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Juli 2023: Album des Monats

MCR-T, Miss Bashful – Tootsie Pop (Live From Earth)

Paare in der elektronischen Musikszene – da machen wir mal kurz einen Exkurs à la „Gala” oder „Bunte”. Nina Kraviz und Ben Klock sollen mal ein Paar gewesen sein. Amelie Lens und Farrago bekommen ein Kind. Und MCR-T von Live From Earth und Miss Bashful sind ein Duo, das sich in Musikvideos und auf Social Media so offensichtlich als Paar inszeniert, dass man sich fragt, ob sie wirklich eins sind (sie sind es). Echtes Leben und Kunst verschmelzen bei den beiden zu einer perfekt erzählten Inszenierung: Hochzeit in Las Vegas mit Elvis, „trophy husband”-Shirts, gemeinsame sexy Musikvideos. Und als vorläufiger Höhepunkt, sechs Monate nach ihrem ersten gemeinsamen Song, nun ein Album.

Tootsie Pop ist ein wilder und spaßiger Ritt zwischen Ghetto House, Electro und Techno mit Eurodance-, R’n’B- und Hardcore-Anleihen. Miss Bashful singt, meistens Vocoder-verzerrt und manchmal im Duett mit ihrem Partner MCR-T. Was Vocals angeht, überlässt er Miss Bashful zumeist das Spotlight.

Dass es sexy werden soll, machen die beiden gleich im Intro klar. Langsamer Zweitausender-R’n’B, „you make me fuckin’ hot”, sagt Miss Bashful, MCR-T ergänzt säuselnd „when I think of you”. Eine knackige Kick in Kombi mit wässrig-entspannten Pads macht den Ghetto-House-Track „FSDD” aus. „Slut Commandments” kann man sich perfekt als Hintergrundmusik für ein Techno-TikTok-Video vorstellen: Eine atzig-stumpfe Bassline aus den frühen Zehnerjahren auf 150 BPM, dazu eingängige Lyrics, um sich vor dem Rave nochmal richtig zu motivieren, „I’m on my hot girl shit, more like slut girl shit”. Das ist simpel, macht aber Spaß – mehr muss man ja manchmal auch gar nicht wollen.

Um Spaß scheint es Miss Bashful zu gehen. Die Künstlerfigur der in Mexiko geborenen und in Texas aufgewachsenen Musikerin ist durchzogen von Ironie. In ihren Musikvideos räkelt sie sich in Mikro-Bikinis, mit y2k-Make-up und einem großen Selbstbewusstsein. Sie singt über Sex und Sexy-Sein, mit einem Sprenkel Latina-Folklore. In „Padre Nuestro” etwa finden sich die Lyrics des „Vater Unser” auf Spanisch, darunter eine verwegene Acid-Bassline. So schambehaftet, wie Sexualität in der katholischen Erziehung oft besetzt ist, ist das ein Statement. Sexualität ist nichts Verstecktes mehr, sondern an vorderster Front und empowernd. „I love men” steht auf einem von Miss Bashfuls T-Shirts, nur dass das „n” durchgestrichen ist – „I love me” also, und diese Attitüde bringt es ganz gut auf den Punkt.

In all den musikalischen Referenzen an die Neunziger und Zweitausender und der ironischen Inszenierung ist Tootsie Pop Gegenwart.

„Lollipops & Limousines” ist eine Hommage an Miss Kittin und Felix Da Housecats Klassiker „Madame Hollywood”. Sang Miss Kittin 2003 „Everybody wants to be in Hollywood. The fame, the vanity, the glitz, the stories”, so singt Miss Bashful 20 Jahre später „Take me to Hollywood, the glitz, the glamour, the fashion” über Eurodance-Beat und Klick-klick-klick-Paparazzi-Verschlussgeräusche. Passend zur Celebrity-Kultur der Zweitausender, an die Look der Musikvideos und Lyrics anknüpfen.

In all den musikalischen Referenzen an die Neunziger und Zweitausender und der ironischen Inszenierung ist Tootsie Pop Gegenwart. Die Tracks sind oft nur vier Minuten lang, mit einer Handvoll sich wiederholender Zeilen, fast wie ein langer Skit. Man hat den Eindruck: Wenn der anvisierte Vibe des Songs erreicht ist, wird er ein paar Minuten genossen, und weiter geht’s. Miss Bashfuls Nicht-alles-so-ernstnehmen-Vibe und MCR-Ts Hang zum Ghetto House funktionieren dabei gut miteinander, es passt einfach. Das Album schließt mit der Partyhymne „Global BB”, in der die Grenzlinie zum Trash nicht mehr trennscharf zu ziehen ist – Eiffel 95 lassen grüßen. Macht Bock.

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