Teil 1 der essenziellen Alben im Juli findet ihr hier, Teil 2 hier.
VA – Hardwired – curated by JakoJako (Air Texture)
JakoJakos erste selbst kuratierte Compilation ist der in Berlin lebenden Künstlerin ein persönliches Anliegen. Mit ihr will sie der schnelllebigen Musikindustrie im Jahr 2025 einen Moment des Innehaltens und der Besinnung auf die ursprüngliche Kunst des Musikschaffens innerhalb der elektronischen Musik bieten. Die Modular-Synth-Spezialistin möchte mit Hardwired auf dem Label Air Texture denjenigen Produzent:innen eine Bühne geben, die sich, wie sie selbst, im unendlichen Kosmos der analogen Musikwelt wohlfühlen. Die eine wissenshungrige Community darstellen und die aus ihrer eigenen Inspirationsquelle schöpfen, während sie vor ihren personalisierten Racks an Klängen basteln, die vielleicht zum ersten Mal auf menschliches Gehör treffen.
Und für den Fall, dass wir doch schon alle erdenklichen Sounds ausgereizt haben sollten, kommen die hier veröffentlichten wenigstens aus eigens ausgearbeiteten Patches und nicht aus einem Berlin Techno Presets-Sample-Pack.
Der Name der Compilation bezieht sich auf das Prinzip bestimmter klassischer Synthesizer wie Minimoog oder Prophet, die, anders als modulare Systeme, bereits fest verbaute Schaltkreisläufe haben, also hardwired sind. Genau so beschreibt JakoJako zwischenmenschliche Beziehungen – mit der gleichen Leidenschaft für die konfigurierbaren Kabelmonstern, mit denen sie ohne vorangegangenen Smalltalk sofort ordentlich abnerden kann. Ebenjene Menschen trugen alle ihren Teil zu einer nach vorne gerichteten, authentischen Compilation mit 23 Tracks bei, die die Kunst der Modularsynthese in ihrer ausgereiften Komplexität vermeintlich einfach wirken lässt.
Wer immer noch denkt, er sei mit Samples oder Presets doch schneller am gewünschten Ziel und brauche keine platzraubende Hardware, der höre sich das verhöhnende Raunen im tieffrequenten Bereich des Openers „Evil Right There” von TRSSX an, das vor dem Aufkommen der lodernd übersteuerten Kick die letzten Zweifel wegmassiert haben sollte.
Was die verschiedenen klanglichen Konstrukte vereint, ist das hörbar gemachte, zeitintensive Anstreben des gewünschten Sounds, die nach außen getragene Inspiration, die in den Kreisläufen der Synthesizer zum Ausdruck kommt. Jede erdenkliche händische Manipulation der Parameter zeigt sich in unterschiedlichen Resultaten und Stimmungen; so ist Emily Jeannes „Integrate” präzise und abgestimmt-rhythmisch, während die Drones in „Friction Sociale” von Spring Rolls an eine außer Kontrolle geratenen Starkstromleitung erinnern, bevor „Stretchlike” von Measure Divide in Blawan-esker Manier kreischende und bohrende Glitches trommeln lässt.
Eingängiger wird es mit Antic Souls „Morning Glory”, das ein progressiver Stab anführt, gefolgt von den ansteckenden Drums und der puren Techno-Romantik in „Limits” von KUSS. Pure Soundästhetik liefert das beatlose Stück „Chapter 4” von Sunroof, komplexes Beat-Programming „Break” von S.A.T.I.N. und „Ohrid” von Francesco Devincenti.
Natürlich dürfen auch Tracks der Kuratorin nicht fehlen, zwei Stück sind dabei, die jeweils in Zusammenarbeit mit weiteren Künstler:innen entstanden sind: „ah.” versprüht eine verspielte, dub-housig anmutende Stimmung und wurde von JakoJako in Zusammenarbeit mit Mareena produziert, während ihr zweiter Track „Acknowledgement” mit dem synthesizertechnisch umfänglich ausgestatteten Frank Wiedemann aufgenommen wurde.
Schlussfolgernd ist diese Compilation eine Zelebration der Vielschichtigkeit modularer Synthesizer-Systeme und ihrer einzigartigen Möglichkeiten. Sie zeigt den musikalischen Hintergrund und Ursprung einer Künstlerin, die sich in den letzten Jahren zu Recht einen großen Namen als Produzentin, Live-Act und DJ gemacht hat.