, geballten Acid eintauscht.
Mit der EP Acid Reaction präsentiert Plessow drei Versionen seiner neuesten Produktion. Der große Unterschied zu anderen Versions-EPs: Diese hier führt Zuhörer:innen durch drei verschiedene Themen. Während die rollenden Percussions des „The Journey Mix” mit auf eine stringente sowie musikalische Reise nehmen, lässt die Deepness der „The Dub Version” beim Tanzen tief in die Knie gehen. Die „Waking Dream Version” vermittelt das beklemmende Gefühl, das kurz nach dem Aufwachen aus einem Alptraum entsteht – ein Zustand zwischen Realität und zerstückelten Bildern im Kopf. Michael Sarvi
