Aus den Trümmern von Cyberdance hinter Alices Spiegeln muss irgendwo VASSIŁINA entsprungen sein, das imaginierte Lovechild von Rosalía, SOPHIE und Madonna. Die Athener Producerin und Sängerin sucht und findet auf i.par.ksia.ko (Kiki Music, 13. März) jedenfalls den maximalistischen kollaborativen Pop-Entwurf, der jederzeit experimentell fragmentiert dem Indie-Elektronik-Techno-Underground treu bleibt. Was ihre Songs nicht zerfleddert oder weniger konsistent macht, sondern nach der Idee von Hyperpop eben gerade erst richtig.
Die Song-Tracks der Berliner Nene H sind tief in der Clubkultur verwurzelt, kommen aus einer Partykultur, die queer, schwitzig und intensiv ist, einem Sound, der klassisch Techno und eher düster und eher hart ist. Sie bleiben aber nicht unbedingt da, wie schon Beste Aydins erste LP Ali علي von 2021 demonstrierte. Drone und Noise, bedeutungsreiche Samples, nichtfunktionale Klänge und ungerade Beats konnten die ansonsten supergeraden Techno-Techno-Fans verunsichern. Genau das passiert auch auf Second Skin (UMAY, 27. März). Dark Electronica und Dark Techno als Dokumente gegen den Schmerz, für eine Zukunft, für einen Übergang in etwas Anderes, Neues. Die straight bouncenden, meist von einem Vocal-Sample auf Kurs gehaltenen Stücke kontrastieren sehr gut mit den gebrochen dräuenden Post-Club-Tracks.
Tiefenwirksam groovender Minimalismus mit Lo-Fi-Anmutung. Selbstgenügsame, sich keinem Mainstream anbiedernde Electronica, das und nichts anderes liefert solide wie zuverlässig LIN/LOG, das langlebige Modular-Synthesizer-Projekt des Aschaffenburger Analogmaschinenbastlers Thomas Burkhardt. Dessen weitgehend obskur gebliebene, doch ungebrochen hohe Produktivität hat in der neuesten Iteration Rituals Of Being A Man (LIN/LOG, 20. Februar) deutlich perkussiven Charakter. Kompromisslos im rohen Sounddesign wie im minimalistischen Setup dengeln und klöppeln sich die Tracks weitgehend unrund und ungerade entlang von Strukturen, die Acid, Dub oder Reggaeton werden könnten, wenn sie nicht immer vorher eine Abzweigung ins Seltsame nehmen würden. Eigenwillig ist nicht automatisch immer gleich toll. Hier aber schon.
Eine eher kurze, doch gehaltvolle und ballaststoffreiche Botschaft aus der Vordereifler Jagdhütteneinsamkeit mit der Postleitzahl 56729 (Noorden, 27. Februar) schickt uns Noorden-Labelmacher Alex Ketzer. Eine außerordentlich gelungene Mini-LP zwischen moderner Electronica und klassischem Ambient. Das ausgewiesene Ziel, Ruhe und Ausgeglichenheit zu vermitteln, hat er jedenfalls lässig und mit Exzellenz erreicht.
Und wo wir schon bei den musikalischen Vollkornbrötlern sind: Ein Herz für Electronica-Außenseiter hat das Motherboard sowieso schon immer gehabt, wenn dann noch Cat-Content dazukommt, brechen alle Dämme. Der anonyme, vermutlich Berlinerische Produzent namens „perzeptiverdampfkesselqualmtbesinnlich” oder pdqb gibt seiner (Achtung: hier nicht Sexismus, sondern Cat-Content) Pussy Disco (Synaptic Cliffs, 27. Februar) tatsächlich alles, zumindest fast 75 Minuten Laufzeit lang, was selbstgemachte Synthesizermusik so kann. Es sind ultimativ eigenwillige Stilfragmente, die sich mal bei organischer Chemie, mal bei Twin Peaks bedienen, Wohlbekanntes samplen und dem noch Obskures mit auf den Weg geben. Ein psychoelektrischer Trip durch ein dichtes, aber gar nicht dunkelböses Unterholz.