Die Komponistin und Musikerin Sarah Davachi gehört zu den 32 Künstler:innen aus Québec und Kanada, mit denen das Mutek-Festival in diesem Herbst auf internationale Tour geht, wie wir hier berichtet haben. Die in Calgary geborene und heute in Los Angeles lebende Davachi spielt am 22. Oktober im Rahmen des CTM in Berlin. Wir haben vorab mit ihr gesprochen: über ihre Wurzeln in Calgary, Montréal und Vancouver, die Arbeit mit der Akustik fremder Räume und die Zusammenarbeit mit Berliner Musiker:innen.
Du bist als eine von 32 Künstler:innen aus Québec und Kanada Teil der internationalen Herbsttour von Mutek, obwohl du heute in Los Angeles lebst. Was bedeutet es dir, eine „kanadische” Szene zu vertreten, und wie haben dich deine Beziehungen zu Montréal und Vancouver geprägt?
Meine erste künstlerische Praxis und meine musikalische Stimme, kompositorisch wie akademisch, habe ich in Kanada entwickelt, bevor ich in die USA gezogen bin. Besonders wichtig waren dafür meine prägenden Jahre in Calgary, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Sie haben mich auf die Arbeit am Mills College und an der UCLA vorbereitet. Ich sehe mich tatsächlich immer noch als Vertreterin dieser Stadt, auch weil sie so stark geprägt hat, wer ich als Mensch und Musikerin geworden bin. Im Vergleich zu größeren kanadischen Städten ist Calgary in der experimentellen Musikwelt außerdem kaum präsent. Deshalb empfinde ich fast eine moralische Verpflichtung, zu betonen, dass es meine Heimatstadt ist und ich dort wichtige Erfahrungen gemacht habe.
Was bedeutet Dir Kanada heute, von LA aus?
Generell finde ich es aber auch bedeutsam, dass ich über Kanada hinaus wirken kann. Da ich in Los Angeles lebe und oft in den USA und in Europa auf Tour bin, habe ich fast die Rolle einer Botschafterin übernommen und setze mich international für die Musiker:innen und Musikszenen in Kanada ein, die mich geprägt haben. 2010 bin ich aus Calgary weggezogen, um am Mills College in Oakland zu studieren. 2012 bin ich nach Kanada zurückgekehrt und habe nach einer kurzen Residenz am Banff Centre meine Zeit zwischen Montréal und Vancouver aufgeteilt. Seit 2017 lebe ich in Los Angeles.

Was haben Dich Vancouver und Montréal als Städte inspiriert und geformt?
In den fünf Jahren in Vancouver und Montréal bin ich als Musikerin enorm gewachsen, das verdanke ich großenteils den Möglichkeiten, dort musikalische Welten mitzugestalten und aufzubauen. Beide Städte waren auf unterschiedliche Weise fruchtbar und haben die Musik, die ich seither mache, stark beeinflusst. Vancouver hat mir ermöglicht, mich auf die aufgenommene Seite meiner Arbeit zu konzentrieren, mit einer Art ruhigem Fokus, den man anderswo selten findet. Montréal gab mir den Austausch mit anderen Musiker:innen durch Konzerte und Performance. Beide Städte haben außerdem sehr starke Szenen für Alte Musik und für experimentelle Musik, mit langer Geschichte in beiden Bereichen. Das hat, glaube ich, stark beeinflusst, dass ich in meiner eigenen Arbeit eine Verbindung zwischen beiden Praktiken sehen und mich als Teil einer größeren Tradition verstehen konnte.
Deine Musik basiert auf langen Dauern, langsamen harmonischen Veränderungen und dem Obertonverhalten von Instrumenten wie Orgel und analogen Synthesizern. Wie passt du ein solches Set an einen neuen Raum an, und worauf hörst du, bevor du spielst?
Das kann knifflig sein. Ich habe vor dem Konzert meist nur wenige Stunden im Raum und spiele normalerweise an einer Stelle, die akustisch nicht ideal ist, direkt vor der Orgel oder auf der Bühne hinter der PA. Vieles ist deshalb Ausprobieren, manches Vertrauen, manches Kontrolle abgeben und aufs Beste hoffen, und manches ist, im Verlauf der Aufführung auf das zu reagieren, was ich höre. Denn die Akustik kann sich drastisch ändern, wenn viele Körper im Raum sind.

Wie näherst Du Dich einer konkreten Orgel?
An der Orgel habe ich meist vier bis fünf Stunden vorher mit dem Instrument, um zu registrieren, das heißt, die Kompositionen an die spezifischen Klangfarben und die Anlage der Orgel anzupassen. Diese Zeit ist auch entscheidend, um den Klang im Raum zu hören. Beim Proben oder Soundcheck versuche ich, möglichst bewusst zuzuhören, halte oft Töne mit Gewichten gedrückt und gehe in verschiedenen Abständen durch den Raum, um zu hören, wie es tatsächlich klingt. Im Konzert gefällt mir dann aber, dass dieser Teil der Erfahrung außerhalb meiner Kontrolle liegt und akustisch Dinge passieren können, die ich nicht geplant habe. Das macht den Raum auf eine ziemlich einzigartige Weise lebendig, und darauf lasse ich mich gern ein.
Touren ist wirklich der beste Weg, solche internationalen Verbindungen zu knüpfen, die danach auf unterschiedliche Weise weiterwachsen können.
Wie begreifst Du das Erlebnis, das Du für das Publikum erschaffst?
Ich sehe mich oft als Architektin, die die Struktur der Erfahrung aufbaut: Ich schaffe Form und Gefühl, aber die Einzelheiten dessen, was darin geschieht, liegen ein Stück weit außerhalb meiner Hände. Ich lege die Erfahrung auf eine bestimmte Form an und lasse sie sich dann innerhalb dieser Grenzen natürlich entwickeln. So sind, glaube ich, alle Hörerfahrungen, und so sollten sie sein.
Du spielst am 22. Oktober in Berlin, präsentiert vom CTM, einem Festival, das für abenteuerliche Musik und seinen audiovisuellen Kontext bekannt ist. Was bringst du in dieses Set mit, und verändert der Ort deine Vorbereitung?
Ja, ich spiele eine Version meines neuen Albums The Will of Tongues. Einige der „Interludes”-Stücke übernimmt ein lokales Holzbläserensemble. Dazu spiele ich den Großteil des Orgelmaterials des Albums sowie ein paar ältere Orgelstücke vom Vorgängeralbum auf der Orgel der Gedächtniskirche. Ich freue mich enorm darauf, mit dieser Orgel zu arbeiten und in diesem Raum zu sein, denn es ist ein architektonisch einzigartiges Gebäude.

Jedes Pfeifenorgel-Set ist anders und verlangt besondere Vorbereitungen, die zum jeweiligen Instrument und Raum passen. Die Vorbereitung ist immer ähnlich, ich passe das komponierte Werk an das jeweilige Instrument an, aber die Details ändern sich, weil jede Orgel anders ist. Ich habe seit einigen Jahren kein Pfeifenorgelkonzert mehr in Berlin gespielt, und ich möchte der Musik einfach die beste Chance geben, den Raum zu füllen und Wirkung zu entfalten.
Mutek will mit der Tour Voraussetzungen für neue Kollaborationen und dauerhafte internationale Verbindungen schaffen. Welche Kollaborationen oder Szenen haben dich am meisten geprägt, und was erhoffst du dir von diesen Terminen?
Wie gesagt, habe ich in Vancouver und Montréal mit vielen Musiker:innen gearbeitet, und diese Zusammenarbeiten und Beziehungen haben geprägt, wie ich komponiere und welche Musik ich mache. Ich glaube, jede Stadt, zu der ich eine enge Beziehung hatte, hat mich auf ähnliche Weise geformt.
Am Mills College in der San Francisco Bay Area habe ich ständig mit Menschen aus allen möglichen alternativen musikalischen Praktiken zusammengearbeitet und mich ausgetauscht. Das war mit Abstand die aktivste und anregendste Szene, in der ich je war, eine solche Musikgemeinschaft habe ich nirgendwo sonst erlebt. In Los Angeles habe ich meine eigene kleine Gemeinschaft aus Menschen aufgebaut, mit denen ich regelmäßig arbeite und deren Arbeit ich unterstütze. Mit Europa ist es schwieriger, weil ich dort nie gelebt habe, aber ich war so oft auf Tour und habe über die Jahre viele Beziehungen aufgebaut. Touren ist wirklich der beste Weg, solche internationalen Verbindungen zu knüpfen, die danach auf unterschiedliche Weise weiterwachsen können.

Wie sieht Deine Beziehung zu Berlin aus?
Die wichtigsten Communitys habe ich wahrscheinlich in Berlin, Amsterdam und London aufgebaut, weil ich dort viele Überschneidungen mit Musiker:innen und Kolleg:innen gefunden habe, die in ähnlichen Kontexten arbeiten. Zu Berlin habe ich besonders viel Bezug, viele Musiker:innen dort haben meine Werke gespielt oder aufgenommen. Es gibt in Berlin einen sehr starken Fokus auf mikrotonale Musik, vor allem mit Ensembles wie dem Harmonic Space Orchestra und Microtub, die dort ansässig sind.
Für das Konzert am 22. Oktober präsentiere ich eine Version von The Will of Tongues, bei der einige Ensemblestücke von Rebecca Lane, Michiko Ogawa und Miako Klein gespielt werden. Rebecca und Michiko haben über die Jahre viel von meiner Musik aufgeführt und aufgenommen. Es sind unglaubliche Musiker:innen, deren Arbeit ich seit vielen Jahren bewundere und die mich beeinflusst haben.
Auf dieser Tour arbeite ich mit Veranstalter:innen, mit denen ich schon zusammengearbeitet habe, mit einigen, mit denen ich in Kontakt war, aber noch nie gearbeitet habe, und mit ganz neuen. Ich freue mich darauf, all diese Beziehungen für jetzt und für die Zukunft zu pflegen. Ebenso arbeite ich mit vielen Ensembles, mit denen ich noch nie gearbeitet habe, und ich freue mich sehr auf neue musikalische Partner:innen und darauf, wie sich das entwickelt.