Ivan Iacobucci – Azymuth E.P. (Perlon)

Ivan Iacobucci - Azymuth E.P. (Perlon)

Man glaubt es kaum. Das Label Perlon von Thomas Franzmann, Markus Nikolai und Chris Rehberger verschickt tatsächlich immer noch gut anachronistisch White-Label-Vinyl-Promos mit einem kopierten Din-A-4-Pressekit-Wisch in der klassisch-windigen Papierhülle. Darauf steht spärlich der Künstler- und Titelname, die Tracknamen sowie die Katalognummer und der Hacker-Gruß „Hello world”. High Five! Das macht dem Boomer natürlich Spaß und flashbacked gut DIY-rotzig in die 1990er Jahre zurück. Perlon Records gilt gemeinhin als Erfinder*in der Frankfurt-Berliner-Minimal-Techno-Schule. Obwohl auch immer wieder deepe House-Nummern wie DJ Sprinkles’ „Crossfaderama Remix” des The-Moles-Tracks „Lockdown Party” auf dem Label erschienen. In den letzten zwei Dekaden war im Cover-Grafikdesign von Chris Rehberger, dem Chef der Double-Standard-Design-Agentur, allerdings das minimal Abgespeckte immer Standard. Er dekonstruierte und resamplete auf jeder Platte Ausschnitte des Originalschriftzug-Designs. Why not?

Dagegen kommt die Azymuth EP des in Berlin lebenden Italieners Ivan Iacobucci als klassische Kreuzung zwischen bouncendem New-York-Instrumental-Garage-House, verspieltem Italo-House-Acid und UK-Deep-House a là Paper Recordings tatsächlich recht üppig und trotzdem harmonisch frisch mit Xylophon-artigem Jazz-Geklöppel daher („Carry On”). Das ist kein Wunder, denn Iacobucci produzierte seit 1988 auf wichtigen Labels wie UMM, Nite Grooves oder für sein eigenes Label Hole. Der Titeltrack „Azymuth” verortet den Techno-Funk irgendwo in den Winkelberechnungen des Space Dimension Controller am Firmament. Die B-Seite klingt absurderweise wie verspulter Cosmic-Acid-Techno, obwohl kein einziger obligatorischer Mainstream-Synthesizer der Original-Genres erkennbar ist („Sun-Cloud”/„Sway Zone”). Ganz geil. Mirko Hecktor

LSDXOXO – Dedicated 2 Disrespect (EP) (XL Recordings)

LSDXOXO - Dedicated 2 Disrespect (EP) (XL Recordings)

Die Casio glitzert am Handgelenk, das Goldketterl baumelt um den Hals und die Buffalos sind frisch eingelassen – LSDXOXO dabbt sich mit zwei Ausfallschritten zwischen Twerk und Vogue auf den Dancefloor. Mephisto himself fickt uns zum Floorgasm (sorry, so heißt die Berliner Veranstaltungsreihe von LSDXOXO wirklich). Und bevor man sich aus Verlegenheit selbst befleckt, spritzt man sich vier Banger in den Oberarm. Der New Yorker Berliner hat zuletzt mit VTSS ein jersey-jukiges Etwas in die Rekordbox gepusht, davor für Shygirl geremixt und seine Vergangenheit als GHE20G0TH1K-Anhängsel nach Kreuzberg gebeamt. Das könnte reinpassen in die „Hast du noch Pilleeeeeen”-Stimmung, die uns Silberrücken-Schreiberlinge aus den Feuilleton-Spalten für die Post-Corona-Zeitrechnung prophezeien. Die 909 knallt heftiger als jeder Strap-on, Claps versohlen uns den Hintern und das ewige Gestöhne auf „Sick Bitch” steckt sogar die prüdesten Mauerblümchen ins Bondage-Geschirr. Next Stop? Darkroom! Dedicated 2 Disrespect ist Sex für die Speakers und alle, die genug haben von Taschenbillard. Hier wird feucht gestretcht. Bleibt nur noch die Frage: Was ist das Safeword? Christoph Benkeser

SRAMAANA – Dystopian Odyssey EP (Skryptöm)

SRAMAANA - Dystopian Odyssey EP (Skryptoem)

Ein wenig seufzen muss man schon, wenn der Promotext zu SRAMAANAs Dystopian Odyssey vollmundig versucht, futuristische Stimmung aufzubauen. Dem ersten Part einer angekündigten EP-Reihe hätte ein bisschen Understatement sicher gut getan, zumindest in der gesamten Ästhetik, visuell und so. Doch soundtechnisch ist diese EP deutlich stilsicherer geraten, als das generische Cover anfangs vermuten lässt. Produktionswerte wurden hier groß geschrieben, weshalb alles natürlich geschmeidigst equalized daher- und der titelgebende dystopische Tenor umso mehr zur Geltung kommt. Galaktisch raunende Pads strömen unter berghohen Bassstrukturen dahin, alles ist ominöse Bedrohung. Rhythmisch bleibt das natürlich durchgehend einerlei, obschon melodisch einiges mit großer Rezeptsicherheit gebacken wird – spätestens nach den ersten zehn Minuten ist das unbestreitbar.

„Quantical Attraction” birgt mit seinen hektischen Synth-Arpeggien im Kontext des futuristischen Narrativs nämlich durchaus Kopfkino-Momente, die aber erst bei „Parallel Horizon” mit Schmackes zur Klimax gejagt werden. Chorale Flächen, ein Buildup wie vorm letzten Gericht oder dem Eintritt der Singularität und eine fast makellose Sequenzierung cineastischer Samples machen diesen Track zum klaren Highlight der EP. Dagegen wirkt dann selbst der ziemlich epische Rausschmeißer „Otrohn” kaum noch überragend, immerhin aber saugut. Also eigentlich Potenzial da? Ziemlich, nur nicht voll ausgeschöpft. Nils Schlechtriemen

Sterac – Asphyx (Delsin)

Sterac - Asphyx (Delsin)

Steve Rachmads Asphyx gehört zu den Klassikern, die der Niederländer unter seinem Pseudonym Sterac veröffentlicht hat. Das Original erschien 1995 auf 100% Pure Records, allerdings wurden auf der Originalpressung die Seiten vertauscht, was natürlich jetzt bei der Wiederveröffentlichung auf Delsin korrigiert wurde. Deswegen startet die EP mit der euphorischen Detroit-Techno-Anthem „X-Tracks”, die sich mit ihrem packenden sturen Beat und einer unwiderstehlichen Synth-Chop-Sequenz, die etwa in der Mitte des Tracks beginnt, auch viel besser als Opener eignet als der etwas verhaltene Titelsong. Wobei wirklich jedes Stück auf dieser Platte früher oder später das motorische Zentrum dermaßen antriggert, dass Stillsitzen kaum noch möglich ist. Das gilt auch für das breakbeatige „Pacifia”, das strukturell ganz ähnlich aufgebaut ist wie „X-Tracks” und wiederum mit großartig rhythmisierten Akkorden den Sehnsuchts-Horizont nach Party und Alles-um-einen-herum-Vergessen ganz weit aufreißt. Ein Glück wird dieses Re-Release kein Einzelfall bleiben, Delsin hat eine ganze Serie mit Großtaten dieser Güteklasse des Godfathers der niederländischen Detroit-Techno-Szene geplant. Mathias Schaffhäuser

The Home Truths Compilation Vol. III (Palham Music)

The Home Truths Compilation Vol. III (Palham Music)

Vor beinahe 20 Jahren gründeten Winfried Ruebsam und Daniel Bust irgendwo in Thüringen ein Label, das in losen Abständen immer wieder schöne Tapes und Platten in allen Vinyl-Formaten zwischen 7’’ und 12’’ herausbrachte. Eine Compilation-Miniserie haben die beiden auch im Programm. Die erste Folge in der The-Home-Truths-Compilation-Reihe erschien bereits vor mehr als 15 Jahren, der zweite Teil liegt auch schon sehr lange zurück. Zwischendrin gab’s mal die Home-Truths-Mixtapes. Für die Tapes und Platten gilt: Man hält die Sache familiär und arbeitet mit Leuten zusammen, die man wohl schon lange kennt. Dieses Mal sind Even Tuell (Workshop), Move D & Dman, Herron (Meandyou), Mix Mup und Kassem Mosse, ultra.clean, Lowtec sowie Pressburg am Start. Wer gerne Workshop-Platten kauft, sollte also auch bei dieser kleinen LP zugreifen.

Es fällt schwer, hier den einen großartigen Track herauszupicken, denn am Ende sind sie alle toll. Das fängt beim sehr klassisch gehaltenen Deep-House-Opener von Even Tuell an und hört beim trippig-dubbigen Zeitlupen-Techno von Pressburg auf, der am Ende dieser Platte zu hören ist. Kassem Mosse und Mix Mup verlieren sich in wunderbaren Details, während die alte Heidelberg-Connection Move D/Dman einen stoischen Bassline-Bouncer ins All schickt. Wir wissen nicht, wohin Lowtec seinen „Man in the white Subaru Forester” fahren lässt, aber zum einen fährt er ziemlich langsam und zum anderen klingt der Motor irritierend böse. Holger Klein

Vorheriger ArtikelKMRU – Groove Podcast 297
Nächster ArtikelRaphael Dincsoy: „Hauptsache bei Daimler, Porsche und Bosch laufen die Maschinen.”