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Die Platten der Woche mit Andy Martin & Christian Coiffure, Skream, Surgeons Girl, der VA auf The Third Room und Vinicius Honorio & R.M.K

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Andy Martin & Christian Coiffure – Split EP (Bait)

Andy Martin hat keine große Lust auf Four-to-the-Floor. Die Vier rückt auf beiden seiner Tracks auf dieser EP näher an die Drei, als so manchem durchgefeiertem Schweißknäuel auf dem Floor lieb ist. „Waterhouse” erzeugt unter kräftiger Zuhilfenahme plastischer Acid-Schlieren so ein Spannungsmoment, das sich niemals auflöst. Peaktime-Techno in Habachtstellung, gebrochen, dubby, bildgewaltig. „The Ark” ist die Kategorie Grower, die auf Afterhours Seligkeit verbreitet. Alles hallte, und nichts tat weh. Bis der Groove nach etwa zwei Minuten neue Sphären erreicht und das Sensorium flackern lässt, Hetzjagd in Zeitlupe, Forest-Drive-West-Modus, absolute Großtat.

Christian Coiffure hat Lust auf Four-to-the-Floor, trotzt dem Marschierrhythmus aber eine eigentümliche Verschrobenheit ab. Nicht nur fühlt sich „Lure” an, als habe ihm das Universum keine feste BPM-Zahl zugewiesen, um Kick und Snare kreisen unendlich viele Versatzstücke aus Tech-House und Bass Music, womit auf der Flip der nächste Desorientierungs-Banger in den Startlöchern stünde. Das metallene „Decoy” beschließt eine der stärksten EPs dieses noch jungen Jahres mit Flüstervocals und einer monströsen Bassline, die in Plastic-City– und Electroclash-Zeiten zurückversetzt. Maximilian Fritz

Skream – Midnight Request Line (Tempa) [Reissue]

Jubiläen! Oder eigentlich: Der verpauschalisierte Hinweis darauf, dass man sich nur noch weiter vom eigenen Zenit entfernt und im Treibsand uneingelöster Ambitionen versinkt. Als Gratulation gibts eine 3D-Grußkarte mit einem Dutzend unleserlicher Unterschriften und das nett gemeinte Sixpack alkoholfreien Biers, das keiner anrührt – nur mal probiert und mit beipflichtendem Kopfnicken honoriert, bevor die ambitionierte Champagnerluke in einen misstrauenserregenden Nebel aus Sektkorken und Bierschaumspitzen getaucht wird. Dazu die passende Musik. Das Problem: Es gibt so viel davon, und die selbsterhobenen Szene-Professoren stehen plötzlich am Freitagabend in deiner Lieblingsbar an den Decks und spielen B-Seiten von Loveless. Vielleicht einfach Radio? Du meinst NTS? Nein, dieses Empfangsquadrat mit Schlagstockantenne – war damals der letzte Schrei.

Oder: Kannst du dich eigentlich an die Zeit erinnern, als Skream noch cool war? So um 2005, da kam nämlich die Midnight Request Line raus. Die Transistor-Version des literarischen Quartetts für Bass Music, in dem die Fragen aller Fragen geklärt wurden: Ist das noch 2-Step? Warum bewegen sich meine Beine nicht mehr? Und überhaupt: Are we on Air? 21 Jahre später kann man sich die Kapuze des verwaschenen Burial-Hoodies tief ins Gesicht ziehen, mit dem Triggerfinger auf den HHV-Warenkorb zeigen und den Enkelkindern erzählen: Kiddos, das ist Dubstep. Jakob Senger

Surgeons Girl – A Moment To Machine EP (Livity Sound)

Wer kennt mehr als eine Sinead? Ja, da strecken sich die schlauen Socken hinter den vollgesammelten Kallaxregalen, klar. Aber, eh! Es gibt noch eine, die nennt sich Surgeons Girl und veröffentlicht auf Livity Sound. Damit ist vieles klar und manches noch gar nicht. Ihre neue Platte nämlich. A Moment To Machine ist, na ja, das Schmiermittel für die von Algorithmenschleim verklebten Bewusstseinsreste. Oder: endlich mal wieder ehrliches Interesse aus echten Instrumenten.

Beispiel? „Under This Space” peitscht dich durch den Club, aber mit einer Subtilität, die man sonst eher von der letzten Japanurlaubserzählung oder sehr teuren Scheidungsanwälten kennt. Dazwischen: Alle Synthesizer sind schon da, welch ein Singen, Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern. Und zuletzt: die große Geste an die Gegenwart, das heißt, eine Rhythmusverweigerung, die der Eilzustandsästhetik den Mittelfinger in die Nase bohrt. Nothing compares to 24-Bit-Präzision. Christoph Benkeser

VA – Coalescence (The Third Room)

„Anjos” von Rene Wise & Ignez ist ein makelloser hypnotischer Techno-Track, der um einen einzigen Bass-Impuls gebaut ist. Der Clou liegt darin, dass dieser Impuls etwas neben der Spur liegt, er klingt nicht so elegant wie die restlichen Bestandteile des Stücks, hat den seltsamen, dröhnenden Klang einer defekten Orgel. Weder lesbar noch schön verkörpert dieses spröde Element den stumpfen Genuss repetitiver elektronischer Tanzmusik. Nørbak geht es in seinem Remix des Tracks noch etwas nüchterner an. Wo andere pumpen, liefert er einen neutralen, elektrisierenden Puls, der ohne Ballast durch die Nacht treibt. Claudio PRC & Luigi Tozzi interessieren sich mit ihren entrückten Soundscapes zunächst weniger für das Hier und Jetzt des Dancefloors, ihr perkussiver Groove entwickelt dann aber erstaunlich viel Druck. In seinem Remix versieht Markus Suckut das Stück mit selbstbewussten, monotonen Cymbals mit chicago-affiner Note. Alexis Waltz

Vinicius Honorio & R.M.K – Diminishing Returns (Blueprint)

Das Licht pulsiert rot, der Nebel verdichtet den Dancefloor zu einem einzigen sich bewegenden Körper. Menschen werden zum Fischschwarm, Beine kribbeln und die Klarheit der Anlage erinnert daran, den Ohrenschutz mal wieder vergessen zu haben. Verschwitzte Arme berühren sich im synchronen Tanz, Augen schließen sich, Orientierung löst sich auf. Es ist der Moment der Überwältigung, der Höhepunkt einer dunklen Nacht: roh, erotisch, irgendwo zwischen Anziehung und Überforderung. Brutalismus sagt hallo.

Genau dort setzt Diminishing Returns an. Der Brasilianer Vinicius Honorio trifft auf UK-Techno-Veteran R.M.K. und liefert zum 30. Jubiläum von Blueprint eine Hommage an jene Form von Techno, die ohne große Gesten auskommt und gerade deshalb wirkt. Keine verspielten Brüche, kein dramaturgisches Überzeichnen, stattdessen gestreckte Grooves, die sich mächtig entfalten und hypnotische Zustände erzeugen. Bebendes Drum-Programming, hallende Claps und rollende Percussion verbinden sich mit atmenden Synthesizern zu einem Sound, der sich konstant durch die Anlage schiebt.

Der titelgebende Track illustriert dieses Bild am deutlichsten: eine wummernde Bassline, repetitive Chords als treibende Kraft und Percussion, die permanent nach Auflösung verlangt, ohne sie je vollständig zu liefern. Genau darin liegt die Stärke der EP. Kalter Schweiß, zerbrochene Bierflaschen und eine miefende Clubtoilette werden plötzlich zum schönsten Moment des Monats, weil dieser Techno nicht auf den großen Peak wartet, sondern den Zustand selbst zum Ziel erklärt. Zeitlos im besten Sinne: ein Sound, der vor Jahrzehnten funktioniert hätte und heute genauso selbstverständlich Bewegung erzeugt. Paul Sauerbruch

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