Motherboard: September 2025

Sowieso hat das von Local Suicide betriebene und von Kalipo fleißig bespielte Label Iptamenos Discos wesentlich zur aktuellen Renaissance der DIY-Dunkel-Disko beigetragen – wie sich im aktuellen Labelsampler Iptamenos Discotek Vol. 2 (Iptamenos Discos, 8. August) hören lässt. Der ist zu ungefähr gleichen Teilen in Patrick Cowley und frühen Minimal Wave hommagierende Originale sowie technoide Remixe aufgeteilt. Für mehr Hedonismus und Spaß beim Staubsaugertanz.

Die retrofizierte Oberlippenbehaarung längst verwehter Dekaden des vergangenen Jahrhunderts findet sich auch bei einigen Mitgliedern der Frankfurter Kraut-Synthpopper Newmen. Die geben sich auf Terminal Beach (Ferryhouse, 8. August) aber so kuschelweich, dass jeder Anflug von neuer Männlichkeit und Macho-Allüre unmittelbar implodiert. Dennoch sollte man sich von der pastellenen Buntblumen-Ästhetik nicht täuschen lassen. Die fluffige Schmeichelfreundlichkeit der Songs eröffnet bei näherem Hinhören eine immense Freude am kleinteiligen Sound-Experiment – innerhalb eines Rahmens, der klar elektronische Popmusik sein will. Vorbild könnte hier Stereolab gewesen sein. Und Bands, die so etwas wollen und können, gibt es noch immer viel zu wenige. Neue Männer braucht das Land.

Der Kanadier Joel Gibb ist sicher nicht der erste Künstler, der nach Berlin gegangen ist und den inneren Partygänger, den Nightclubber und Tänzer in sich gefunden und in seine jeweilige Kunst übersetzt hat. Bei Gibb, seit zwanzig Jahren Kristallisationskern und Singer/Songwriter des queeren Indie-Folk/Pop-Projekts The Hidden Cameras, passierte das allerdings etwas differenzierter und erwachsener als anderswo und mit interessanterem Ergebnis. Denn Bronto (Motor, 12. September) ist ein unbeschwertes, leicht melancholisches, doch immens kluges und emotionales Spät-Disco-, Früh-House-, Hi-NRG-, Dark/Synth-Wave-Album geworden. Eines, das die großen Gay-Pop-Vorbilder, von den Pet Shop Boys zu Erasure, nicht nur zitiert oder hommagiert, sondern gleich mit an Bord nimmt, als Kollaborateure oder Remixer – neben jüngeren Mitstreitern wie Local Suicide, welche ähnlich dunkle Gewässer manövrieren. Wie aus einem so üppig-intensiven, von Gospel und Patrick Cowley inspirierten Sound und so viel enttäuschtem Begehren eine solche Leichtigkeit entstehen konnte, ist schon phänomenal.

Was macht scharf geschnittenen Postpunk/Synthwave/Indie-Dance noch glamouröser? Zum Beispiel aus Los Angeles zu stammen, von einem Trio lässiger Instrumentenbeherrscherinnen wie Automatic. Deren drittes Album Is It Now? (Stones Throw, 26. September) belegt endgültig die These, dass es abwertende Kategorien wie Retro und Revival eigentlich gar nicht gibt, noch nicht mal geben kann, wenn hier Akteurinnen von solch scharfer Intelligenz und instrumentaler Klugheit agieren. Außerdem: kein einziger Schnubbes in Sicht hier.

Der seit mehr als 30 Jahren aktive Sam Prekop war wohl immer eher ein Musician’s Musician. Er hat in Chicago, abseits des großen Postrock-Booms der Neunziger in stilbildenden, aber kommerziell nicht allzu erfolgreichen Bands wie Shrimp Boat oder The Sea and Cake gespielt, seit der Jahrtausendwende allerdings vorwiegend solo oder mit ehemaligen Weggefährten wie John McEntire gearbeitet, auf einem mäandernden Pfad von jazziger Lounge-Pop-Avantgarde zu subtiler Elektroakustik und minimaler Modular-Elektronik. Letzterer ist er über die lange Zeit immer treu geblieben. Open Close (Thrill Jockey, 26. September), sein jüngstes Synthesizer/Sequenzer-Werk, klingt wie gewohnt unendlich freundlich, warm und umarmend, ist dieses Mal aber besonders groovy und fluffig geworden, springt öfter mal aus dem Ohrensessel raus in die sonnenwarm-gedämpfte Euphorie mediterraner Spätnachmittage.

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