Charlie Charlie – Little Things (International Feel)

Charlie Charlie - Little Things

Der Zufall wollte es, dass sich die beiden Schweden Gabriella Borbély alias Bella Boo und Jens Resch alias Chords an einem Strand in Südkalifornien trafen und spontan beschlossen, zusammen Musik zu machen – klingt nach einem Märchen und ist vielleicht auch eines aus der Promotion-Schatulle der beauftragten Agentur, aber es passt zu der sprichwörtlich märchenhaft-schönen Musik ihres Projekts Charlie Charlie und dessen Albumdebüt. Und genauso wie Kalifornien für Unbeschwertheit und easy living steht, aber seine Abgründe immer nur zwei Schritte von der Strandpromenade entfernt lauern, vereinen die Songs auf Little Things eine Stimmungs-Palette auf sich, die beim ersten Hören Wohlklang, Leichtigkeit und Pop im Überfluss auslöst, der aber ebenso viele atmosphärische Untiefen und seelische Schrammen innewohnen – jedoch so geschickt arrangiert und integriert in die Stücke, dass Pop die große Headline von Little Things bleibt. Ein betörendes Freischweben, besser gesagt das Erzeugen dieses Eindrucks (denn oft ist dieser schwer erarbeitet) verbindet das Duo mit Acts wie den Schweizern Sirens Of Lesbos, oder, weiter zurückerinnert, den großartigen St. Etienne – ohne jeweils in deren konkreten musikalischen Gefilden zu wildern. Und in „Save Us” unvermittelt beim Einsatz der ersten Strophe sogar mit Fleetwood Mac, und zwar derart intensiv, dass sich auch nach dem siebten Hören noch eine Gänsehaut einstellt. Charlie Charlie schaffen es sogar, einen Bläsersatz unprätentiös cool und ohne jeden Mucker-Beigeschmack einzusetzen – eine der schwersten Übungen im so leicht klingenden Arrangement-Einmaleins. Auch sehr sympathisch-gekonnt, wie sie am Ende des großartigen Popsongs „Frosty” eine kurze Kraftwerk-Hommage einstreuen. Das Album endet mit dem versöhnlichen Neo-Soul-Song „Lorena”, übrigens, wie auch „Save Us”, von Mapei gesungen, die 2013 einen großen Hit mit dem Stück „Don’t Wait” hatte. Mathias Schaffhäuser

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Darkside – Spiral (Matador/Beggars)

Darkside - Spiral

Spiral ist ein rätselhaftes Werk. Wo Nicolas Jaar und Dave Harrington mit dem Comeback-Album ihres Jam-Projekts Darkside hinwollen, erschließt sich nicht gleich beim ersten Hören. Beim Vorgänger war das noch anders: Psychic vereinte 2013 die Welten des ewigen Laptop-Wunderkinds Jaar und des Psychedelic-Jazz-Multiinstrumentalisten Harrington auf die denkbar beste Weise: Gespür für den Groove, Mut zur Lücke im richtigen Moment und der eine oder andere Mark-Knopfler-Gedächtnis-Gitarrenlick machten es zum Psychedelic-Album der Stunde. Und Spiral? Ist dagegen merkwürdig unglamourös und sehr viel weiter vom Zeitgeist entfernt als erwartet. Die Einflüsse scheinen deutlich stärker von Dave Harrington zu kommen, der mit seiner selbstbenannten Group Instrumentalalben in ähnlicher Manier veröffentlicht: Verspielt, weich und surreal. Jaar, von Haus aus näher am Spiel mit den Dynamiken, scheint sich damit zurückgenommen zu haben. Und so ist Spiral weniger Dire Straits und mehr Pink Floyd an der Schwelle zwischen 60er-Psychedelic und 70er-Progressive: Ein Fiebertraum zwischen bluesigen Akustikgitarren und flirrenden Synthesizern. So erklärt sich nach mehreren Durchläufen doch noch, wo die beiden mit diesem Album hinwollen: Es ist eine jenseitige, strukturlose Traumwelt, die sie sich in ihren Jamsessions in einem Häuschen in New Jersey eröffnet haben. So macht es Sinn. Und so sickert es ein, mit jeder weiteren Umdrehung. Steffen Kolberg

DJ Manny – Signals In My Head (Planet Mu)

DJ Manny - Signals In My Head

Er wolle die Leute nur wissen lassen, dass es da draußen viel Liebe gibt, sagt DJ Manny. Duh. Ja, klar. Ob das als Message für ein recht großspurig angekündigtes Album wie Signals In My Head ausreicht, muss halt jeder selbst wissen. Südlich von Chicago im kleinen Städtchen Robbins aufgewachsen, ließ sich Manny schon vor etlichen Jahren in Brooklyn nieder und zählt jedenfalls seit den frühen 2010ern zur ersten Footwork-Garde an der Ostküste. Digitale und gepresste Sachen veröffentlichte er zwischenzeitig auf Untergrund-Labels wie Ghettophiles, Hoko Sounds, Aeronema und Teklife – oder wie in den letzten zwei Jahren eben komplett im Alleingang ohne Label. Nun aber der erste echte große Wurf auf Planet Mu, für den Manny zwölf kross gebrochene Beat-Eklektizismen entwarf, die mal romantisierten R’n’B und Juke verschränken wie im Opener „Never Was Ah Hoe” oder „All I Need”, dann aber auch in den Bereichen Drum’n’Bass („Havin’ Fun”), Chicago House („That Thang”) und Detroit Techno („At First Site”) wildern. Dass er all diese Stile mittlerweile wie aus dem Effeff beherrscht, ist angesichts der gelungenen Produktion, die er mit Ableton, Korg Triton und Akai MPC stemmt, weitgehend unstrittig. Divergierendes verschmelzen – das gehört ja mittlerweile eh zum guten Ton. Geht es um originelles Sounddesign und vielleicht einen sublimen Ansatz dahingehend, wie all diese Einflüsse über die Länge eines Albums zusammengeführt werden, bleibt hier allerdings durchaus noch viel Luft nach oben – die Signale aus Mannys Birne sind eher direkt in your face. Wo eigentlich das andere angekündigte Album The Vault steckt, ist am Ende daher irgendwie egal. Nils Schlechtriemen

DJ Sotofett & LNS – Sputters (Tresor)

DJ Sotofett LNS - Sputters

Ein Album von DJ Sotofett mit LNS auf Tresor? Das dürfte sich vielen nicht als erster Gedanke aufgedrängt haben. Bereits seit 2017 bilden der norwegische Producer Stefan Alvin Mitterer und die kanadische Producerin Laura Sparrow eine Produktionsgemeinschaft, deren Tracks bislang auf Mitterers Label Wania erschienen. Ihr Debütalbum als Producer-Team markiert gleichzeitig den Auftakt einer Zusammenarbeit zwischen Mitterer und dem Berliner Techno-Traditionshaus. Sputters ist als durch Interludes gegliederte Doppel-LP konzipiert und tritt mit dem Anspruch eines Autorentechno-Albums an. Dessen narrativer Mittelpunkt besteht in „The 606”: Sparrow habe sich von ihrem Roland-Drumcomputer trennen wollen, seine Antwort sei der Vorschlag gewesen, „einen Track damit zu produzieren, in dem die TR-606 so fresh klingt, dass sie nie mehr auf den Gedanken kommen würde, die zu verkaufen”, so Mitterer. Der ist durchaus erstaunlich ausgefallen: Was als psychedelische Detroit-Acid-Dringlichkeit mit balearisch-synthetischer Kopfnote beginnt, kippt in der zweiten Hälfte des zehneinhalbminütigen Arrangements in einen feuchtwarmen Deep-House-Groove tribaler Anmutung – und wer nun an Bobby Konders denkt, liegt gar nicht mal so verkehrt. Auch „Shim” verbindet pazifische Weite mit einer Nu-Groove-Subbassline und Vangelis-Synthesizer-Soundscapes. Ein solides, wenn auch nicht komplett zwingendes Album, das Höhen (in erster Linie Breakbeat-Nummern wie „Synchronic Bass Blort”, „Cellular Collant”, allen voran: „Ziggurat”) und Tiefen („El Dubbing”, „Dúnn Dubbing”: letztlich doch nicht mehr als weitgehend stereotyper Dub Techno) durchmisst und eine kohärente Sounddesigner-Handschrift (spröde und aufgeraut die Oberflächen, plastisch und zupackend die offensive Klanggestaltung) vorzuweisen hat, zudem den Electro-Tech von „K.O. by E-GZR” sowie die spannenden Ambient-Tracks „Tidbit” und „Vitri-Oil”. Harry Schmidt

Flaty – Railz (Anwo)

Flaty - Railz

Flaty schickt Liebesgrüße aus Moskau. Der Russe, Teil von Gost Zvuk und eigener Chef bei Anwo Records, weiß, was man mit einer 808 im Kompressions-Modus anfangen kann. Kolossale Bässe schupfen sich auf Railz über eine Landschaft, die man zuletzt in Tarkovskys Stalker zu hören geglaubt hat. Einöde, Nebel, man vergießt ein paar Tröpfchen ins Unterhöschen – vor Angst, dass einem diesen Trip am Ende niemand abkauft. Die Beats morsen S-O-S, im Hintergrund faucht es, man gräbt seine Füße in einen Berg aus Moos, der zum Leben erwacht. Dub-Tanker rollen im Kreis, das Atonal bekommt Rüstungs-Nachschub, in Russland tanzen Braunbären nach fünf Flaschen Wodka zu Beats von Flaty. Footwork, Hip Hop. Irgendwas! Bevor man drüber nachdenkt, wann man sich das letzte Mal dermaßen vor seiner eigenen Bluetooth-Box angeschissen hat, steht man wieder da. In der dunklen Kammer – und wünscht sich was. Nicht alles geht in Erfüllung, nur die Platte, die den gepflegten Anspruch auf Sounddesign mit dem Sprung auf den Dancefloor verquirlt. Klingt alles verrückt. Ist am Ende trotzdem nichts anderes als Laptop-Musik, bei dem die Laser lasern und die Blitze blitzen. Egal. Nach eineinhalb Jahren Eh-schon-wissen nimmt man alles. Also echt. Christoph Benkeser

Koreless – Agor (Young)

Koreless - Agor

Ziemlich genau zehn Jahre nach seiner Debüt-EP 4D erscheint Koreless’ neues Album Agor, auf dem er seinen sehr Signatur-Sound an der Schnittstelle von Post-Dubstep, -Electronica und -Rave höchst elegant weiterentwickelt. Zwischen warmen Synths, überbordenden Melodien, den für Koreless-Produktionen so typischen Vocal-Snippets, die sich synkopisch in den Rhythmus fügen ohne meist große Redezeit zu benötigen, lässt Lewis Roberts hier wieder flirrende Electronica-Perlen entstehen, die auch ohne Beats vor Rave-Romantik und gefühliger Euphorie nur so strotzen. Energetische Stücke wie „Shellshock”, „Black Rainbow” oder „Joy Squad” stellen insbesondere letzteres eindrucksvoll unter Beweis. Der Waliser hat die seltene Gabe, einen sehr speziellen und dabei doch konsensfähigen Crossoversound zu produzieren, auf den sich sowohl Ambient-Geeks als auch Rave-Heads und Indie-Aficionados einigen können sollten. Und mit Agor gelingt ihm das einmal mehr ganz hervorragend. Stefan Dietze

Nathan Solo – Ministry of Anxiety (Solo Catalogue)

Nathan Solo - Ministry of Anxiety

Ein Album als Abschlussarbeit für den eigenen Bachelor? Das geht. Der Prager Produzent Nathan Solo hat mit Ministry Of Anxiety nicht nur sein Solodebüt vorgelegt, sondern auch sein Studium zwischen Grafik- und Sounddesign erfolgreich abgeschlossen. In etwas mehr als einer halben Stunde schwingt er sich hier von Techno-Strukturen, die zwischen Acid und Minimal oszillieren, hinüber zu Ambient in der Tradition der Berliner Schule oder gesättigten UK-Bass-Experimenten, die ein wenig wie Malen nach Zahlen klingen, handwerklich aber meistens zu überzeugen wissen. Der damit eng verknüpfte visuelle Aspekt seiner Arbeit findet im Design des Albums Ausdruck, das er mit einer eigens entwickelten Kreuzung aus Druckschrift im Commodore-Stil und minimalistischer Grafik ausstaffierte. Punkt-Matrizen morphen dabei abhängig von der Intensität des Klangs, von der Modulation der Höhen und Tiefen ebenso wie der BPM-Frequenz zu pulsierenden schwarz-weißen Mustern, die als endloser Loopstream auf www.nathansolo.com jederzeit abrufbar sind. Währenddessen pendeln die Tracks passend zwischen mechanisch und lebendig, erinnern etwas an Acronym und Lakker oder bergen vereinzelte Reminiszenzen an Labels wie Semantica und Northern Electronics, nur deutlich weniger ausgereift. Alles in allem also eine nette Idee, die auch gut realisiert wurde und den Anspruch eines Gesamtkunstwerks, den Solo zweifellos stellt, zu erfüllen weiß. Dennoch: Obwohl er schon seit 2013 in der Warehouse-Szene seiner Heimatstadt als DJ und Designer aktiv ist, steht dieses Debüt in puncto Ausgestaltung und Vertiefung seiner Signatur logischerweise noch am Anfang, was weniger Kritik als vielmehr nüchterne Feststellung sein soll. Potenzial ist nämlich da. Wie und ob Solo dieses ausschöpft – das wird die Zukunft zeigen. Nils Schlechtriemen

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