Warum der Brite Phil Barry nicht längst zum elektronischen Songwriter-Star wurde? Schwer zu erklären, wo er doch mit einem auf das Nötigste reduzierten Soundbild zu einer Zeit zu produzieren begann, in der etwa ein James Blake zu Weltruhm kam und in der Folge fleißigst um den Globus tourte. Doch zumindest in Island scheint er bis heute ein Popstar zu sein. Für den Rest der Welt waren seine Stücke vielleicht doch zu lang und der Gesang zu eigenwillig, zu introvertiert-speziell, der Veröffentlichungsrhythmus zu erratisch. Jedenfalls kommt Speech in Colour (Kicking Ink Recordings, 7. November), Barrys fünftes Album unter dem Alias Mr Fogg, ohne großes Spektakel heraus, dafür mit stiller Wucht und dunkler Schönheit. Es ist ein Sound, der einmal ein ganz großes Versprechen beinhaltete, minimal und doch emotional, treibend, hedonistisch, doch melancholisch und nach innen gerichtet, was zum Beispiel Dirk Leyers und Matias Aguayo mit Closer Musik um die Jahrtausendwende angedeutet, aber dann doch nie weiter verfolgt haben. Hier hat es einen würdigen Erben gefunden.
Als Hausband des feinexperimentellen Post-World- und Global-Electronics-Labels Favela Discos in Porto, Portugal, sind die Instrumental-Postrocker Montanha erstaunlich lokal und unbekannt geblieben. Das sollte – ja muss! – sich ändern, denn Alvorada (Favela Discos, 20. Oktober 2025) ist schlicht eines der besten und (nicht nur vom Motherboard) übersehensten Electronica-Alben des vergangenen Jahres. Immer etwas mehr als Ambient, aber doch von einer milden Wärme und Leichtigkeit, die beinahe ohne Beats auskommt, um lässig angenehme, doch nie oberflächlich-beliebige, soft-psychedelisch-krautige Sundowner-Stimmung zu verbreiten.
Die Mini-LP Alchemic Amazon (25. November 2025) auf dem Mailänder Label BSR ist so etwas wie ein Solo-Debüt der in New York lebenden italienischen Producerin und Sängerin Joiah. Sie fasst sich kurz, hat in der Konzentration allerdings sehr viel zu sagen. Das fängt bei einem kaum zu bändigenden Sound an, der von Electro über Vocal-House zu Acid und Techno-Electronica so ziemlich alles mitnimmt, was zeitgemäße Elektronik kann, und es gerne gleichzeitig und auf allen Ebenen im Raum überlagert, mit- und gegeneinander ausspielt: Das Kunststückchen ist, dass es Joiah dennoch gelingt, die Multituden in kohärenten, brodelnd-slammenden Tracks zusammenzuhalten, die, tiefgehend ungerade, doch ein Ganzes ergeben.
Wenn man keine Erwartungen erfüllen muss, sich keinem Erfolgsdruck unterwerfen will, kann man ja genauso gut etwas Interessantes machen. Der DIY-Ansatz der Producer freephilipp und Robin aus Bremen verfolgt auf dem selbstverlegten Debüt-Vinyl Randomized Life (HDMI Rec./One Eye Witness, Februar) von der Cover-Ästhetik bis zu den Sounddetails ein ganz und gar klassisches Verständnis analoger Elektronik, mit Elementen von Electro, Modular-Drone, Ambient-Drum’n’Bass und Dub nach Basic-Channel-Art. Für sich genommen also nichts ernsthaft Aufregendes, aber in der gegenüberstellenden Kombination und Ineinanderverwicklung dann doch spannend und erstaunlich schlüssig.
Snuff-Crew-Hälfte Benedikt Schmidt versteckt sein Gesicht gerne hinter einer Lucha-Libre Wrestlermaske. Das ist in seinem Soloprojekt Snuffo ebenfalls so. Der hyper-minimale, an frühem analogen Acid-Sound orientierte Sound des Duos ist in Schmidts Soloprojekt allerdings noch weiter reduziert. Auf Embrace The Arts (Snuffo, 28. Oktober 2025) geht es daher um nicht weniger, als den klassischen Maschinen-Soul der Vorjahrtausendwende in ein modernes, aber eben nicht an aktuelle Zeit und Hörgewohnheiten angepasstes Sounddesign zu bringen. Mit Berlin 2025 hat das so richtig nichts zu tun. Mit Chicago und Detroit anno 1991 dafür umso mehr. Es wäre wohl eine ziemlich hermetische und retrofizierte Übung, wäre dem roh slammenden Drumcomputer-Knattern nicht diese gewisse Electronica- und Indie-Dance-affine Lässigkeit inne, eine überaus abgeklärte Raffinesse, die den Sound dann doch ins Heute transportiert.