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Motherboard: März 2026

Synthesizer-Minimalismus war in jüngster Zeit nicht mehr so angesagt, aber das könnte sich ändern, wenn die Welt endlich Libres antes del final (Thrill Jockey, 20. März) von Colleen zu hören bekommt. Es sind nur fünf gar nicht mal so ausladend lange Stücke, die aber jedes für sich genommen nicht weniger als brillante, auf wenige Elemente reduzierte Soundscapes darstellen und alle zusammen enorme Räume öffnen, ewige, doch endlich fließende, liquide Klangwelten bauen. Erdacht und gemacht von Cécile Schott mit nur einem einzigen Gerät, dem neuen Analogsynthesizer Moog Matriarch, den auch Marielle V Jakobsons vor Kurzem so glücklich zu verwenden wusste (siehe Motherboard aus dem Februar). Wenn es noch einen Beweis brauchte, welch musikalisches Genie hinter der klanglichen Einfachheit und zurückgenommenen Bescheidenheit Colleens waltet, hier ist er.

Ihre jeweils sehr eigene und unmittelbar wiedererkennbare Sound-Signatur von paradox kraftstrotzendem und doch fast mit dem Hintergrund verschwimmendem, frontal zurückgezogenem Saxofon und komplex programmierten, doch so einfach wirkenden Vintage-Analogsynthesizerklängen hat sich in der Kombination bereits auf Remixen und Zusammenarbeiten bestens bewährt, eine echte Eins-zu-eins-Kollaboration der Wahlberliner:innen Caterina Barbieri & Bendik Giske gab es allerdings noch nicht. Und wie delikat und verzaubert wirkt die auf Barbieris Label erschienene Mini-LP At Source (Light-Years, 27. Februar). Die Vermengung und Verschmelzung ihrer Klangsprachen ist unmittelbar, beinahe alchemistisch. Zwischen Giskes Saxofon und Barbieris Buchla passt kein Handtuch mehr, das den Schweiß aufsaugt.

Analoge Synthesizerklänge alter Schule sind ebenfalls das Mittel der Wahl für den Soundtrack von Cover-Up (Thrill Jockey, 15. Januar), einer Dokumentation über den regierungskritischen US-amerikanischen Journalisten Seymour Hersh. Die seit Langem in Berlin lebende Maya Shenfeld webt mithilfe einfacher Modulartechnik und gelegentlichen zusätzlichen Instrumenten und Effektgeräten einen dichten Drone-Teppich aus psychedelisch verschwimmenden, ineinander fließenden Arpeggien. Hüllkurvenmuster, denen man jeden Dreh am Potentiometer anhören kann, die jede Kabelverbindung nachfühlbar machen. Die die Anspannung und Hektik der journalistischen Arbeit an der Grenze zur permanenten Überforderung körperlich spürbar machen und doch gänzlich für sich stehen können.

Kwesi Sey, Bruder des Experimental-Hip-Hoppers Coby Sey, ist für seine Arbeit als Produzent und Tontechniker von Popstars wie Solange, Kelela, Tirzah oder Micachu wohl noch etwas bekannter denn als Solokünstler. Als [o=o]., oder in diesem Fall als kwes., bevorzugt er auch in seinen Eigenproduktionen eine Flughöhe weit unter dem Radar der kurzlebigen Aufmerksamkeitsökonomie. Aber die Hoffnung (und durchaus nicht kleine Wahrscheinlichkeit) wäre, dass ein prominent platziertes Album wie Kinds (Warp, 27. Februar) etwas in den Mainstream schmuggeln kann, was ansonsten wohl nur einen ausgesucht kleinen Kreis von Aficionados erreicht hätte: nämlich brillanten Ambient mit exquisit rauschenden Texturen. Also ein ruhiges niedrigvolumiges Klangerlebnis, das tiefe Wirksamkeit aus der Oberfläche zieht, aus fragilen Texturen und reichen Details. Und das alles, ohne je nach Aufmerksamkeit heischen zu müssen.

Die japanische Badekultur der heißen Quellen, Onsen genannt, hat vor Kurzem erst Meitei in Klang gegossen. Wo dessen Sen’nyū allerdings auf minimal prozessierten Field Recordings basierte und einen sparsam besetzen Klangraum weit öffnete, wirkt das auf einer Onsen-thematischen Klanginstallation basierende Chalybeate (Flau, 13. Februar) von aus + the humble bee charakterlich, tonal wie inhaltlich auf deutlich andere Weise. Die musikalische Freundschaft des japanischen Producers und Flau-Labelmachers Yasuhiko Fukuzono mit dem Musiker Craig Tattersall aus Manchester bedient sich weniger direkt der Feldaufnahmen von Quellen und Wasser. Ihre Sounds sind vielmehr deskriptiv und nutzen akustische und elektronische Instrumente, um die Erfahrung der gemeinsamen Immersion, der mehr noch sozialen als nur hygienischen Funktion, die ein Onsen typischerweise hat, in weitgehend gespielte, strukturierte Songs zu gießen, diese dann aber doch so weitgehend zu Ambient zu machen, dass das Gefühl der temporären Ruhezone, des Abstands von der Alltagswelt transportiert wird. Es ist auf jeden Fall schon jetzt klar, dass Chalybeate eines der wichtigsten Alben des Jahres 2026 sein wird, im Ambient-Genre wie darüber hinaus.

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