Die Schweizer Produzentin Noémi Büchi bevorzugt schwere Kost hoher Energiedichte. Dröhnende orchestrale Samples und ballernde Sechzehntel am Piano meist in der hinteren linken Hälfte der Klaviatur. Dazu eine verzerrt herruntergepitchte Sprechsingstimme und scharfkantig geschnittene Beats mit gelegentlichen Wubber- und Saug-Bässen. Zudem eine visuelle Ästhetik von Blut und Knochen, Plastikfolie und Fleisch, Metall und Stein. Doch all diese Elemente verweisen nicht unbedingt auf eine Traditionslinie von Industrial, Dark Ambient oder rituellem Drone. Aller krassen Körperlichkeit und Dichte zum Trotz wirkt Exuvie (-OUS, 27. Februar), Büchis drittes Album für das Zürcher Label -OUS, tatsächlich verhältnismäßig luftig und frei aller nihilistischen oder tribalistischen Menschenfeindlichkeit. Zwischen der unmittelbaren Überwältigung des Klangs und der hochkonzentrierten, extrem ausgefeilten Produktion liegt eine Ebene der Abstraktion, die Büchi einzigartig und hochmodern macht. Weniger Post-Anything, mehr Future-Power-Electronics.
Zeitgenössische Kompositionen für Solo-Schlagzeug sind nicht gerade alltäglich, weder in der akademischen Neuen Musik noch in Free Jazz, Improv oder in DIY-experimentellen Zusammenhängen irgendwo dazwischen. Der kanadische Snare-Virtuose Ryan Scott, Freund und gelegentlicher Kollaborateur des kanadischen Streichquartetts Quatuor Bozzini, sammelt die Kompositionen auf 21st-Century Canadian Snare Drum (Collection QB, 13. Februar) daher konsequenterweise kreuz und quer über Szenen und jenseits von ihnen. Das oft zentrale, aber nicht immer dominante Instrument ist eine Snare der Variante Military Drum, welcher Scott allerdings alles Martialische ausgetrieben hat. Beeindruckend, was hier geht, und interessant, was eben nicht – und welch Reichtum an Klangfarbe sich doch aus dem rein Perkussiven herausholen lässt.
Schon richtig lange – also mehr als einen Monat – kein richtiges Solo-Piano-Album mehr vorgestellt. Diese Lücke lässt sich jederzeit füllen, aber vermutlich nicht immer so passgenau wie mit der jüngsten Soloarbeit des New Yorkers David Moore. Der hat Graze the Bell (RVNG Intl., 30. Januar) unter seinem Eigennamen veröffentlicht, bekannter dürfte er allerdings als Mitglied von Bing & Ruth sein, einer Band mit emsig fluktuierender Besetzung und stets variablem Umfang von ein bis 15 Musiker:innen (nicht zu verwechseln übrigens mit Ruth, der ebenfalls gerne neoklassisch und mit Piano agierenden Dark-Folk- und Dark-Ambient-Kombo des französischen Industrial-Pioniers Thierry Muller). Moore ist ein an der renommierten New Yorker „New School” studierter Pianist und Komponist, was seinen unaufdringlich virtuosen Stücken durchaus anzuhören ist. Die technische Perfektion des Klavierspiels ist allerdings niemals Selbstzweck, sie dient einzig dem Ziel, die Stücke in einen Schwebezustand abheben zu lassen, in dem die Virtuosität keine Rolle mehr spielt, in eine Art Trance wie sie ähnlich Lubomyr Melnyk mit seinem Konzept der Continuous Music anstrebt. Wo Einzeltöne so schnell und sich gegenseitig überholend und überlagernd gespielt werden, dass sie in der Wahrnehmung verschmelzen, zu einem ruhig fließenden Ganzen werden. Dieser psychedelische Drone-Effekt ist bei Moore weniger im Vordergrund, spielt aber definitiv eine Rolle, wenn in der Gesamtheit der Töne ein tief meditatives Klangbild entsteht, die einzelnen Elemente aber überhaupt nicht meditativ oder kontemplativ sind. Moore gelingt das Paradox, eine stille und ruhige minimalistische Musik aus sehr vielen und lauten Einzeltönen zu extrahieren.
Zeitgenössische Kammermusik, die nicht den direkten Crossover zum Pop sucht, keine Neoklassik sein will, muss nicht unbedingt kopfstreng, abstrakt oder unemotional daherkommen. Into Air (Redshift Records, 27. Februar), eine Sammlung jüngerer Stücke des kanadischen Komponisten Robert Humber für jeweils apart besetzte drei Gitarren, fünf Violinen, sechs Klaviere oder acht Celli, nutzt zwar vollständig die technische Exzellenz ihrer Interpret:innen, bleibt aber immer entspannt am Rand des tonalen und rhythmischen Rahmens klassischer Musik, Flamenco oder Folk.
Jazz, ohne Suffix oder Präfix, ohne Prä-, Post-, Modern- oder Krypto-, bekommt in diesem Rahmen nicht immer die Aufmerksamkeit, die ihm vielleicht gebührt. Darum hier zwei Beispiele aus Kanada, die im Grenzbereich, mit Verbindungen nach Post-Rock und Elektroakustik spielen, dennoch aber im tiefsten Kern aus Improvisation und Freiheit, Reibung und Widerstand, aus Jazz-als-Jazz erwachsen sind. Als da wären The Call (Constellation, 6. Februar) vom Montrealer Quartett Bellbird und Many Worlds (Watch That Ends The Night, 6. März) von der in Nova Scotia ansässigen Big Band Andrew MacKelvie’s Many Worlds. Zweimal Klänge der Freiheit und Energie aus Kontrolle, Können und Zusammenspiel.