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Ein Nachruf auf Ostgut Booking: Mehr als ein weiterer Technoclub

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Am Freitag wurde bekannt, dass der Betrieb der Berghain-eigenen Booking-Agentur zum 31. Dezember 2022 eingestellt wird. Das Label hat seit vergangenem Herbst keine Veröffentlichung mehr zu verzeichnen, insofern scheint man hier ähnliche Pläne zu verfolgen. Die Einstellung von Agentur und Label sind mehr als überraschend, da sie zu den erfolgreichsten der gesamten Szene gehör(t)en. Agentur und Label hatten durch ihre Verbindung zum Club eine Sichtbarkeit, mit der niemand anders konkurrieren konnte. Diese ohne äußeren Zwang aufzugeben, mutet geradezu bizarr an. Was könnte Berghain-Besitzer Norbert Thormann dazu bewogen haben?

Die Verzahnung von Veranstaltungen mit Label und Agenturgeschäft war in der Technogeschichte ein organisatorisches Ideal, das etwa von Tresor oder Cocoon in Ansätzen realisiert wurde, aber erst im Fall des Berghain ganz und gar aufging.

Die Attraktivität dieses Modells liegt auf der Hand: Egal, wie gelungen eine Klubnacht ist, bleibt sie doch eine flüchtige Angelegenheit. Erst mit Veröffentlichungen und verbuchten Künstler:innen entsteht eine globale Wahrnehmung, die man selbst gestalten kann, bei der man nicht auf Berichte von Raver:innen, Journalist:innen und Creators von Meme-Kanälen angewiesen ist. Der Club ist Motor, Label und Agentur tragen den Sound in die Welt. 15 Jahre lang funktionierten Club, Label und Agentur als ein solches Dreieck. Ein möglicher Grund für die Aufgabe dieses Modells könnte sein, dass immer weniger Künstler:innen alle drei Säulen tragen konnten – inwiefern, zeigt ein Blick auf die Geschichte des Clubs. 

Der Eingang des Berghain-Gartens (Foto: Alexis Waltz)

Der Berghain-Vorgänger-Club Ostgut, nach dem Label und Agentur benannt sind, war nur Club, er hatte nicht mal Residents. Als Außenseiter in der Berliner Clublandschaft buchte man Künstler:innen, die musikalisch so integer waren, dass sie den Niedergang der Neunziger unbeschadet überstanden hatten; Namen, die mit keinem anderen Berliner Club verbunden waren. Der erste Release von Ostgut Ton erschien 2003 kurz nach dessen Ende und kommunizierte schon das neue Selbstbewusstsein des Berghain, das von der Wahl eigener Residents unterstrichen wurde.

Der entscheidende kuratorische Claim lag nun darin, mit Ben Klock, Marcel Dettmann und Len Faki auf weitgehend unbekannte Künstler:innen zu setzen. Die aktuelle Meldung einer Honey-Dijon-Residency in der Panorama Bar unterstreicht, was für ein ungewöhnlicher Schritt das war: Heute setzt man auf Künstler:innen, die sich woanders einen Namen gemacht haben, statt eigene aufzubauen.

Biergarten Ruedersdorf am Berghain (Foto: Alexis Waltz)
Biergarten Ruedersdorf am Berghain (Foto: Alexis Waltz)

Michael Teufeles mutige Resident-Wahl ging auf. Indem Ben Klock und Marcel Dettmann einen Dialog zwischen der Berliner Techno-Geschichte der Neunziger und dem kulturellen Status Quo der Zweitausender anstießen, entwickelten sie eine zeitgemäße Definition von Techno, die das Berghain zu mehr als einem weiterem Technoclub machte. Mit den ikonischen Ostgut-Ton-Veröffentlichungen von Klock und Dettmann wurde die Berghain-Erfahrung musikalisch auch für Techno-Fans greifbar, die den Club nicht besuchen konnten.

Gerade die Vermischung von realer Feiererfahrung und romantisierender Projektion machte das Berghain auch global zum ikonischen Technoclub. Bemerkenswert ist dabei, dass Klock und Dettmann diese Beziehung nie in Frage stellten. Bei allen Erfolgen blieb das Berghain immer das Zuhause, in dem man sich musikalisch stärker ausleben konnte als unterwegs. Und kein Konzern wie William Morris oder ​​Paramount konnte ihnen ein Angebot unterbreiten, das sie nicht ablehnen konnten. Das bedeutete allerdings auch, dass alle anderen Künstler:innen des Zusammenhangs mehr oder weniger stark dazu verurteilt waren, in ihrem Schatten zu stehen.

Len Faki veröffentlichte bald auf seinem eigenen Label und wechselte die Agentur, ebenso Marcel Fengler. Anders Norman Nodge, Fiedel und Answer Code Request. Sie ergänzten das Bild, das das Ostgut-Roster von den Berliner Technolandschaft zeichnete, und repräsentierten dabei drei verschiedene Techno-Generationen. Als Nicht-Berliner kamen Luke Slater, Efdemin, Etapp Kyle und Tobias. dazu, die sich stilistisch und generational ähnlich gut ergänzten und aufgrund von Geschichte und Erfolg ohnehin in anderen Ligen spielten. Anders sah es in der Panorama Bar aus: Da wollte sich eine vergleichbar produktive Dynamik zwischen Dancefloor, Label und Agentur nicht einstellen.

Das Cover von „Dawning” von Marcel Dettmann und Ben Klock (Illustration: Peter Knoch, Design: Yusuf Etiman)

Die Panorama Bar hatte keine Dettmanns und Klocks, keinen musikalischen Blueprint. Das liegt nicht nur an den fehlenden Künstler:innen, sondern auch am Berliner Kontext. Berlin wird als Techno-Stadt wahrgenommen, House findet meist am Rand statt. Und wenn House aus Berlin – in den Neunzigern Jazzanova, in den Zweitausendern Innervisions – internationalen Erfolg hatte, spiegelte der Sound weniger die Stadt. Âmes „Rej” etwa wurde im Gegensatz zu „Dawning” von Dettmann und Klock selten als Stück über Berlin wahrgenommen. Wahrscheinlich lag der Charme der Panorama Bar eher darin, dass es gar nicht um Masterpläne und global gültige Techno-Architekturen ging. Die Panorama Bar funktionierte als eklektischer Gegenentwurf gegen das puristische, bisweilen auch monotone und bierernste Berghain.

Die Residents Tama Sumo, Boris, nd_baumecker und Nick Höppner konnten jenseits des Berliner Tellerrands Verbindungen zur US-amerikanischen House- und Disco-Geschichte herstellen und anders als Jazzanova oder Innervisions auch an queere Feiertraditionen anknüpfen. Prosumer war eine Lichtgestalt, die einen engeren stilistischen Fokus setzte und als einer der wenigen Panorama-Bar-Residents, der auch auf dem Label aktiv war.

Wenn doch kein Act der Panorama Bar auf dem Label ein mit Dettmann und Klock vergleichbares Statement ablieferte, so gab es dort mit Massimiliano Pagliara, Steffi und Virginia eine zweite Generation von Künstler:innen, die kongenial an die stilistische Melange der ersten Generation anknüpfte und die musikalische Verwurzelung des Ortes in den Achtzigern stilistisch noch weiter auffächterte.

Die Fassade des Berghain (Foto: Alexis Waltz)

Überraschend ist, wie lange diese verschachtelte Konstellation von DJs, Veröffentlichungen und Künstlerreisen funktionierte. Als einziger Newcomer kam in den 2010ern Kobosil dazu. Er verkörperte das junge Berlin, das Techno erst durch das Berghain kennengelernt hatte, das jetzt Feedback gab. Ähnlich wie Len Faki verließ er das Gefüge aber relativ schnell wieder. Signifikant sind zwei Neuzugänge der Zehnerjahre: Anthony Parasole und Phase Fatale

Anthony Parasole passte mit seinem modernisierten Discoverständnis so gut in die Panorama Bar wie Phase Fatale mit seinem kristallinen Industrial-Sound ins Berghain. Parasole und Phase Fatale lieferten als DJs, als recording artists fielen sie aber gegenüber anderen Künstler:innen ab. Auch teilten sie mit Berghain und Panorama Bar keine gemeinsame Geschichte. Insofern war unklar, was sie repräsentierten, wenn sie den Planeten bereisten. Die Triade von Club, Agentur und Label fiel auseinander.

So wurde Ostgut Booking eine normale Booking-Agentur. Statt einen originären Sound zu prägen, wurde der Name des Clubs genutzt, um Acts zu pushen, die mit dem Club so viel oder so wenig zu tun haben wie diverse andere DJs auch. 

Ein Ausgang am Berghain (Foto: Alexis Waltz)

Natürlich mutet es wenig bizarr und passive aggressive an, mit Sedef Adasï, Naty Seres, JakoJako, Fadi Mohem und Lakuti fünf neue, starke Künstler:innen in die Agentur aufzunehmen und noch im selben Jahr die Agentur einzustellen. Vielleicht hatte dieser drastische Schritt aber mit der Einsicht zu tun, dass die Musiker:innen bei aller Qualität woanders genauso gut aufgehoben sind. Denn das Label würden diese neuen Künstler:innen nicht wie frühere Generationen tragen, genauso wenig würden sie den Club repräsentieren. Nicht, weil sie nicht gut sind, sondern weil sie sich schon anderenorts einen mehr oder weniger großen Namen gemacht haben und für etwas anderes stehen.

Damit löst sich der Zusammenhang von innen her auf. Und wenn man den Status Quo der elektronischen Musik nicht mehr neu definiert, kann man dorthin zurückkehren, wo alles angefangen hat: Zum Ostgut, wo man DJs buchte, deren Musik gefiel – und wo sämtliche Ambitionen nach einem durchfeierten Wochenende eingelöst waren.

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