Der Rostocker „Pfeilstorch”, den das weltreisende italienische Passepartout Duo aus Nicoletta Favari und Christopher Salvito in der zoologischen Sammlung der dortigen Universität entdeckte, ist ein Storch, der die lange Reise von der Winterresidenz in Afrika nach Deutschland mit einem Pfeil im Hals überlebt hat. Die Pieces from Places (Passepartout Duo, 12. Februar), eingespielt mit der spezifischen Atmosphäre besonderer Orte der Welt, klingen tatsächlich optimistisch und luftig über einem milde-melancholischen Grundton. Zwischen Post-Minimal-Music, Fourth World und warmen Synthesizerlinien entsteht hier ein Bild der heutigen Welt, wie sie eben auch ist oder sein könnte. Friedvoll, warm und nah.
Tenorsaxofon und Viola sind die Basis, von der aus Ida Toninato & Jennifer Thiessen ihre Klänge ins Offene fließen lassen, wo sich das elektrische Knistern der klanglichen Freiheit zu Songs und Strukturen fügt. Die franko-kanadischen Musikerinnen fügen auf ihrer zweiten Kollaboration Dream of Heat (Ambiances Magnétiques, 13. Februar) zarteste melancholische Klänge zwischen Freak Folk, Post-Rock und Free-Noise in fragile Einzelstücke, von denen keines dem anderen ähnelt und die doch eine wundervolle Gesamtheit von intimer Schönheit ergeben. Das perfekte Winteralbum zu den kommenden warmen Tagen, zur aufkeimenden Hoffnung, dass die Dinge besser werden, dass Erneuerung und Leben real sind.
Übergänge, Transitionen und Überschreitungen realer wie spielerisch theatralischer Art prägen die Musik des Vielfachkünstlers Tristan Allen, die vom neoklassischen Piano bis zum Puppenspiel so einige Virtuositäten vorweisen kann. Osni the Flare (RVNG Intl., 27. März) ist tatsächlich das inhaltlich und klanglich reichste Album des Brooklyners. Wo die Welt aufhört und die Fantasie anfängt, da erspielen sich diese neuen Räume, erproben sich andere Träume. Zarte Vorstellungen, in denen die leise Melancholie niemals in morbide Nostalgie umkippt, was angesichts des Sujets und der verwendeten Spielzeuginstrumente, die ja sehr leicht einen solchen Effekt haben können, ein kleines freundliches Wunder darstellt.
Es gibt Städte, in denen die lokalen Musikszenen dichter verwoben sind, wo überraschende Wechselwirkungen einfach wahrscheinlicher sind als anderswo. Montreal ist ganz offensichtlich so ein Ort, an dem es einfacher ist, das jeweils eigene Milieu hinter sich zu lassen, Interaktionen und Experimente zu wagen. So sind die individuell als Country-Folk-Rocker oder Interpreten barocker bis zeitgenössischer Komposition agierenden Shawn Mativetsky an Tabla und Percussion, Hackbrett-Virtuose Amir Amiri und Harfenistin Sarah Pagé als Trio auf der Suche nach einer World Music, die alle Klischees und Vereinnahmungen, die dem Fusion-Welt-Genre nun mal anhängen, einfach ignorieren kann. Das von Pagé produzierte Debüt Metamorphose (Fifth House Music, 20. März) definiert eine freie, freundliche und warme Welt milder Melancholie und wagemutiger Exploration, in deren Zentrum Harmonie und Schönheit stehen.
Die Zeit fliegt, und wir werden nicht nur älter, sondern manchmal auch ein bisschen jünger, gefühlt zumindest. Wenn auf News from Planet Zombie (Morr, 13. März), dem jüngsten Album der definitiv reiferen Herren von The Notwist, die Gitarren und die Bass-Rhythmus-Combo plötzlich wieder erstaunlich juvenil vor sich hinrumpeln, dann ist eben etwas passiert, innen und außen, etwas, das in die Welt möchte. Die geliebte fein-leise Melancholie, die Grundierung von allem, was den Indie-Pop der Band immer besonders machte, ist dabei keineswegs verschwunden, aber doch etwas verwandelt und aufgefrischt. Einige Hinweise, wie das so kommen konnte, finden sich auf dem Ende des vergangenen Jahres erschienenen Magnificent Fall (Alien Transistor, 14. November 2025), einer Sammlung von Odditys und Remixen, etwa von Ada. Das unübliche Probieren, das nicht Eingeübte einfach mal zu machen, in unerwartete Kollaborationen zu gehen, ergebnisoffen und ohne Erwartungen, das hält ganz offensichtlich frisch.