Die gewundenen Pfade sind die besten. Der Trip, auf dem sich das nach Jahren in Barcelona inzwischen wieder in Frankreich lebende Duo O’o befindet, scheut ungeahnte Abzweigungen ins Unterholz nicht. More Wishes, Less Bones (Infiné, 12. September), der deutlich aufgehellte Zwilling der recht düsteren Songs of Wishes and Bones vom Oktober vergangenen Jahres, arbeitet sich per Zukunft in die Vergangenheit. Es sind wundervoll sanfte und einfache, aber mitunter vertrackt-widerhakende elektronische Neo-Chansons oder eben Original-Chansons, also: Coverversionen von (naheliegend) Françoise Hardy und (weniger naheliegend und umso interessanter) Nicole Louvier. Die Originale von Victoria Suter und Mathieu Daubigné stehen dem in nichts nach.
Auf „Mirrors”, der B-Seite ihrer ersten Single von vor zwei Jahren, haben Nightbus aus Manchester ein (nein, das!) Joy-Division-Zitat eingebaut. Es gibt den Ton vor, aber verzwirbelt dann, um ganz woanders anzukommen als dem vergeblichen Warten auf den abwesenden Anderen, auf die unmögliche Erlösung. Nicht bei Nightbus, da geht es von „To the center of the city …” nicht in die Verzweiflung, sondern in den Streichelzoo. Inzwischen zum Duo geschrumpft geht ihr Debütalbum Passenger (Melodic Ltd., 10. Oktober) einen ähnlichen Weg. Die Stücke kommen klar von Post-Punk, Shoegaze, Neo-Goth. Wenn es harscher klingen soll: auch mal aus Dark Wave, Industrial und nordbritischer Winter-Depression. Aber sie enden nicht selten in gedämpft euphorischen House-Pads, mit den Saug-Bässen von Dubstep und den Stepper-Beats von UK Garage. Und sie verfügen über ein schier endloses Arsenal an Hooks und schlauen textlichen Wendungen. Übernächstes Jahr Headliner beim Glastonbury, oder mindestens beim Amphi-Festival? Zu wünschen wäre es ihnen und uns.
Der Boom der neuen Nachtschattengewächse ist unüberhörbar. Eine etwas andere Geschmacksrichtung vertritt die Berlinerin Jenny Francis, alias Jennifer Touch auf ihrem kühl-intelligenten Konzeptalbum Aging at Airports (Fabrika Records, 1. September). Und wer kennt das Phänomen nicht, wenn die Lebenszeit in Warteräumen, oder Konversationen mit Service-Center-KI dahinschwindet, in der Zeit, in der man auf gewollt unbequem designten Stühlen auf ein erlösendes „please proceed to gate C” wartet. Das Sentiment der verlorenen Zeit und des verlorenen Sinns bringt Touch zielsicher in die Form der modernen Synthese von EBM und Cold Wave, also recht zielgruppenspezifisch auf den Nenner „Neo-Goth”, wie er etwa auf dem Amphi-Festival gepflegt wird. Dass die Kunstfigur Jennifer Touch in ihrer klanglichen und visuellen Ästhetik ohne szenetypische Goth-Attribute auskommt und ihre Produktion auf dem Weg in die Dunkelheit immer von Techno oder Acid-House ausgeht, macht ihre Musik allerdings anschlussfähig weit über eine bestimmte Szene hinaus.
Postindustrielle Gefühle im nächtlichen Spätkapitalismus, das ist genau der Themenkomplex den die mittlerweile in Berlin lebende Silvia Jimenez alias JASSS auf ihrem dritten Album Eager Buyers (AWOS, 19. September) in enger werdenden Kreisbewegungen umzirkelt. Der mitunter harsche Industrial-Sound, den Jiminez auf ihren ersten Arbeiten kultivierte, ist melancholischer geworden, vielleicht sogar introspektiver, weniger direkt. Was allerdings nicht bedeutet, dass die Stücke weniger scharf konturiert oder gar leicht gefühlig wären. Das Gefühl der Dichte und inneren Schwere, das Trägheitsmoment jedes der Stücke ist immer ultrapräzise konstruiert, dann allerdings mit dem breiten Psych-Pinsel drübergewischt. Was im Ergebnis immer wieder überraschendes Pop-Potential zeitigt. Möglicherweise, oder eher: wahrscheinlich ist das die Zukunft von Trip-Hop aus dem Geiste von Post-Punk und ganz jetztzeitigem Techno.
Wenn aus einem Synthesizer-unterfütterten Choral plötzlich harsche Gitarren-Feedback-Noise-Glitches ausbrechen, die freischwebende Schönheit des Stücks aber nicht stören, sondern betonen, dann befinden wir uns in der wundervoll eigenartigen Welt von Anna Majken Bergvall aus Malmö, Schweden. Ihr Korus (Sing A Song Fighter, 24. Oktober) weigert sich beharrlich wie erfreulich, in einem bestimmten Stil zu verharren. Lo-Fi-Schrammelgitarre, vervielfacht geloopte Stimmen, neoklassische Harfe und feinste Ambient-Texturen gehören organisch zusammen und finden immer wieder in kluge, mal leicht folkige, mal leicht jazzige elektrische Dream-Pop-Songs. Das ist ernsthaft unabhängige Musik und das, was „Indie” vielleicht mal bedeutet hat. Davon gibt es leider nicht allzu viel auf der Welt, vielleicht noch anders ähnlich bei den Mitskandinavierinnen Astrid Sonne und ML Buch.
Im Zweifel für die Stimme. Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, wie viel mit Stimme allein schon geht, dem archaischsten aller Instrumente. Das von Kopenhagen aus operierende cross-skandinavische Vokal-Ensemble IKI verfolgt allerdings nicht die reine Lehre, ist weder nur Chor noch nur Interpret. Das erschließt sich schon aus den aktuell beteiligten Anna Mose, Guro Tveitnes, Kamilla Kovacs, Johanna Sulkunen und Randi Pontoppidan. Mehreren Generationen von Sängerinnen, Komponistinnen und Producerinnen, die elektronische Prozessierung und Track- oder Songstrukturen nicht scheuen, aber doch spürbare Inspiration aus der freien Improvisation wie aus der neumusikalischen Avantgarde ziehen. Das körperzentrierte Konzeptalbum BODY (TILA, 17. Oktober) bringt die Arbeitsweise des Kollektivs auf den Punkt. Abstrakte Ideen und hochindividuelle Idiosynkrasien verschmelzen zu einer gemeinsamen Stimme, an der nichts abstrakt oder abgehoben ist.
Das norwegische Kollektiv Trondheim Voices arbeitet konzeptuell und praktisch ziemlich ähnlich, verzichtet aber öfter auf elektronische Prozessierung. Ihr jüngstes Album mit dem Toningenieur Asle Karstad (interessant hier mal einen Namen einer sonst nur im Hintergrund wirkenden Profession auf dem Cover zu sehen – was aber für dieses Projekt wirklich Sinn macht) stellt sich in den Dienst eines Kinofilms des mexikanischen Regisseurs Horacio Alcalá. Der Soundtrack Sobre Las Olas (Midtnorsk Jazzcenter/MNJ Records, 30. Mai) ist komplett improvisiert, quasi live eingespielt, ohne im Geringsten „improvisiert”, vorläufig oder gar den Bildern übergestülpt zu wirken. Was für eine immense künstlerische Reife und Tiefe des Zusammenwirkens der beteiligten Sängerinnen.
Durch die Vokal-Avantgarde der kanadischen Kunstsängerin/Gesangskünstlerin und Kunstaktivistin Kathy Kennedy schwirren schon mal die Mücken, stechen aber selten zu. Die stimmintensiven doch textfreien Vowel Jams (Orchard of Pomegranates, 31. Oktober) sind tatsächlich hochgradig experimentell, aber dann doch auf gewisse Weise relaxte Popmusik, nach Art etablierter Jazz-Accapellisten wie Bobby McFerrin. Darüber hinaus gehend arrangiert Kennedy ihre Stimme allerdings in vielfacher Schichtung, sampelt, prozessiert und loopt, bleibt aber rhythmisch ziemlich geradeaus, sodass immer richtige Songs daraus werden.
Die Neo-IDM- und Post-Techno-Produktionen der in Berlin lebenden Ziúr waren stets von beeindruckend kompromissloser Experimentierfreude imprägniert. Doch es geht immer noch mehr. Auf dem Weg zu Ziúrs fünftem Album Home (Kuboraum Editions, 5. September) scheint etwas freigesetzt worden zu sein, Barrieren, Grenzen gefallen, ohne dass dabei Beliebigkeit, Noise oder Anti-Musik entstanden wäre. Die Freiheit des Ausprobierens, das Sprengen der Strukturen wirkt organisch und eingebunden, findet in Stücken immenser innerer und äußerer Diversität einen genuin eigenen Ausdruck. Ob dieser sich in zittrigen oder brutalistischen Bässen, in runtergepitchten Experimental-Vokal-Splittern oder in fragilen Beinahe-Songs manifestiert, bleibt glücklich offen, aber immer konfrontativ-frontal wie direkt. Kein Wunder, geht es doch um die allereinfachsten, allerschwierigsten Themen: Heimat und Zugehörigkeit.
In den vergangenen Wochen und Monaten waren KI und Algorithmen eher selten als Maschinen/Agenten zu hören, die der menschlichen Imagination und Inspiration zuarbeiten, statt sie ersetzen zu wollen (oder weniger freundlich formuliert: sie zu faken). In Ujif_notfound, einem multimedialen Projekt des Ukrainers Georgiy Potopalskiy, funktioniert die Arbeitsteilung allerdings noch. Vielleicht einfach deswegen, weil auf Postulate (I Shall Sing Until My Land Is Free, 9. September) ein tief humaner Schmerz, eine ganz und gar menschliche Wut über den Krieg und die Zerstörung spürbar sind. Die abstrakten Post-Club/Post-IDM-Beats und Glitches haben eine emotionale Intensität und Direktheit mitbekommen, welche KI noch nicht nachbilden kann. Erschienen ist das ganze auf dem Berliner Non-Profit Label I Shall Sing Until My Land Is Free, das humanitäre Projekte in der Ukraine unterstützt. Ein weiterer Anker in der Realität.
Stephanos Pantelas, besser bekannt als Satanskind El Niño Diablo, hat in den vergangenen fünf Jahren einen ganz und gar eigenen Berlin-Sound entwickelt, der gleichermaßen von Techno, queerem Party-Hedonismus und Elektronik-Avantgarde gelernt hat, aber nicht darin aufgeht. Der ebenso selbstverständlich zu introspektiver Electronica wie zu glamouröser Nu-Disco werden kann, zu Cosmic oder zu Industrial-Electro. Das macht The Downey Groove (El Niño Diablo Music, 19. September) allerdings gerade nicht zum erwarteten eklektischen Sammelsurium, sondern zu einem tatsächlich sehr sinnig arrangierten, stringenten Albumdebüt. Denn das Über-die-Stränge-Schlagen und die Melancholie fallen hier ebenso in eins, wie musikalisches Experiment und Lebenslust.
Wenn Ambient, purer Ambient, noch etwas Besonderes ist, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass es mit Emily A. Sprague zu tun hat. Die Kalifornierin ist nicht nur Sängerin und Songwriterin der freundlichen Indie-Folkies Florist, sie produziert hin und wieder eben Ambient auf einem minimalen Setup, das in jedes Handgepäck passt und offensichtlich auch in der letzten Japan-Tournee zum Einsatz kam. Denn Cloud Time (RVNG Intl., 10. Oktober) sammelt ihre Impressionen aus Japan als sparsamste Drone-Electronica aus wenig mehr als bearbeiteten Field Recordings und einem FM Synthesizer, der klingt, als wäre er direkt aus den Kankyô-Ongaku-Achtzigern der japanischen „Environmental Music” in die Gegenwart transportiert worden. Vielleicht liegt das Geheimnis dieser intensiven Einfachheit darin, dass Sprague sich ihre Stücke als Songs vorstellt, sie aber nicht als Songs umsetzt. Sondern eben als Tracks, als frei schwebende Ambient-Wölkchen.
Unter seinem Eigennamen produziert Daryl Groetsch aus Portland, Oregon, wolkigen Ambient, mal wärmer, mal frostiger. Unter dem sprechenden Alias Pulse Emitter sind Groetschs Tracks gleichermaßen auf der Basis modularer Synthesizer produziert, dichter und schwerer, gerne rhythmisiert und perkussiv. Auf dem von Kleinstlebewesen wimmelnden marinen Ökosystemen zwischen Land und Meer inspirierten Album Tide Pools (Hausu Mountain, 26. September) ist es ihm mal wieder – schon wieder – gelungen, die altbekannten Sounds der analogen Maschinen zu etwas Hibbelig-freundlichem und doch leicht fremden zu machen. Wie die faszinierende Tierwelt, die sich bei Ebbe in den zurückbleibenden Pfützen zwischen den Algen tummelt.
Es ist immer wieder eine Freude, wenn aus dem vermeintlich tausendmal gehörten, hundertmal abgefeierten doch noch etwas Neues erwächst. Im April als vielversprechender (relativ) Neuling vorgestellt, hat der Mann mit dem Punkt im Namen, GRDN., nun ein Album nachgeliefert, welches sämtliche Versprechen einlöst. Denn sämtliche Stücke von particles, coarse (Wandering Astray, 26. September) zeichnen sich ebenso wie die der vorausgehenden EPs durch eine äußerst durchdachte und sorgfältige Produktion sowie ein gekonntes wie subtil feinstoffliches Sounddesign aus. Egal ob die Tracks zu Neunziger-IDM inspirierter Electronica, Dub-Techno, oder zu jetztzeitigem Mitte-Zwanziger Ambient werden.
Die Hardangerfiedel ist eines der widerspenstigsten Instrumente der skandinavischen Folklore. In den Händen der Sängerin und Violinistin Benedicte Maurseth wird das knorrige Instrument ganz unvermittelt zart, ohne an klanglicher Komplexität und Fülle zu verlieren. Maurseth gelingt die schwierige Synthese von Tradition und zartesten ambienten Texturen ganz mühelos. Mirra (Hubro, 22. August) ist das ungefähr zehnte Album der seit Mitte der Nullerjahre aktiven Norwegerin, was man den Stücken anhört. Jede der kurzen gezielten Variationen und Improvisationen über die traditionelle Melodik der Gegend um den Hardangerfjord, erreicht eine immense kompositorische Komplexität und emotionale Tiefe, die dem einfachen Setup kaum zu erwarten war.
Die erste Blütezeit des spirituellen Jazz lag in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, mit definierenden Künstler:innen wie Alice Coltrane, Sun Ra (and his Arkestra) oder Pharoah Sanders. Die Revivals und Kontinuitäten (etwa von Die-Hard-Fan Floating Points) reichen bis heute. So kommt Speak To Us (Brainfeeder, 28. August) das Debüt der Sängerin Ami Taf Ra aus Los Angeles (die Sun Ra schon im Namen hommagiert) eben nicht aus dem Nichts, sondern setzt sich in eine lange Tradition, von Jazz und Fusion, welche unter anderem von dem produzierenden Kamasi Washington mit erheblichem Erfolg am kreativen Leben gehalten wurde. So ist das Album eine erwartbar üppige Angelegenheit, die keinerlei Erwartungen enttäuscht, gerne in nahe verwandte Gefilde von Soul, Funk und Dub driftet und doch im Wesenskern immer großer spiritueller Jazz bleibt.
Die Patin für den Sound des Londoner Jazz-Trios Flur ist ebenfalls Alice Coltrane, allein schon wegen des Leitinstruments Harfe. Aber es nicht nur die apart eigenwillige Instrumentierung, die Miriam Adefris (Harfe), Isaac Robertson (Saxofon) und Dillon Harrison (Schlagwerk) von Alice Coltrane gelernt haben. Es ist auch der flächige in Ambient und Drone fließende Gesamtsound, der ihr Debüt Plunge (Latency, 5. September) ziemlich besonders macht. Es ist ein Sound, der kraftvoll-zurückhaltend, virtuos aber nie kraftprotzend daherkommt. Ein sehr eleganter, sehr erwachsener Sound für so junge Menschen. Aber dann wiederum doch nicht so überraschend, denn Adefris hat Harfe schon für Floating Points oder Shanti Celeste zum Einsatz gebracht.
Das Berliner Magnetic Ghost Orchestra um Bandleader Moritz Sembritzki hat sich nichts weniger vorgenommen, als den Big-Band-Jazz in eine zeitgemäße Form zu bringen. Es sollte nicht nach Bundesjugendjazzorchester-Retro-Streberei zu klingen, aber auch nicht nach einem beliebigem Mainstream-Begleitact, der eher schlichte Soundtrack, Pop oder Dance-Stücke orchestral vielstimmig aufwerten soll. Das gelingt auf dem zweiten Album Holding on to Wonder (Fun in the Church, 26. September) ausnehmend gut. Trotz des Trägheitsmoments, das dem Gesamtsound eines so großen Ensembles zwangsläufig innewohnt, sind die Stücke immens wendig und „tight”, spielen auf, mit gleichem Abstand zwischen Math-Rock und Neo-Prog wie elegant elegischen Blue Notes. All das: auf denkbar entkrampfende und unverkopfte Weise. Dazu tragen nicht zuletzt die Stimmen der Sängerinnen (und einer Sprecherin) wesentlich bei.
Der Brooklyner Bassist Melvin Gibbs kann auf eine der ungewöhnlichsten und freiesten Musikkarrieren zurückblicken, die man sich vorstellen kann. In knapp vierzig Jahren von Funk und Hip-Hop über Hardcore zu Free Jazz, mit Sonny Sharrock, Henry Rollins, Arto Lindsay oder Afropunk-MC Kokayi, mit Grammy-Nominierung an der Seite ist das schon eine Menge. Doch die Retrospektive scheint sein Ding nicht zu sein. Zuletzt hat er mit „The Wave”, der ersten Folge der Anamibia Sessions, erschienen kurz vor Peter Rehbergs Tod auf Editions Mego, eine interessante Analyse feinkörniger elektronischer Noise-Partikel nahe der Stille abgeliefert. Der zweite Teil Amasia: Anamibia Sessions 2 (Hausu Mountain, 14. Oktober) wildert wieder in Jazz und Funk, ohne jeweils darin ankommen zu wollen. Es sind virtuose improvisierte Soundcollagen über schweren Hip-Hop-Beats – Stücke, in denen Fehler und Glitch immer mitgedacht sind. Unmögliche Klänge, die möglich wurden durch die maximale instrumentale Beherrschung ohne Einschränkung ihrer inneren Freiheit.
Zu behaupten die zwischen Berlin, Germany und Spartanburg, South Carolina pendelnden Weston Olencki machen avantgardistischen Appalachen-Folk, instrumentalen Doom-Country oder analogen Lo-Fi-Drone-Ambient ist jeweils sicher nicht falsch, grenzt das, was auf Broadsides (Outside Time, 19. September) passiert, allerdings unnötig ein. Es gibt durchaus Fingerpicking auf traditionellen Instrumenten, schwer-geschichtete orchestrale Loops, analoge Virtuosität und digitale Prozessierung, doch jeweils in den Dienst gestellt unwirklich dichter Stücke. Kein Zufall, dass Metaphern des Webens, Strickens und Steppens entlang der Stücke verlaufen, als Sichtbarkeitsachse und Richtungsweiser in klanglichen Verflechtungen fast unauflösbarer Komplexität.
Der kanadische Tausendsassa Richard Marsella alias Friendly Rich treibt den kleinteiligen Free Noise in The Birds of Marsville (We Are Busy Bodies, 15. August) auf die Spitze. Es ist ein virtueller Field Guide zu den zwitschernden Aliens im Hirnaußenraum, den Vögeln von Marsville (Mars wie der Kriegsgott) klingt aber nicht im Geringsten aggressiv oder martialisch. Es sind eher die Oiseaux des Olivier Messiaen, die hier die evolutionäre Abstammungslinie aufmischen. Eingespielt auf einer Eigenbau-Kuckucksuhr-Orgel eines Instrumentenerfinders aus Brampton, Ontario, demselben Nest, in dem Marsella lebt. Könnte man sich nicht besser ausdenken.
Sounds, die Menschen mit einem Serotonin-Level im Normbereich in den Wahnsinn treiben, müssen auch sein. Jetski, das ist Ian Ostaszewski aus passenderweise Peoria, Illinois(e), praktiziert diese auf The Radiant Radish (Hausu Mountain, 2. September) als hochauflösenden Sample-Free-Jazz. Also etwas, das früher mit Tapes oder Plattenspielern gemacht wurde und je nach Anspruch auf Seriosität auch Plunderphonics, Turntablism, Hörspiel-Avantgarde-Collage oder Microsampling genannt wurde. Nur eben hier in hyperdigital für die Aufmerksamkeitsspanne der Generation nach null. Jedes Stück ein extrem koffeiniertes Stück Hibbel-Prank-Punk-Alarm. Einiges los hier, allerdings sortiert sich das Album auf halbem Wege ein wenig und findet zu annähernd geraden Songstrukturen, wenn nicht sogar zu (ältere Braindance-Raver:innen werden sich eventuell erinnern) Akufen-artigem Track-Aufbau.
Das zweite aktuelle Angebot der freundlichen Hirndreher von Hausu Mountain ist in so ziemlich jeder Hinsicht ein Gegenteil der Jetski’schen Rettich-Verstrahlung. Mondo Lava, die Neo-Psychedeliker um James Ketchum und Leon Hu, arbeiten mit klassisch-organischen musikalischen Mitteln der Bewusstseinserweiterung und -beugung, also Analogsynthesizer, verlangsamte und verzerrte Tape-Loops, Gitarren, Keyboards, und viele weitere Substanzen. Alte wie neue Psychedeliker haben Zeit und nehmen sich Zeit, so ist Utero Dei (Hausu Mountain, 19. August) lockere 75 Minuten lang geworden. Dennoch fühlt sich das Mammutwerk trotz dichtester Klangschichtung und jederzeit massivem Brummbassfundament oft wie Ambient an, oder wie dröhnendes Outsider-House. Mondo Lava schaffen es gleichermaßen und oft gleichzeitig in your face und fast balearisch entspannt zu klingen.