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Motherboard: Juni 2025

Das vor kurzem auf dem Bristoler, ebenfalls mit Young Echo assoziierten Label Six of Swords wiederveröffentlichte Debüt der libanesischen Experimental-Vokalistin Mayssa Jallad war ein singuläres Ereignis. Eine melancholische Feier der Urbanität, global als Idee, doch ganz spezifisch auf einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit bezogen. Ein Stadtviertel von Beirut in den Siebzigern, kurz vor dem Bürgerkrieg. Jallads Herangehensweise, viel mehr poetisch als dokumentarisch, hat die Trauer über den Verlust vergangener Freiheit, Schönheit und Größe gerade nicht in Nostalgie übersetzt, obwohl diese schwer über dem Sound hängt, sondern in etwas Feineres, Flüchtigeres – und damit den Zeitgeist genau getroffen. Daraus ein Remix-Album zu machen, ist ungefähr die schwerste Aufgabe, der man sich stellen könnte. Der Schwede Tomas Bodén alias Civilistjävel! hat sie sich gestellt und mit Marjaa: The Battle of the Hotels (Versions) (Six of Swords/Ruptured Records, 6. Juni) eine angemessene, andere Herangehensweise gefunden. Jallads Gesang schwirrt nur mehr in gespenstischen Schwaden um mürbe gewordene Basic-Channel-Dubs und mumifizierte Beats. Tief humanistische Geistermusik, die von realen Orten und realen Menschen erzählt.

Freie elektronische Soundscapes, die alles dürfen, Stimmen, Gesang, gerade Beats, Noise und Field Recordings aufnehmen, einbetten, aber nichts müssen, selbst pure Textur bleiben können. Sie kennzeichnen die Arbeiten der in Schweden lebenden spanischen Pianistin und Musiklehrenden Hara Alonso. Das Prinzip von Freiheit und Offenheit bestimmt ihr Album touch•me•not ( 27. März) für das kleine Berliner Label FUU auf spezifische, doch geisterhaft berührungslose Weise. Es ist sehr viel los in diesen raumfüllenden Stücken, und doch bleiben sie leicht in flüchtiger und fluffig wolkiger Schönheit verankert. Das exakte Gegenteil von Beliebigkeit.

Dass die sogenannte Neoklassik nicht unbedingt nur gefällige neoromantische Klänge hervorbringt, sondern hin und wieder an den Abhängen von Industrial und Drone entlang schrammende Risiken eingeht, dafür steht die Musik des Danziger, in Amsterdam lebenden Nachwuchs-Komponisten Stefan Wesołowski. Im dunklen Nebel sieht man eben besser. So formen die Song of the Night Mists (Unheard of Hope, 13. Juni) dichte Drones aus orchestral-akustischen und synthetischen Quellen, begleitet mal von Beats, mal von Tape-Schleifen. Ein Auskommen hat Wesołowski nicht zufällig als Soundtrackkomponist gefunden, was ihn mit dem deutlich prominenteren Wahl-Isländer Ben Frost verbindet. Der hat allerdings mit Under Certain Light and Atmospheric Conditions (Mute, 16. Mai) nach längerer Zeit wieder ein Album gemacht, das nicht als funktionale Bildbegleitung dient, sondern als Konzeptwerk und das eigene Schaffen zwischen zeitgenössischer Oper und populären Soundtracks hernimmt, im Aufführungskontext noch einmal überprüft, darin die Ambiguität elektronischer Livemusik auslotet.

Dunkel und metallisch schmeckend, Rost, Blut und Knochen, in den unbekannten Zonen, da, wo sich mutmaßlich die Drachen befinden. Für die tief beeindruckenden Dracones (Editions Mego, 4. April) der Istanbul-Berliner Produzentin Hüma Utku liegt die Erfüllung im Abgrund. Klanglich moderiert von Industrial und brütend dröhnender Neoklassik. Oder im rhythmischen Dröhn-Rauschen eines medizinischen Ultraschalls, das eine Art Leitlinie durch das schwerstens desorientierende Album gibt. Es ist neues menschliches Leben, das hier zu hören ist.

Moderne Improvisation deutlich zupackenderer Art bildet das generationenübergreifende Bill Orcutt Guitar Quartet, das für die Live-Aufnahmen HausLive 4 (Hausu Mountain, 29. April) aus Orcutt, Wendy Eisenberg, Ava Mendoza und Shane Parish bestand. Die Stücke basieren auf einem Studioalbum Orcutts, Music for Four Guitars, das er komplett allein bespielte. Im Konzertrahmen und in der Kollaboration mit drei anderen Gitarristinnen und Gitarrist mit je eigenem Willen wird aus der sorgfältig geschichteten, wohl konstruierten E-Gitarren-Drone-Suite ein wilder Ritt freier Improvisation, der doch immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Was entsteht, ist Minimal Music, die, einmal freigelassen, zu etwas anderem wird. Etwas, was zum Beispiel die Grateful Dead in ihren ausschweifenden Konzerten aus psychedelischen Rocksongs gemacht haben.

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