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November 2022: Die essenziellen Alben (Teil 1)

Bill Converse – Take Parts (Dark Entries)

Take Parts ist kein Album für Menschen, die moderate Lautstärke bevorzugen. Leise gehört, könnten einem hier wichtige Details entgehen und manche Tracks wie redundante Loop-Wiederholungen wirken – speziell das Eröffnungsstück. Bei angemessener Lautstärke entfaltet sich aber dessen Vielschichtigkeit, über dem sich wiederholenden Groove-Gerüst liegen morphende Soundschlieren und im gleichen Frequenzbereich schabende und raspelnde Percussion-Elemente, die beständig variiert werden. Sie machen das Stück im Gegensatz zum Ersteindruck lebendig und facettenreich. Nicht ganz so extrem wie im Opener, aber doch vergleichbar, zieht sich dieses Prinzip durch alle Tracks. 

Bill Converse setzt auf seinem fünften Album fast durchgängig auf kurze, mantrartige Loops, über denen in längeren Bögen sich entwickelnde Elemente liegen, was eine doppelte Sogwirkung entfacht, tranceartig und situativ zugleich. In „The Last Time“ kulminieren diese Facetten dann, der Track ist ein atemloser Trip, der kategorisierbare Elemente (wie ‘Electro Beat’ oder ‘Acid Line’) wirklich verschmilzt, nicht nur in ungewöhnlicher Anordnung nebeneinander stellt – wie häufig in als Fusion bezeichneter Musik. In „The Last Time“ sind weder Beat noch Genre benennbar, das Stück ist wilde, tanzbare Musik, die im richtigen Moment aufgelegt jeden Club auf links zu drehen vermag. Converse frönt auf „Take Parts“ ohnehin keinem Stil-Fetischismus, alle Tracks beinhalten eine Art Zukunftsimpuls – ein elementarer Aspekt des ursprünglichen ‘Techno-Ethos’, der leider allzu oft in Vergessenheit gerät. Mathias Schaffhäuser

Damiano von Erckert – The Past / The Future (Aus Music)

Rave ist das Hauptstichwort für The Past/ The Future, das dritte Album von Damiano von Erckert. Zwei der zehn neuen Tracks tragen den Schlüsselbegriff gleich im Titel, das zittrige Vocalsample auf „Think Different“, dem gelungensten Tune des gelungenen Longplayers, eröffnet sofort einen Zeitkorridor in die Neunzigerjahre. Dennoch steht der Kompass des in Köln aufgewachsenen Wahl-Frankfurters nach wie vor auf Deephouse mit Soul-, Disco-, Funk- und HipHop-Vibe.

Letzteres vor allem in seinem Remix von Retrogotts „Like This“, das im Original auf von Erckerts Label ava. erschienen ist. Im Klangbild gehen Organisches und Synthetisches Hand in Hand, wobei sich die Gewichtung leicht in letztere Richtung verschoben hat. Auch waren wohl weniger Gäste beteiligt als gewohnt, zumindest sind keine Features ausgewiesen. Dass „The Past / The Future“ bei Aus Music erscheint, kann dagegen kaum überraschen, hat von Erckert doch bereits zwei EPs auf Will Sauls Label veröffentlicht. „Es geht um vergessene Fragmente vergangener Klänge und die Einfachheit des Clubbings“, umreißt der Producer das Thema seines Albums. Harry Schmidt 

Decius – Decius Vol.1 (The Leaf)

Das erste Decius-Album (nach diversen Maxis, erschienen zwischen 2014 und 2019 auf Moreaboutmusic und dem eigenen Label Decius Trax) nimmt dich mit auf eine Reise, eine Reise durch einen engen, feuchten, wie dunklen Tunnel ins weiche, pink pulsierende Herz der Nacht. Zwölf Tracks schweißgetränkter Darkroom-House-Musik, die in Klang und Abfolge einen hypnotischen Sog entwickeln, dem man sich schwer entziehen kann. Los geht der Cruise mit minimalen, Acid-angereicherten Tracks, elektronischer Body Music, die peitschenartig Gehör wie Gehirn in Schwingungen versetzt – aufs wesentliche reduzierte, zutiefst körperliche Tanzmusik, die keine Widerrede duldet. Titel wie „Bitch Tracker”, „Masculine Encounter” oder „Look Like a Man” machen dabei unmissverständlich klar, worum es hier geht. Im Verlauf der Reise paaren sich dann immer mehr Vocals zum Beat – mal bestimmend, verlangend, dann wieder sich in Stöhnen hingebend. Viel mehr Sex in Musik zu legen, ist kaum möglich. Dabei erkennt man alle Referenzen, ohne dass sie altbacken oder klischeehaft wirken. Stattdessen ist dies kompromisslos moderne House Musik. Kaum überraschend, wenn man weiß, dass sich Decius aus Mitgliedern von Paranoid London, Fat White Family und Trashmouth Records zusammensetzt. Eine Supergroup homoerotisch orientierter House-Musik also. Kein Wunder, dass zum Ende hin auch noch Disco-Elemente Einzug halten, bevor das Album mit dem Vocoder-Hit “Roberto’s Tumescence” in wunderbarster Patrick Cowley-Seligkeit endet. Tim Lorenz 

DJ Stingray 313 – Aqua Team (Micron Audio) 

DJ Stingray 313, aus Detroit stammender Electro- und Techno-Meister, hält seit jeher die Unterwasserfackel hoch, die einst Drexciya zum Brennen brachte. Vor 15 Jahren auf Wémé als zwei EPs erschienen, werden die zwölf Tracks nun erneut veröffentlicht, auf Micron Audio mit neuem Artwork. Statt retro-mäßiger Schwarzweißfotos von Rochen und Tauchern wurde auf cybermäßige Aquatastik umgesattelt. Ziemlich ästhetisch. Wie die Musik – dunkel, tief, mystisch und sanft zugleich, umschmiegend wie ein Mutterleib. Serotonin beginnt mit einem halligen Chor von Unterwasserpflanzen, die in die Weite chören und typische Electrosounds – einlullend, quirky, warm und melodisch – legen sich über einen raschen Beat. Überhaupt sind die Drums immer auch mit einer harten Kick versehen, was ein gewisses Gegengewicht zum Weichen, Fließenden bildet. „Potential“ gibt ordentlich Gas, man scheint da in irgendeine Strömung geraten zu sein: „You have a destiny and now is your time to fulfill it.“ Das fährt schon mächtig ein und gar nicht mehr so für die Kopfhörer und zum Wegdriften. In „Binarycoven“ sprechen Cyborgs ihre Mantras in die Welt. Man macht es ihnen gleich und bewegt den Körper robotermässig zum Acid-Sound. „Counter Surveillance“ hat die liebsten und betörendsten Midi-Melodien. Mit „It’s All Connected“ geht es weiter hinab zum Meeresboden und seinen Geheimnissen. Gefährlich schön wie der Gesang der Sirenen. Lutz Vössing

FaltyDL – A Nurse To My Patience (Blueberry)

Wenn Produzenten, die bisher in aller Ruhe ihre Clubmusik gemacht haben, wie offen und abenteuerlustig auch immer, plötzlich anfangen, Songs zu schreiben, zu denen sie obendrein singen, ist das zunächst ein Anlass zu gesunder Skepsis. Bei Drew Lustman alias FaltyDL verlief sein Verhältnis zu Clubmusik bisher eh in unterschiedlichster Form, von Dubstep über House und Downtempo-Freiform bis hin zu verspieltem Acid hat er allerhand an Ausdrucksformen erkundet. Jetzt also, auf seinem ersten Album in acht Jahren, tritt er mit eigener Stimme in Erscheinung. Und mit Clubtrack-Popsong-Hybriden, die neben Lustmans Gesang mit einer Reihe prominenter Gäste aufwarten. Die Ambient-Gesangsloop-Vokalistin Julianna Barwick unterstützt ihn in gleich zwei Nummern, Rapper Mykki Blanco ist ebenso vertreten wie Joe Goddard von Hot Chip. Zudem als kleine Überraschung Brian DeGraw von den Klangschamanen Gang Gang Dance. Nicht wenige Nummern nutzen vertraute Funk-Grooves, das Gitarrenriff von „One Hitter“ klingt sogar recht dreist bei David Bowies „Fame“ entlehnt. In „Zoo Jarre“ spielt er wiederum mit der Idee der funkifizierten ethnischen Stimmcollagen von Jean-Michel Jarres Zoolook-Album. FaltyDL macht seine Sache durchaus solide, der ganz große Wurf mag es vielleicht nicht sein, ein gutes Popalbum ist das von der lähmenden Lockdown-Phase der Pandemie angeregte A Nurse to My Patience aber allemal. Tim Caspar Boehme

Fracture – 0860 (Astrophonica)

Im April erst hatte der Produzent Charlie Fieber alias Fracture mit seinem Kollegen Sam Binga das Electro-Album Omura auf seinem Label Astrophonica herausgebracht. Jetzt folgt mit 0860 eine Rückkehr zu Drum ‘n’ Bass, wobei Fracture, ähnlich wie der äußerst produktive Minder, mit seinen Produktionen das historische Umfeld ebenfalls im Blick hat. Fractures Album ist als Hommage an das Londoner Pirate Radio und dessen Rolle für die Entwicklung von Jungle und seinen Folgen gemeint und konzentriert sich weitgehend auf die mehr oder minder heftig beschleunigten Amen-Breaks. Den Kontext schafft er, anders als Minder, weniger als genreübergreifende Rückschau, vielmehr hat Fracture zusätzlich zu seinem Album, das es auch als Mixtape mit weiteren Tracks gibt, noch Interviews geführt mit Kollegen wie Eastman oder Bryan Gee, beide gleichfalls auf dem Album vertreten. Und mit 0860.fm hat er sogar einen Radiosender gestartet. Bei aller Liebe zur Tradition muss er sich allerdings die Frage gefallen lassen, was er dieser Geschichte hinzufügt. 0860 bleibt die Antwort etwas schuldig. Tim Caspar Boehme

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Reviews

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