Den ersten Teil der essenziellen Alben aus dem März findet ihr hier, den zweiten hier.
Jimi Tenor & Freestyle Man – Sinus Amoris (Songs from the Bay of Love) (Studio Barnhus)
Bei diesem Album trifft die MPB-Easiness der Westlondon-Brokenbeats, der Midlands-Northern-Jazz-Deep-House auf Detroiter Coolness und Neunziger-NYC. Es ist fast so, als wäre Roy Ayers im 21. Jahrhundert wiedergeboren worden („Sinus Amoris”).
Ich finde, das ist das Beste, was Jimi Tenor jemals produziert hat. Gar nicht so leicht, nach seinem jugendlich-guten, punkigen Electro-Klassiker Take Me Baby in den Neunzigern derart zu wachsen. Tenor ist erwachsen geworden, ist ein Vollblutmusiker und er produziert wunderschönen, harmonisch-jazzig-deepen Sound („Stockholm”). Sasse ist wirklich Freestyle Man? Wer von den beiden jazzt jetzt so unglaublich gut rein? Beide? Jeder Track tiefer im Album („Who’s Gonna Blink”) wird deeper, irgendwie ruffer, poppiger, jedoch trotzdem undergroundiger und verspulter. Wow! Die beiden haben sich derart entwickelt in den letzten 20 Jahren. Liegt das nur an einer 440-Hz-Frequenz? Dann pumpen die Kick und etwas, was im Basslauf womöglich eine hervorragend eingefilterte SH101 sein könnte, dreckig, während oben drüber einfach nur Fusion-Jazz gejammt wird („Domus”). Mich ärgert, dass ich die Downloads nicht herunterladen kann, weil ich Gen-X-Depp zu angenervt bin, mir einen Dropbox-Account freizuschalten. Morgen ist auch noch ein Tag. Da kaufe ich mir die Platte. Dann kommt fuckin‘ Italo-Balearic („Schrödinger’s Love”), der die Schrödinger-Krux, die Spekulation von Tod und Leben, in die schönste und softeste Liebevorstellung überführt, als gäbe es gar keine Probleme auf dem Dancefloor in der vorpolitischen Disco hinter dem Ausschluss, Einlass, der Türsteher:innen. Ein Diskurs, der in der Tanzmusik selten geworden ist. Ich ziehe gleich nochmal eine Line und frage mich, ob ich in meiner eigenen Montags-Box lebendig oder tot bin? Egal: „Little Flutist” erinnert an die Leichtigkeit von Far East Recording aus Japan versus Faze Actions Vocal-Flächen. Das Album dreht sich plötzlich entspannt um das Weibliche und NYC-Garage („Party People”). Verstehe ich das falsch? Und „Dactylic Theme” killt am Ende brasilianisch wirklich alle letzten Frauen und Männer tanzend in endloser Harmonie.
Dieses Album samplet sicherlich wenig. Ich freue mich auf den Live Act. Sinus Amoris auf Alex Bomans Studio Barnhus ist ein Meisterwerk. Mirko Hecktor

Takeo Watanabe – Piece Of My Scape (Artificial Owl)
Auf Takeo Watanabes Social-Media-Kanälen finden sich ästhetisch gefilmte Live-Performances im Freien, gerne mal in schneebedeckter Natur, vor Weihern oder rauen Küsten, aber auch vor Fabriken und auf bunt beleuchteten nächtlichen Großstadt-Boulevards. Was ihn laut PR-Text zu einem Pionier der Outdoor-Ambient-Szene macht. Markus Kavka hätte gesagt: Wieder was dazu gelernt. Das Tollste daran ist aber, dass Watanabe sich nicht nur gelungen in Szene zu setzen vermag, sondern auch wunderbare Musik macht.
Seinen Tracks wohnt ein unüberhörbarer Jam-Charakter inne, sie leben trotz eindeutig elektronischen Klangkonzepts von einem organisch anmutenden Fluss. Ständig passieren kleine Variationen und Breaks oder neue Elemente kommen hinzu – vorprogrammierte Parts in Endloswiederholung oder unvariierte Loops sind eher die Ausnahme. Was verwundert, weil er, wie in seinen Videos klar erkennbar, mit sehr übersichtlichem Equipment arbeitet. Ein gewisses Grundmuster im Aufbau der Stücke wiederholt sich, Synthesizer-Chords oder -Flächen plus Beats bilden eine Basis, die dann oft mutig im Arrangement abstrahiert und auf der Soundebene mit Effekten bearbeitet wird. Dabei gelingt es ihm, trotz der teilweise recht weitreichenden Dekonstruktionsintensität Stress und jede Düsternis aus den Stücken herauszuhalten – eine wirklich sehr selten zu findende Qualität bei IDM und experimenteller Elektronik. Piece Of My Scape funktioniert dadurch weitaus besser als Gegenpol zum derzeitigen Weltgeschehen als so manches Ambient-Konzept, das es genau darauf anlegt. Mathias Schaffhäuser

Tobias. Doltz. – Versus (Delsin)
Für Tobias Freund alias Tobias. geht Clubmusik stets mit Neugier einher. So setzt er unerkundete Sounds ebenso ein wie nicht-standardisierte Rhythmen, oft beides im selben Zug. Neben seinen Soloprojekten tut er das gern im Duo mit gleichgesinnten Kollegen, darunter besonders prominent Uwe Schmidt oder Max Loderbauer. Zu diesen Partnern hinzugekommen ist jetzt der japanische Produzent Watanabe Shun alias Doltz.
Ihr erstes gemeinsames Album unter als Tobias. Doltz. mag gegenüber früheren Projekten, in die Tobias. bisher involviert war, dezenter erscheinen, weil es sich mit dem Schlagwort Ambient Techno einigermaßen treffend beschreiben lässt. Doch dass die Tracks ruhig vorantreiben, meistens getragen von filigran abgespeckten Beats, ändert nichts an der grundsätzlich aufgeweckten Herangehensweise der beiden an dieses mutmaßlich von Routinen geprägte Genre. Die Elemente sind auf Versus in ihrer transparenten Zurückgenommenheit stets präzise gesetzt, auf nebulöse Gesten verzichten sie. Die Musik hat hingegen im ganz direkten Sinn etwas Meditatives: eine Konzentration auf spezifische Details, denen sie in Ruhe nachgeht und die sich darüber allmählich verändern. Unauffällig gut. Tim Caspar Boehme

Whatever The Weather – Whatever The Weather II (Ghostly International)
Der Einstieg in Loraine James‘ zweites Album für Ghostly International kann als Statement verstanden werden: Los geht es mit dem Field Recording einer Stimme, danach schwillt eine ambiente Synthie-Fläche an, weiter begleitet von Windgeräuschen der Sprachaufnahme, und ehe sich der Track richtig aufbauen kann, wird ausgeblendet – um dann abrupt in Stück Nummer zwei zu münden, als hätte man den Tonarm eines Plattenspielers mitten rein gesenkt. Auch hier dominiert ein Flächensound, aber dass Whatever The Weather II kein weiteres Wohlfühl-Album aus der Ambient-Chill-Ecke werden würde, ist zu diesem frühen Zeitpunkt bereits klar.
Die Stücke heißen „1°”, „3°” oder „18°”, was James damit erklärt, dass sie sie „nach dem Gefühl für die emotionale Temperatur zum Zeitpunkt der Aufnahme” benannt hat. Aber sie merkt auch an, dass diese sich beim erneuten Hören der Tracks oft ganz anders anfühlte, was dem Konzept einen sympathisch-ungezwungenen und jede konzeptuelle Schwere nehmenden Dreh gibt.
Wer bislang nur ihre Veröffentlichungen auf Hyperdub kennen sollte, darf auf diesem Album keinen experimentell-knalligen Post-Dubstep erwarten und auch keine Rap- oder Soul-Vocals. Allen Stücken ist trotz ihrer Ruhe jedoch eine gewisse Rauheit und Sprödigkeit gemeinsam. Einige erscheinen wie Skizzen, die sich dem meditativen Hingeben der eher sanften Klänge durch Abbruch verweigern, andere erzielen diesen Effekt ähnlich wie das Eingangsstück durch Field-Recordings oder andere kontrapunktische Sounds, die die Aufmerksamkeit immer wieder neu anstoßen. Mathias Schaffhäuser

Windu – Juxtapose (topo2)
Funky! Zu Windu gibt es (noch) nicht viel zu sagen, die Musik jedoch spricht von Vielseitigeit bei klarem Entwurf, Liebe zu den Klangtönen Hell- bis Dunkelgrau, mit gewissen scherzkekshaften Verspieltheiten. Da kommt es nicht schlecht, dass das Amsterdamer Label topo2 zu seiner auch erst zweiten VÖ mitteilt, dass Windu für Juxtappose in 250 Produktionen der vergangenen sieben Jahre gewühlt hat.
Davon haben es 17 hierher geschafft, von der silbergrau schillernden Fläche „Guilty Gears” über den Bass-Fiebertraum „Instagib” zum freien Stil aus Schlagzeugen und Bässen namens „Inception”. Windu, und das spricht für eine eher jüngere Person, scheint durchaus die Geschichte der tieffrequenten Musiken britischer Prägung zu kennen, nimmt sie allerdings nicht allzu ernst und schaut sich lieber danach um, was damit jetzt so geht. Zum Beispiel die melodischen und flächigen Klänge zu verwischen, auch wenn das mal auf Kosten der Tanzflächenverführung geht wie in „Metroid”; oder auch sich nie mit dem einmal gefundenen Groove zufrieden zu geben, wie im immer wieder leicht gestörten „Allegorya”. Gerne mehr! Christoph Braun
