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„Das Berghain schließt für immer!” – Nope. Über ein journalistisches Totalversagen mit Ansage

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Ein „Insider” verbreitet das Gerücht, das Berghain würde schließen. Regionale und überregionale Medien nehmen das begierig auf, obwohl es sich um Unfug handelt. Das lässt tief blicken. Ein Kommentar.

Die öffentlichen Mitteilungen des Berghains seit Eröffnung im Jahr 2004 lassen sich an einer halben Hand abzählen. Die Artikel, die über den Club geschrieben wurden, sind hingegen nicht zu beziffern. Die kommunikative Verweigerungshaltung des Berghains trug maßgeblich dazu bei, dass daraus eine Mythenmaschine wurde: Gerade weil der Club nie etwas sagte, wurde darüber geredet. Spätestens Mitte der Zehnerjahre wurden Nachrichten über das Berghain deshalb zum Salz in der Suppe der publizistischen Clickbait-Ökonomie. Online-Medien griffen jede Bagatelle mit Berghain-Bezug auf. 

Im Jahresrückblick 2016 schrieb ich in GROOVE darüber, dass dahinter nicht die reine Klickgeilheit, sondern primär ökonomische Sachzwänge standen: Magazine wie GROOVE waren damals wie heute finanziell darauf angewiesen, dass ihre News im Social-Media-Strudel viral gehen, damit möglichst viele Menschen ihre Posts sehen und ihre Webseiten besuchen, auf denen Werbung ausgespielt wird, mit denen sie Geld machen. 

Gegen Ende der Zehnerjahre und Beginn der Zwanziger schien sich der Trend hinsichtlich des Berghains zumindest etwas zu beruhigen – oder zumindest blieb die Clickbait-Maschine weitgehend bei den Fakten. Doch nachdem Resident Advisor die Nachricht über die Schließung der hauseigenen Booking-Agentur Ostgut ankündigte, ging das wilde Spekulieren auf dünner Faktenlage nun wieder los.

Was war passiert?

Am 12. Oktober veröffentlichte das Magazin Faze einen Blogeintrag mit dem Titel „Die Berghain-Macher haben keine Lust mehr auf den Club – laut Berlin-Insider”. Eben jener habe „ein wenig recherchiert. Herumtelefoniert. Fragen gestellt.” und „möchte seine Quellen jedoch nicht nennen.” Er habe dann doch „etwas gepostet und viele Reaktionen hervor gerufen”, heißt es. Allein das ist ein Meisterstück unsauberer journalistischer Arbeit. 

Nun genießen Informant:innen zwar presserechtlichen Schutz, die Übernahme einer solchen Wortmeldung ohne gesicherte Quellenlage ist aber zweifelhaft oder bedarf mindestens einer kritischen Einordnung durch das wiedergebende Medium. Zumal es sich, das wird ja angedeutet, um eine mindestens semi-öffentliche Aussage handelt – schließlich wurde etwas „gepostet”. Wo genau, wird indes unterschlagen. Das auszusparen, ist in journalistischer Hinsicht mindestens fragwürdig. Und vielleicht sogar Kalkül.

Zuerst aber werfen wir einmal einen Blick auf die zitierte Aussage:

„Das Berghain schließt für immer! Noch in diesem Jahr kommt das endgültige Aus!” […], wenns stimmt, ist das wirklich ein Beben für die Berliner Nacht. Schon in der letzten Woche wunderte man sich über die bestätigte Meldung, dass das Berghain […] die hauseigene Booking Agentur schließt. Nun also ganz schnell der ganze Club. […] Einer der Gründer hat sich bereits auszahlen lassen und soll in Brandenburg auf dem Lande weilen, die anderen hätten schlicht und einfach „keine Lust” mehr und andere Lebensplanungen im Kopf. In diesem Falle gibt es ja unterschiedliche Konzepte, z.B. die Weitergabe des Clubs in jüngere Hände oder der Verkauf an einen anderen Betreiber. Dies ist offenbar nicht erwünscht. Auch als Kunstort weiter zu existieren erscheint keine Option. Und so soll dieses Kapitel also final geschlossen werden. Wenn dem so ist, würde ich Respekt zollen. […]”

Der pathetische Ton allein sollte Anlass zur Vorsicht bei der journalistischen Übernahme solcher Aussage bieten. Mehr noch aber der Verweis auf den Gründer, der „sich bereits auszahlen lassen” habe. Gemeint ist Michael Teufele, der laut offen einsehbaren Quellen bereits im Jahr 2017 ausgestiegen ist. Das Statement des „Insiders” ist nicht einmal von der outside betrachtet mit leicht und schnell nachprüfbaren Informationen kongruent. Ein kurzer, aber zumindest mindestkritischer Blick auf den Faze-Beitrag sollte dementsprechend enthüllen, worum es sich handelt: Nonsens, der die Gunst der Stunde nutzt, um mit einer reißerischen Headline Klicks zu generieren. 

Bemerkenswert ist diesbezüglich auch, dass direkt nach dieser Passage noch ein weiteres Statement, mutmaßlich von eben jenem „Insider”, zitiert wird:

„[…] Seit der VÖ […] hats jede Menge interessante Anrufe gegeben und ich kann sagen. An dem Post oben ist viel wahres dran – außer das das Berghain noch in diesem Jahr schließt. […]”

Liefert hier das Faze vielleicht gar das Dementi zu seiner eigenen Nachricht mit und entlarvt das Clickbait mit scharfer Headline sogleich als – es lässt sich nicht oft genug so nennen – Nonsens? Es hat ganz den Anschein. 

Aber das hinderte dann auch niemanden, angefangen von lokalen Berliner Zeitungen bis hin zu überregionalen Medien und sogar internationalen Musikmagazinen, den Quatsch unhinterfragt zu übernehmen und mit noch mehr gefährlichem Halbwissen anzureichern.

Wie ging es weiter?

Als eines der ersten Medien sprang die Berliner Zeitung am 14. Oktober auf die (Nicht-)Nachricht an. „Gerüchte um Berliner Club: Schließt das House of Berghain?”, titelten Christian Gehrke und Stefan Hochgesand und verbreiteten damit schon per Titel die erste Unwahrheit: Es gab niemals „Gerüchte”, sondern nur eine einzelne, unbelegte Behauptung. Darin zeigt sich sprachlich, wie die Sache über Gebühr aufgeblasen wird – was zugleich als self-fulfilling prophecy funktionierte, weil damit das Gerücht erst in die Welt gesetzt wird.

Die beiden versuchten immerhin, weitere Stimmen zu integrieren. Nur fragt sich, was genau ein „ehemaliger bekannter Clubbetreiber Berlins, der jetzt nicht mehr aktiv ist und im Ausland lebt”, zur Sache beitragen kann. Er glaube, dass das Berghain schließen würde, zitiert ihn der Text. Das ist ein bisschen so, als würde jemand bei einem Second-Hand-Laden für Möbel in Oer-Erkenschwick anrufen und dort nachfragen, wie es gerade um die finanzielle Situation IKEA beschaffen ist: ziemlich unergiebig und handwerklich zweifelhaft.

Von da an ging es weiter. Der Tagesspiegel legte unter dem Titel „Feierabend fürs Berghain?: Gerüchte um Schließung des legendären Berliner Clubs” noch am selben Tag nach. Jan Schroeder zitierte in einem Artikel einen ehemaligen Mitarbeiter mit den Worten „Seit der Corona-Pandemie war klar, dass es nicht weitergehen kann. Die Betreiber haben nur noch nach einem Käufer gesucht. Das Ende war absehbar.”

Wann dieser Mitarbeiter zuletzt und in welcher Funktion dort gearbeitet hat, wird nicht gesagt. Um mehr als um eine bloße Vermutung handelt es sich sowieso nicht. Und wenn dann noch nachgeschoben wird, dass ein Investor Kaufinteresse bekundet hätte und „einen dreistöckigen Glasbau auf das bunkerähnliche Gebäude im Stil des Sozialistischen Klassizismus” zu bauen, sollten eigentlich alle Alarmglocken schrillen: Das ist alles kaum mehr als höchstens Hörensagen, das wilde Spekulationen umrankt und sich im Kontext fast schon wie Satire liest.

nichts Genaues weiß man nicht, aber wenn’s ein „Insider” – was das bedeutet, wurde ebenfalls mit keiner Silbe erwähnt – sagt, könnte es ja stimmen, was meint ihr? Klick, Klick, Klick.

Mit Ausnahme vom Berliner Stadtmagazin tip, wo Xenia Balzereit das Gewese in einem Kommentar pointiert infrage stellte, bemühte sich wirklich niemand um eine Differenzierung dieser mehr als lückenhaften – selbst die vom Faze zitierte Aussage war voller Auslassungen wiedergegeben worden – Informationslage. Im Gegenteil: Immer größere Medien wie beispielsweise ntv – dort war sogar von „Insidern”, Plural, die Rede, so schnell werden aus einem unglaubwürdigen Kronzeugen plötzlich mehrere – oder sogar das Mixmag griffen die Nachricht auf.

Mittlerweile aber sind die meisten von ihnen zurückgerudert, haben Richtigstellungen (Tagesspiegel, Berliner Zeitung, ntv) veröffentlicht. Wieso? Weil sich der „Insider” noch einmal selbst zu Wort gemeldet hat, und zwar erneut über das Medium, wo das Faze am 12. Oktober tiefschürfende Recherchen betrieben hatte: auf Facebook.

Der „Insider” schrieb am Abend des 14. Oktobers dort:

„Ich habe zugegeben das Gerücht von der Schließung gepostet, versehen mit dickem Fragezeichen und der Abschlussfrage: Weiß jemand etwas genaueres? Daraufhin hat es ein paar Anrufe gegeben mit Leuten die genaueres wissen und ich hab das ganze wenige Stunden später richtiggestellt. Das im Anschluss das Faze Magazin das als Meldung bringt und die Berliner Zeitung, die sich auf das Faze Magazin bezog, ist interessant – mit mir hat niemand gesprochen. Mit mir gesprochen haben Bild und BZ, denen der FB Post auch zugespielt wurde. Denen habe ich gesagt, dass es eine Fehlinfo war und sie haben auf weitere Berichterstattung verzichtet.”

So peinlich es für jede der beteiligten Publikationen auch ist, dass selbst die BILD gründlicher recherchiert als sie, so bemerkenswert ist auch die Identität des mysteriösen „Insiders”: Jürgen Laarmann, ehemaliger Chefredakteur der Frontpage. Spannend ist die Frage, warum das Faze – übrigens: wer den Artikel dort geschrieben hat, wird nicht einmal angegeben – diese dann doch sehr zentrale Information genauso unterschlagen hat, wie es nur sehr vage andeutete, wo die Aussage zu finden sein könnte.

Dahinter steckt Absicht

Womöglich geschah Ersteres, weil klar war, dass der „Insider”-Meldung innerhalb der Szene mit gesteigerter Skepsis begegnet würde. Einerseits hat Laarmann den Ruf eines, nennen wir es mal diskursiven agent provocateurs inne, und andererseits ein Buch zu bewerben, über das er auch einen Tag nach der Veröffentlichung der Faze-Meldung im GROOVE-Interview spricht. Beides sollte im Sinne der journalistischen Sorgfaltspflicht in einer solchen Meldung zumindest implizit kritisch reflektiert werden. Zum anderen jedoch verwischte der Faze-Beitrag die Spuren zur eigentlichen Quelle und erschwerte nachfolgender Berichterstattung damit die Recherche. Die Vermutung liegt nahe, dass dahinter Absicht stand.

Denn beides trug in seiner absoluten Vagheit und Unüberprüfbarkeit dazu bei, dass die Nachricht innerhalb der Szene viral ging – nichts Genaues weiß man nicht, aber wenn’s ein „Insider” – was das bedeutet, wurde ebenfalls mit keiner Silbe erwähnt – sagt, könnte es ja stimmen, was meint ihr? Klick, Klick, Klick.

Dass sich indes tatsächlich professionell agierende Medien draufstürzten und den Nonsens mit nicht belastbaren Statements noch weiter zu unterstützen suchten, ist hingegen beschämend. So wie dem Facebook-Post eines Jürgen Laarmann mit kritischer Distanz begegnet werden sollte, so muss es auch hinsichtlich der in jeglicher Hinsicht fragwürdigen Meldung des Faze geschehen. Der von ihr losgetretene mediale Schneeballeffekt lässt sich im Rückblick dementsprechend als Chronik eines journalistischen Totalversagens lesen. 

Es war ein Totalversagen mit Ansage und trifft damit auch eine explizite Aussage über den horriblen Status quo von Kulturjournalismus im Jahr 2022. Wie gesagt hat sich Clickbaiting aus den (aufmerksamkeits-)ökonomischen Grundbedingungen digitaler Publizistik ergeben. Vereinfacht gesagt: Auch bei GROOVE und auch während meiner Zeit als Online-Redakteur dort zwischen den Jahren 2015 und 2018 wird und wurde der Wert einer Nachricht nicht immer nach ihrer kulturellen, sozialen oder politischen Relevanz bemessen, sondern bisweilen danach, wie viele Leute den Scheiß denn nun klicken würden, damit das Magazin als Ganzes mehr Sichtbarkeit erlangt – was neben potenziellen Werbeeinnahmen auch verspricht, dass sich das Publikum, wenn es schon auf der Seite herumklickt, sich mit weniger reißerischer Berichterstattung auseinandersetzt.

Ein Bärendienst für den Musikjournalismus

Nun lässt sich sogar Clickbait-Berichterstattung noch einigermaßen journalistisch rechtfertigen, solange sie jenseits der Aufreger-Headline zumindest ein paar grundlegende Standards einhält. Wenn eine Nachricht gut recherchiert wird und die darin enthaltenen Informationen kontextualisiert werden, wie es in den oben zitierten Artikeln der Berliner Zeitung und des Tagesspiegels freilich versucht wurde, ließe sich vielleicht nichts dagegen einwenden – denn hey, offensichtlich besteht ja ein Interesse an dem Thema. Nach demselben Prinzip werden schließlich immer wieder Interviews oder Features mit und über die immer selben DJs veröffentlicht: Auch wenn die nichts Neues zu sagen haben, findet es das Publikum doch immer von Neuem interessant.

Nur stellt sich bereits bei dem „Insider”-Wortbeitrag die Frage, ob das grundlegende Interesse an all things Berghain nicht vielmehr auf dem Rücken der durchaus krediblen Meldung, die Agentur werde eingestellt, für Aufmerksamkeit ausgenutzt wurde. Und überdies sollte für erfahrene Journalist:innen mit nur einem einzigen Blick auf die Faze-Meldung klar sein, dass es sich bei dem Ganzen um das handelt, was im Mediensprech eine Ente genannt wird. Genauer: heiße Luft für eine Handvoll Klicks.

Es ist eines, Fehler zu machen – die unterlaufen uns allen aus verschiedenen Gründen immer wieder, auch der Redaktion von GROOVE und mir selbst. Aber sich dermaßen Hals über Kopf auf allerdünnstes Eis zu begeben und offensichtlichen Nonsens als Nachricht zu kolportieren, zeugt von einer gewissen Rücksichtslosigkeit, die Musikjournalismus im Ganzen einen Bärendienst erweist. Es ist ja nun nicht so, als würde unsere Zunft allzu tiefschürfendes Vertrauen beim Publikum genießen. Als würden nicht ständig unsere Motivationen hinterfragt. Als würden nicht große Teile der Leserschaft daran zweifeln, ob wir überhaupt ernst zu nehmen sind. Wer kann es ihnen verübeln angesichts eines solchen Clusterfucks medialer Inkompetenz?

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