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Motherboard: Juni 2025

Die tasmanische Musiker:in Alex Marsh produziert als Soda Lite weit offene Soundscapes zwischen Ambient und Jazz, die die Übergänge betonen, die Gemeinsamkeiten im Weder-Noch. Und schöner als auf Earthbound (Aural Canyon, 18. April), dem jüngsten und voraussichtlich letzten Album unter diesem Pseudonym, lässt sich dieses Verständnis von Nähe und Weite in Klang kaum hören. Weiter geht es unter dem Eigennamen Alex Marsh auf dem beinahe zeitgleich erschienenen Trellis (Not Not Fun, 2. Mai), auf dem wundervolle FM-Synthesizer, als wären sie direkt aus Hiroshi Yoshimuras Heimstudio der frühen Achtziger gezogen worden, mit akustischen Klängen von Piano und Autoharp zu minimalistischen Soundscapes verschmelzen, die Kankyō Ongaku und Yoshimura alle Ehre machen, aber doch mehr sind als Referenz und Hommage.

Der Londoner Keyboarder Sam Beste ist altgedienter Studio-Profi, mit einer schillernden Diskografie als Sessionmusiker für so unterschiedliche Acts wie Matthew Herbert, Blood Orange und Amy Winehouse. Als Teil des Indie-Soul- und Nu-Disco-Projekts Hejira lebt er seine groovige Seite aus, die ausprobierende im Soloprojekt The Vernon Spring. Allein bleibt er mit seinen freundlichen Piano-Collagen allerdings selten. Auf der nach zahllosen EPs und Singles ersten richtigen LP Under A Familiar Sun (RVNG Intl., 9. Mai) begleiten Poet:innen und Mitmusiker:innen, was als lockere Improvisation am Piano begann, mit Glitches, elektroakustischen Effekten, Überlagerungen und abrupten Brüchen. Erstaunlich, wie aus dieser ausprobierenden, durchaus explizit-experimentellen Herangehensweise letztlich doch immer melancholische, sonnenwarme Songs entstehen.

Schon in den frühen Nullern war der aus Los Angeles kommende und der Stadt bis heute treu gebliebene Marc David Barrite, besser bekannt als Dave Aju, einer, der gerne über den Tellerrand von House und Techno sah und in seine samplelastigen Beats Elemente aus Instrumental-Hip-Hop, Soul und Jazz einarbeitete. Mit dem hochkarätig besetzen Quartett KAMM mit Kenneth Scott, Marc Smith und dem verstorbenen Alland Byallo hat Aju die Horizonterweiterung von House auf ein neues Niveau geführt. Auf Let the Light In (Elbow Grease, 2. Mai) spielen absolut selbstverständlich Post-Punk, Fusion, Latin, Jazz und House im Bandformat, organisch und elektrisch, alles miteinander, alles perfekt passend, alles sehr L.A. So geht das.

Wer mit Joy Divisions „Shadowplay” auf dem Weg ist, „to the center of the city in the night, waiting for you”, tut gut daran, stets Joseph, What Have You Done? (Fixed Abode, 2. Mai) des Manchester Producers und Labelbetreibers Rainy Miller als Tour-Guide mit sich führen. Es kondensiert das Ambiente von Nachttanke und Bushaltestelle, vor dem Club in der Schlange im Regen stehen, Vorglühen und Nachbeben, alleine sein, mit und ohne Begleitung in periskopische Tracks, nie vorhersehbare Spuren von Big Beat und R’n’B, Trap und Grime. Durchaus eine Fortführung und ein Weiterdenken der Grisaille Wedding mit Space Afrika, in aller nächtlich vergrübelten Einsamkeit aber etwas ganz eigenes Einzelnes.

Im Projektnamen O$VMV$M sind die Vornamen der mit dem Bristoler Kollektiv Young Echo verbundenen Sam Barrett (Neek im Grime-Duo Kahn & Neek) und Amos Childs (von den nicht nur hier hochgelobten Neo-Trip-Hoppern Jabu) auf den Kopf gestellt und einmal gut durchgeschüttelt, aber noch erkennbar. Das gilt exakt so für die Sounds, die sich auf Shroud of Fear 2 (O$VMV$M, 13. Juni) finden. Es ist dunkle, cinematische Collage-Electronica, dekonstruierter Brit-Hop mit verhallten Spuren von Dubstep und R’n’B. Das alles selbstverständlich in britisch feuchter Nachtkühle mariniert und mit perplexen Beats versetzt, die selten, aber manchmal eben doch nach vorne kommen wollen. Ein forciertes Umherschweifen zwischen dem beton-konkreten und dem cloud-geahnten auf der Basis gut gefundener Samples, etwas, das ähnlich zum Beispiel in den ersten Alben von Demdike Stare angelegt war, aber nie so konsequent ausgespielt wie von O$VMV$M.

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