Ali Jaafar & Pol Lucien Decker vom TFELD-Festival in Berlin: „Dieses freie Gefühl, bei dem sich alle wohlfühlen”

„1.000 Euro”, sagt die Security-Frau am Eingang des Tempelhofer Flughafens. Unsere Namen stehen nicht auf der Liste auf ihrem Klemmbrett. Ali Jaafar vom Hip-Hop-Management Two Sides muss ein wenig mit ihr schäkern, bis uns die Dame uns auf das Rollfeld lässt.

Eine Woche später wird hier eine komplette Festivallandschaft mit zwei großen Bühnen stehen. Mit Paul Kalkbrenner, Marlon Hoffstadt, Pashanim und vielen anderen Acts soll hier die mutigste moderne Berliner Festival-Neugründung entstehen, die die Welt des Techno mit dem Deutschrap-Kosmos auf eine Weise versöhnt, in der sich besonders Berliner:innen wiederfinden sollen. Eine bestimmte Nostalgie ist auf dem TFELD ausdrücklich erwünscht – nicht nur wenn die Afterparty in einem Hangar nachgebauten Watergate stattfindet.

Noch ist die gigantische Betonfläche weitgehend leer, nur einige Gerüste stehen herum. Wir marschieren durch die Sommersonne, dann zählt uns schon der nächste Security an. Ohne Leuchtwesten könnten wir uns auf dem wohlgemerkt menschenleeren Feld nicht blicken lassen, weiß der Mann auf dem Fahrrad. Glücklicherweise steht wenig später Pol Lucien Decker von der Kreativagentur Bipolar vor uns und reicht uns die Westen aus dem Kofferraum seines Kleinwagens an. Dann sind wir auch schon mitten im Interview. Schließlich sollen sich hier in acht Tagen 20.000 Festivalgäste tummeln. „Die Bühne schließt ab mit der Hangar-Decke, sie ist auf das Feld gerichtet”, erklärt Pol gestikulierend. „Die andere Bühne steht daneben, damit sie sich vom Sound her nicht beißen. Die beiden Substages haben wir in den Ecken platziert, so weit wie möglich von allem. Das ist die Geländestruktur.”

GROOVE: Eine Festival-Neugründung ist in diesen Tagen ein Statement. Wie ist die Idee für TFELD entstanden?

Pol Lucien Decker: Die Grundidee war, ein Berlin-Festival zu machen. Das geht natürlich nur, wenn man auch die Musikstile repräsentiert, die die Stadt ausmachen, und das sind nun mal Elektro und Hip-Hop. Bei Techno ist das natürlich eh so, aber auch im Hip-Hop setzt Berlin die meisten Trends, viele Rapper kommen aus Berlin. Gleichzeitig gibt es in den anderen deutschen Metropolen – Köln, München, Frankfurt, Hamburg – Festivals, die die Artists der jeweiligen Stadt repräsentieren. Aber wir müssen nach Sachsen-Anhalt, nach NRW oder sogar in die Schweiz fahren.

Wie reagiert ihr darauf?

Pol: Mit einem Festival im Berliner Postleitzahlbereich, das für viele fußläufig erreichbar ist. Neben der Musik sind Gastro und Unterhaltung wichtig.

Ali Jaafar: Wie Pol sagt: Wir haben in Berlin die meisten Konzerte, aber das Festival fehlt. Die Artists haben die Idee von Anfang an gefeiert. Alle bis hin zur Gastro haben das Gefühl bestätigt, dass so etwas in Berlin fehlt. Uns ist es auch wichtig, alle Generationen abzubilden.

Festivals am Tempelhofer Flughafen sind bisher meist gescheitert. Eher ist es einzelnen Künstler:innen gelungen, große Veranstaltungen durchzuziehen.

Pol: Bei großen Veranstaltungen am Flughafen Tempelhof sind die Anwohner:innen oft genervt von dem Ansturm der Berlin-Tourist:innen. Wir wollten etwas erschaffen, auf das die Menschen in Tempelhof und Kreuzberg Bock haben. Diese Botschaft kommt an: Wir haben über 90 Prozent Ticket-Sales aus Berlin, danach kommt Brandenburg.

Wie seid ihr auf das Konzept gekommen, Hip-Hop und Techno zusammenzubringen? Wo ist das entstanden, bei Good Live oder bei Two Sides?

Ali: Bei Bipolar. Bipolar verkörpert das schon im Namen. Das waren zuerst Hip-Hop-Partys, die entweder einen zweiten Technofloor hatten oder in einer Techno-Party geendet sind. Mit 16 oder 17 waren wir auf Hip-Hop-Partys unterwegs, langsam ist das dann übergeschwappt, auch, weil die HipHop-Partys so früh vorbei waren. Dann sind wir ins Watergate, in den Kater Blau oder den Tresor gegangen.

Pol: Bipolar gibt es jetzt seit acht Jahren. Unsere erste Party war in der Burg Schnabel, die erste Hip-Hop-Elektro-Party hatten wir im Kater, das war damals noch revolutionär, das war noch vor Corona.

Wie war das? 

Pol: Super, wir wollten uns aber weiterentwickeln. Dann kam Corona, dann haben wir für andere veranstaltet und Label- und Agentur-Arbeit gemacht. Dann sind die Partys hinten runtergefallen. Am Ende haben wir dann nicht mehr fünf Partys im Jahr gemacht, sondern eine. Das Konzept wurde dann von Two Sides wiederbelebt.

Warum gerade jetzt? 

Pol: Timing ist im Entertainment-Bereich bekanntlich das Wichtigste. Jetzt ist der Moment, in dem HipHop und Techno auf Augenhöhe sind, das spiegelt sich in unseren beiden Mainstages wider. Die eine muss nicht die andere tragen. Bei den beiden Substages ist das auch so, das ist auch extrem wichtig. Vor zehn, 15 Jahren war das noch nicht der Fall.

Ali: Bei mir war das auch so. Ich bin in Kreuzberg aufgewachsen, auf den Kopfhörern waren Hip-Hop und Deutschrap, irgendwann habe ich wie viele andere Hip-Hop-Kids gemerkt, dass der Vibe auf Techno-Partys glücklicher war. Das macht so Spaß, keiner macht dich an, meinte mal ein Hip-Hop hörender Freund zu mir, als ich ihn mit auf eine Techno-Party genommen habe. Dieses freie Gefühl, bei dem sich alle wohlfühlen, das hat uns zugesagt.

Pol: Dieser Mix ist bei der neuen Generation schon angekommen, für die gibt es die beiden Genres gar nicht mehr unabhängig voneinander. Insofern ist das jetzt der perfekte Moment. Ich sehe auch Kommentare wie: Kann Zackavelli nicht in einem anderen Slot als Marlon Hoffstadt spielen? (lacht) Geht leider nicht, sorry. Aber geil zu lesen.

Wie ist dann Goodlive ins Spiel gekommen?

Ali: Als Two Sides sind wir mit Goodlive verpartnert, ich habe auch für Goodlive gearbeitet. Goodlive hat neben vielen Festivals auch Keinemusik auf dem Flughafengelände veranstaltet, da wusste man, dass die die Expertise haben. Das ist nicht einfach, hier zu arbeiten: Sogar der Boden ist denkmalgeschützt.

Pol: Marko Hegner hat als CEO gesehen, dass dieses Konzept fehlt.

Ali: Für uns war Goodlive auch wichtig, weil wir die Tickets günstig machen wollten. Man braucht einen großen Partner, der hinter einem steht und das Risiko trägt. Das ist eine Investition in die nächsten Jahre.

Pol: Das kann man mit einem Start-up vergleichen, das dauert Jahre, bis sich das amortisiert. Ohne andere zu bashen: Wir wollten nicht, dass du dich mit 10.000 Euro für einen Tisch reinkaufen kannst. Wir verkaufen keine VIP-Tickets, unsere Botschaft ist: Sei auf dem Feld. Wir wollen die Leute auf dem Gelände haben. Das ist wie in einem Berliner Club: Du zahlst Eintritt, dann bist du drin. Verschiedene Klassen gibt es bei uns nicht.

Kommt diese Botschaft an?

Pol: Ich merke, dass die Leute an dem Format interessiert sind. Natürlich geht mit dem Line-up ein Traum in Erfüllung. Uns war aber auch wichtig, eine einzigartige Gesamterfahrung zu schaffen und keine 08/15-Bühne aufzustellen.

Wie seid ihr das angegangen?

Ali: Das Festival ist an einem Samstag. Wir haben uns gefragt, was man an einem Samstag normalerweise macht. Eine geht zum Friseur, weil sie frei hat, ein anderer auf den Flohmarkt. Dann haben wir weitergedacht: So kam der Deutschrapspäti dazu, auch weil der von unserem Kumpel Anan gemacht wird. Wir haben versucht, Berlin auf allen Ebenen zu repräsentieren. Für mich war der Hasenheide-Rummel immer ein großes Ding. Das haben wir mit dem Autoscooter umgesetzt.

Pol: Die Idee war auch: Welche Ausrede hast du, nicht zu kommen? „Ah, ich muss noch zum Friseur.” – „Kein Problem, haben wir.” Flohmarkt haben wir auch, Basketball-Felder auch.

Ali: Wir haben auch Polly mit ihrem Zahnschmuck, Du kannst Dir sogar Grills machen lassen.

Pol: T-Shirts kannst du auch machen lassen – an einem Punkt muss man das Konzept aufbrechen.

Ali: Wir wollten eine Welt erschaffen, in der sich alle wohlfühlen, in der man auch unabhängig von der Musik eine geile Zeit haben kann.

Pol: Ein anderes emotionales Thema ist der Autoscooter vom MELT Festival, das es ja nicht mehr gibt.

Wer spielt da?

Ali: Das machen wir mit SESH United zusammen, der Partyreihe von MCR-T.

Pol: Sehr wichtig für uns sind auch die Mainstages. Wir wollten nicht einfach nur eine Bühne aufbauen. Wir haben viel Liebe reingesteckt. Natürlich geht es immer um Berlin. Bei einer ragen vier BVG-Wagen über die Stage, die live besprüht werden. Wenn da Soaps auflegt, kommen die Jungs, die das besprühen. Bei der Hip-Hop-Stage bauen wir die Silhouette des Zentrums Kreuzberg nach, einen großen Berliner Bär wird es auch geben.

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