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Die Compilations des ersten Halbjahres (Teil 2)

Teil 1 der Compilations des ersten Halbjahres findet ihr hier.

VA – Pattern Gardening (Wisdom Teeth)

Das Klischee von der Zuhause-Hör-Compilation – wer kennt und verabscheut es nicht? Was wohl mit Warps Artificial Intelligence 1992 seinen Anfang nahm, hat sich heute zum festen Raver:innen- und Musikjournalist:innen-Topos verselbstständigt. Wenn also in einer Rezension Worte wie „Wohnzimmer”, „Armchair” oder „Kopfhörer” oder Prädikate wie „für die eigenen vier Wände” fallen, kann das ganz einfach und schlicht bedeuten: Diese Platte ist stinklangweilig und selbst für den verkifftesten The K&D Sessions-Jünger und den affektiertesten Listening-Bar-Freak akustische Lobotomie.

Und dann wäre da noch Pattern Gardening auf Factas und K-Lones Wisdom Teeth. Dass hier eine der vielfältigsten, angenehmsten und konsistentesten Compilations seit langer, langer Zeit anläuft, lässt abentis’ Opener „Dimples” bereits erahnen. Dieser Track zeigt exemplarisch, welchen Stellenwert der Auftakt, besonders bei satten 22 Tracks, genießt: Messlatte und Sherpa gleichermaßen, sprudelt in diesem Goldstück glockenklare Listening-Lust über ein fein gelegtes Club-Fundament, das mit konstantem Bassrumoren seiner pristinen Schönheit den Kitsch nimmt.

Dieses Fazit lässt sich so oder so ähnlich auf die gesamte Compilation übertragen. Immer wieder wurde in den letzten Jahren ein Minimal- und Tech-House-Revival herbeigeredet, gar -beschworen. Was mit EPs wie Anunakus 042 vor vier Jahren seinen Anfang nahm, man höre rRoxymores „Nightbite”, scheint auf dieser Compilation zu einem immerfließenden klanglichen Manifest zu gerinnen. Jeder einzelne Track bis zu Ducketts wehmütigem Closer „They’re Here” überzeugt. So sehr, dass man ihn sogar in den eigenen vier Wänden hören kann. Maximilian Fritz

VA – Peach Pals, Vol. 4 (Peach Discs)

2024 warteten Fans des House-Labels von Shanti Celeste und Gramrcy vergeblich auf eine Ausgabe der Compilation-Serie Peach Pals. Nun sind die beiden zurück und versammeln acht Tracks, die ihre Vorlieben für verspielten Tech-House, glitzernde Club-Texturen und funktionale Vocal-Skizzen spiegeln.

Der Auftakt kommt von Szene-Veteran Subb-an, der mit „Soul Emotion” einen deepen, emotional aufgeladenen Opener liefert. Es folgt Jenny Cara mit dem geradlinigen Groove von „Loopy”, bevor Mr. Fixie mit „Sprouty Sundays” Blog-House-Feeling ins Spiel bringt. Im Zentrum der Compilation stehen eine Reihe vocal-getriebener Tracks – darunter das funky versetzte „Run To” von Zaltsman oder der housige Night-Rider „Dance All Night” von Diana. Mit Luis Luchetti schwenkt die Platte kurz ins Sonnenaufgangs-Terrain ab, bevor es auf dem Track von Midnight Manoeuvres & Rhem kratziger und schraubiger wird. Der Abschluss gehört Saturday Night Rush, dessen „Give A Little” euphorisch und zugleich zurückgenommen wirkt – fast wie ein Schulterzucken nach einer langen Nacht.Volume 4 der Peach Pals wirkt dabei weniger retrospektiv als seine Vorgänger – zeitgenössischer, leichter, dabei aber nie belanglos. Statt großer Statements liefern Celeste und Gramrcy eine vielseitige Momentaufnahme, irgendwo zwischen Peaktime und Afterhour. Ferdinand Görig

VA – Place: Egypt (Air Texture)

Das Label Air Texture veröffentlicht schon länger ziemlich ausgefallene, an Ambient angelehnte Compilations, meistens zusammengestellt von mehr oder minder bekannten Dance-DJs. In der Place-Serie hingegen werden bestimmte Orte unter die Lupe genommen, die Erlöse daraus kommen gemeinnützigen Organisationen zugute.

Die Ägypten-Ausgabe präsentiert Ahmed El Ghazoly alias ZULI, der sich bereits durch Veröffentlichungen auf Lee Gambles Label UIQ hervorgetan hat. Seine Arbeit zeichnet sich durch Experimente an der Schnittstelle zwischen Rap, Sounddesign und Dancefloor aus. So fokussiert sich seine Auswahl für Place: Egypt besonders auf Alexandria und Kairo, in letzterer Stadt ist er fester Bestandteil der Hip-Hop-Szene. Die von ihm gewählten Tracks weisen oft rhythmisch-fragmentarische Bestandteile der lokalen Beat-Szenen auf (Hassan Abou Alam – „Es7a”), gehen von UK-Bass-inspirierten Tracks aber bald ins IDM-Noisige und orientieren sich eher an Autechre denn an Eminem (Ashrar – „Lockjaw”). Dabei war der Einstieg mit traditionellen Samples und Melodien noch so sanft gehalten – doch spätestens zum Ende der Platte ist klar, dass die ägyptische Beatfrickler-Szene auch anders kann. Leopold Hutter

VA – Place: Morocco curated by Bergsonist (Air Texture)

Globale Playlists homogenisieren das Lokale wie Thermomix-Curry – Place: Morocco legt dagegen raues Relief ins Ohr. Kuratorin Bergsonist, Nomadin zwischen Queer-Club und Software-Labor, entwirft kein touristisches Klang­panorama, sondern eine cartographie affective. Elf Tracks, deren Erlöse der marokkanischen NGO INSAF zufließen, schneiden Tiefe in die anämische Spotify-Topografie und lassen das Hörfeld politisch flimmern. Hier wird nicht dekoriert, sondern gegraben – nach Sedimenten, Frakturen, Stimmen, die der Wüstensand sonst verschluckt.

Ziryab eröffnet mit „Ripple Chamber”: Historisch aufgeladenes Rauschen, Obertöne ohne Beat, eine Drone wie eine archäologische Ausgrabung. In Cheb Runners „Olympic Gnawa” schlägt das Herz plötzlich im 7/8-Takt. Traditionelle Lila-Patterns werden von Modular-Sequencern zerlegt und neu verwoben, Qraqeb-Metallzungen klirren, der Bass reißt den Boden auf. Orientalismus? Fehlanzeige – der Groove gehört denen, die ihn leben. Bergsonists eigenes Stück „Almadi” entzieht sich jeder Produzent:innen-Attitüde: zwei Minuten gefräste Radiowellen, ein verwaister Morse-Rest. Reduktion als Widerstand – die Lücke wird zum Manifest. gbw9s „bgora” taumelt heran wie ein fossiler Techno-Loop, dessen Four-to-the-Floor-DNA nur noch bröckelnde Artefakte zeigt. Geräuschfahnen ragen wie Felsnasen in ein trockenes Reverb-Tal, stoische Sub-Hits pochen gegen die eigene Versteinerung. Jbilo zerspleißt den Faden in „Young and Old” zu disharmonischen Clustern, die kurz vor der Katharsis zurückzucken – als lauschte man einer Erzählung ohne Plot. Den Abspann liefert ZRKs „East Interlude -”: Field-Recordings aus Ruf-Fragmenten und Windkanälen formen einen kontemplativen Halbschlaf. Man meint, ein Minarett rezitiere in die Leere eines Sci-Fi-Sets.

Im Serienkontext, nach Kenia, der Ukraine, und Mexiko, markiert die Morocco-Edition eine konsequente Abkehr vom kuratorischen Kolonialblick. Air Texture und Music & Activism schaffen ein sonisches Commons, in dem lokale Praxen global resonieren dürfen, ohne in globalistischer Ästhetik zu verdunsten. Place: Morocco ist mehr als ein Sampler: eine akustische Montage aus Ritual, Dissens und Re-Imagination. Musik wird hier zur Geopolitik – poetisch codiert, körperlich spürbar. Wer Kompilationen für bloße Genre-Kartografie hält, verliert hier die Orientierung – und genau in diesem Desorientieren liegt die produktive Sprengkraft. Liron Klangwart

VA – Place: Toronto (Air Texture)

Die Weltkarte der Place-Compilations von Air Texture wird um eine weitere Stecknadel für Toronto erweitert. Die darüber gesammelten Einnahmen werden an den Toronto Community Justice Fund gespendet, der sich als Non-Profit-Partner für soziale Projekte vor Ort engagiert. Für den musikalischen Inhalt hat die dort ansässige Ciel sich von den Menschen inspirieren und mit Musik beschicken lassen, die ihrer Meinung nach einen wertvollen Beitrag zur dortigen Musikszene leisten, jedoch bislang keine internationale Wertschätzung erhalten haben. Laut ihren Worten findet man hier anstatt Gabber und Business Techno vor allem  groovige, deepe und psychedelische Musik verschiedener Richtungen und Einflüsse, die die größte Stadt Kanadas als Schmelztiegel reflektieren soll.

Und was kann man anderes behaupten als jenes: Die Compilation ist so divers wie abgestimmt, daraus spricht ganz klar Ciels Fingerspitzengefühl und Erfahrung, die sie in zahlreichen Jahren als DJ, Label-Mitbegründerin, Produzentin und Radio-Host sammeln konnte. Zusammengetragen wurde hier eine Musikauswahl, die keineswegs großer Namen bedarf, sondern beweist, wie viel Perspektive und Hingabe in der Musik der kulturschaffenden Menschen in Toronto steckt. Mal dubbig und introspektiv, dann wieder verspielter House, präziser Electro oder treibende Breaks – gemacht für die Räume der Stadt und ihre Menschen. Leon Schuck

VA – Planet Mu 30 (Planet Mu)

Jlin. Venetian Snares. Traxman. Nondi_. FaltyDL. Rev. Bae Bae. Ship Sket. Slikback. µ-Ziq. RP Boo. DJ Manny. Saint Abdullah & Eomac. Nik Colk Void. Elmo. Meemo Comma. Herva. Xylitol. Ital Tek. Speaker Music. Jana Rush. DJ Girl. Luke Vibert. James Krivchenia. Rian Treanor. Das sind die Künstler, die auf der Leistungsschau des Labels Planet Mu zum 30-jährigen Jubiläum vertreten sind. Praktisch jeder dieser Namen bildet seinen eigenen Kosmos: Jlin mit ihrem avantgardistisch informierten Footwork-Entwurf, Traxman mit seinen humoristisch aufgeschlossenen Footwork-Krawalladen, der unermüdlich verspielt klangforschende Labelgründer Mike Paradinas alias µ-Ziq, der Footwork-Mitgründer RP Boo. Und das sind vorwiegend alte Bekannte. Ganz junge Namen tauchen ebenso auf wie die Produzentin Bae Bae mit juvenil aufgekratztem Drum’n’Bass oder ihr britischer Kollege Ship Sket mit schön derangierten Beats. Weniger Bestands- als Momentaufnahme, klingt das für diesen Anlass zusammengestellte Aufgebot auch nach drei Dekaden immer noch frisch und kratzt ordentlich an den Synapsen. Gemütlich kommt dann später. Tim Caspar Boehme

VA – Recognition 25 (Recognition)

Ein Vierteljahrhundert Labelgeschichte, verdichtet auf zwei Plattenseiten. Eine Compilation, die leise Haltung zeigt und experimentiert. Ihr Techno bleibt in der Schwebe und kann sich jeder Form anpassen. Zwischen Funktion und Introspektion, zwischen Floor und Raum – zwischen Jetzt und Möglich.

Die erste Hälfte spricht Club, aber ohne den Zwang zur Eskalation. Grooves kommen mit Raum, nicht mit Wucht. Es geht nicht um Drops, sondern um Tiefe. Man merkt: Hier hat jemand Erfahrung mit Soundarchitektur, mit dem feinen Unterschied zwischen Reduktion und Leere. Es wird sich Zeit genommen, sich zu entfalten.In der zweiten Hälfte kippt der Fokus: Texturen und andere Rhythmen treten in den Vordergrund. Klassischer Techno bleibt hier aus. Auch wenn diese Musik immer noch zu seinem Spektrum gezählt werden darf. So vielschichtig, so gut. Die Compilation geht nicht auseinander, aber sie verliert an Spannung. Trotzdem bleibt der Floor der Knotenpunkt. Jacob Runge

VA – Rødhåd Presents: Solara Melfera (WSNWG)

Rødhåds Label WSNWG geht in die nächste Runde. Das nach seinem Berliner Studio am Wiesenweg benannte Imprint zeigt eine zweite Werkschau, natürlich zusammengestellt vom Roten höchstpersönlich. Darauf zu finden: Acht puristische, düster anmutende Clubtracks, die die Handschrift des Labels weiter in Richtung dystopischer Techno-Welten ausformen.

Der Anfang ist vielversprechend. Der Opener von Ignez schlägt mit pulsierender Acid-Bassline und filmischen Vocal-Schnipseln eine seltene Brücke zwischen Funktionalität und Atmosphäre. Doch darauf folgt bewährte Kost: Die meisten Beiträge der Compilation sind schwer, loopig und scheinen genau auf den Hallraum großer Technoclubs ausgelegt, in die Rødhåd ständig gebucht wird. Perfektes Futter also für ihn oder Sets von Kollegen wie Luke Slater oder DVS1. Experimentellere Tracks wie das psychedelisch-dubbige „Iris d’Alger” von Tauceti sind dagegen rar. Das Gros hält es minimalistisch, rumpelnd und mit düsteren Effekten gespickt. So bleibt eine solide Sammlung für Techno-Purist:innen, aber eben auch nicht mehr als Tools für den DJ-Koffer. Leopold Hutter

VA – 30 Years : Sonic Groove (Sonic Groove) 

Diese Compilation markiert das 30‑jährige Bestehen von Sonic Groove und damit eines Labels, das seit 1995 im Herzen des Industrial Techno verankert ist. Die Compilation versammelt einige der einflussreichsten Namen der Szene, darunter Dasha  Rush, Orphx, Outlander, Mike Parker und Labelgründer Adam X, zu einer sehr kühlen, rohen Aneinanderreihung von Acid- und Industrial-Tracks. Der rote Faden zieht sich bis zum Ende durch, so ergibt sich ein Gesamtkonzept. Teilweise fühlt man sich in die frühen Zehnerjahre zurückkatapultiert. In dieser Zeit wuchs der Industrial-Sound aus seinen Kinderschuhen und formte sich zunehmend.

Eine zwölf Tracks starke Compilation für all jene, die es roh und kompromisslos mögen. Der Soundästhetik ist klar vorgeschrieben – ohne Lücken. Das wirkt beinahe wie ein DJ-Set, bei dem jeder Track dort sitzt, wo er hingehört.  Auf einen Höhepunkt wird verzichtet, stattdessen regiert fortlaufender Klang, von Track zu Track. Jacob Runge

VA – VS10YRS (Vault)

Zum zehnjährigen Jubiläum zeigt Vault Records, wie vielfältig Techno sein kann – und veröffentlicht mit der Compilation VS10YRS eine breit aufgestellte Sammlung. Wie auch auf den Events spart Vault Sessions nicht an großen Namen. Das aus Amsterdam stammende Label legt sich bei der Sammlung auf keinen Stil fest, sondern zeichnet ein Bild davon, was Techno heute sein kann.

Chlär eröffnet mit „Cipe Ortni” und legt den Fokus auf Fläche statt Funktion. Der Groove hält sich im Nebel zurück, der Track arbeitet eher im Kopf als auf dem Floor – ein intelligenter Einstieg. Mit „Rich Sex” wechselt Hemka abrupt die Perspektive: Nach vorne, direkt, ohne Umwege. Auch Rødhåd und JSPRV35 setzen auf physische Präsenz. Mit subtilen Claps und einem weiblichen, noisigen Vocal zeigt Ignez mal wieder, wie  tiefgründig und vielschichtig Techno sein kann.

Dazwischen: ruhigere Stücke von Lobster, Quelza und Beste Hira. Alle drei spielen mit perfekter Reduktion und lassen viel offen, aber nichts ungeklärt. Stef Mendesidis bringt mit „License To Fly” wieder Bewegung in die Dramaturgie, ohne den Bogen zu überspannen. Zwischen nebelhaften Soundscapes von Alarico, rückwärtsgewandter Rhythmik von Setaoc Mass und modularem Druck von Cleric und Grace Dahl entfaltet sich das Techno-Varieté.

Oscar Mulero, Phil Berg, BLANKA und Yanamaste schlagen melodischere Töne an. Sinnlich wird mit Texturen und Bleeps experimentiert, was sich auszahlt. Lars Huismann sorgt mit ANNÉ und Chontane für den Ausklang.VS10YRS enthält keine kontaktlosen Tracks, sondern ist ein Sammelsurium aus echten Schmuckstücken. Jacob Runge

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