Motherboard: September 2025

Die Stichworte Dub und Techno stimmen auch bei Gavin Miller, dem Mann mit den weichsten treibenden Bässen dies- und jenseits des Ärmelkanals. Das jüngste Album seines Soloprojekts worriedaboutsatan namens Subtle Manoeuvers (Worriedaboutsatan, 8. August) besteht aus nur vier Tracks, die aber gerne die Zehn-Minuten-Grenze sprengen, die geraden Beats fast unkenntlich in den Hintergrund schieben, dafür die atmosphärischen Flächen betonen. Und eben dieser samtige, flauschige, unvergleichliche E-Bass.

Zwischen Deep House, Electronica und Ambient bieten sich immer noch gemütliche und warme Plätzchen an. In Los Angeles werden sie besonders oft von 100% SILK und Jungle Gym Records belegt. Jared Carrigan ist so etwas wie ein Verbindungsglied zwischen beiden Labels. Er veröffentlicht auf Ersterem und betreibt Letzteres. Seine eigenen Arbeiten unter dem Alias René Najera spielen konsequent in beiden Soundwelten, Painted Life (100% SILK, 1. August) versammelt acht lange, sonnendurchwirkte Tracks, synthetische Flächen, leicht hibbelige, angebreakte Beats, die nie pumpen, immer lässig fluppen, und klassische Square-Bässe wie vom Reese Project oder von Larry Heard. Also eine zeitlose samtige Freundlichkeit, ein Wärmepack, eine Glückskonserve für kältere Nächte und härtere Tage.

Die Spätberufenen aller Genres verbindet meist eine ganz spezielle Passion gegenüber den Werken, die sie produzieren. Es ist eine gut abgehangene Leidenschaft, gerne über die Jahre verfeinert und kultiviert, aber dann doch noch einmal ein kreativer Neuanfang, eine Umorientierung in anders produktive mediale Kanäle. So ist der Kölner Roland Schappert im Rheinland und darüber hinaus als bildender Künstler, Kunstprofessor und Kritiker etabliert, hat aber gegen Ende der Pandemiezeit mit dem Kölner a-Musik-Betreiber Joachim Ody das Label R-ecords gegründet und begonnen elektronische Musik zu produzieren. Inzwischen ist er beim mehr als adäquaten Kompakt-Vertrieb untergekommen und produktiv wie kreativ explodiert. Auf den jüngsten beiden (Mini-)LPs als R. Schappert, Can’t see the Rebel (R-ecords, 9. Mai) und SUMmerSUMmer (R-ecords, 11. Juli), findet sich jedenfalls feinste warme Analog-Electronica, die sich vom Sofa auch mal in den Club traut, aber nach dem Warm-up lieber wieder nach Hause geht. Vielleicht eine Lehre aus den Kölner Clubnächten der frühen Nullerjahre: Manchmal laufen die besten Tracks vor zwölf.  

Der Berliner Martin Eugen Raabenstein arbeitet ebenfalls parallel an Kunst, Kritik und Musik, und zwar auch schon ein deutliches Weilchen (siehe das Video mit Footage aus den juvenilen Achtzigern). Sein knapp zehn Jahre brachliegendes Projekt Slowcream meldet sich nun ebenfalls mit kulinarisch verfeinerter Breakbeat-Electronica fluffigster Konsistenz zurück. Vorbote für ein Album ist dan/s (Nonine Recordings, 30. Mai), das als Serie von Videos und EPs erscheint. Der Wiedererkennungseffekt ist immens und unvermittelt: lässige Analog-Electronica aus federnden Beats, knuffigem Bass und schaumwolkigen Flächen.

Die Dark-Wave-Extravaganzen von Local Suicide und Dina Summer haben Spuren hinterlassen. In Jakob Häglspergers Gesicht in Gestalt eines Achtziger-Bleistift-Schnäuzermännchens, in den Tracks seines Techno-Disko-Projekts Kalipo in einer alt-neuen kaltschwitzigen Lackleder-Dunkelheit, die EBM-Brummelbässe, exaltiert hallige Vocals und blitzende frühdigitale Synthesizersounds in moderne Techno-Produktion übersetzt. Alles (Iptamenos Discos, 19. September) ist also ein bisschen wie das, was DJ Hell schon immer gemacht hat. Es wirkt aber weniger perfekt kalkuliert, unterliegt keinem selbstoptimiert-muskulösen Perfektionszwang, der fünfmal die Woche im Fitti aufgepumpt werden muss.

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