Dimitri Hegemann (Sämtliche Bilder: Marie Staggat)

Clubs sind Kulturorte. Das sieht seit dem 7. Mai auch der Deutsche Bundestag so. Damit verorten sich Clubs zwischen Kino und Oper und nicht mehr unter Bordellen, Spielhallen oder Wettbüros. Aber wird das (Über)Leben der Clubs dadurch leichter? Was bedeutet die neue Regelung konkret für die Akteur*innen der Szene? Wir haben vier Macher*innen von Clubs befragt. Den Auftakt machte Pamela Schobeß vom Gretchen, nun kommt der Pionier Dimitri Hegemann, Gründer des Berliner Tresor und des Tresor.West, im zweiten Teil unserer Interview-Serie zum Bundestagsbeschluss zu Wort.


Wie waren die Reaktionen bei euch, als ihr von dem neuen Beschluss gehört habt?

Ich hab’ mich sehr gefreut und den Prozess eine ganze Zeit verfolgt. Ich betreibe ja den Tresor in Berlin und den Tresor.West. In der Vorbereitung für den Tresor.West kam ich in die westdeutsche Stadt Dortmund und hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass es Städte außerhalb Berlins gibt, die noch Sperrstunden haben oder Vergnügungssteuer erheben. Und bei der Eröffnung mussten wir plötzlich – obwohl der Laden noch rappelvoll war – um 5 oder um 6 Uhr schließen. Das konnte ich gar nicht ernst nehmen! Die jungen Leute sind da – genau wie in Berlin – gerne länger, bis mittags oder so, unterwegs. Aber die werden dann alle auf die Straße gesetzt.

Und dann kam vom Finanzamt noch die Aufforderung, Vergnügungssteuer zu bezahlen. Da dachte ich: „Was ist das denn?” Die sollten mich erstmal aufklären. Ich habe mich dann damit auseinandergesetzt und auch mit der Stadtverwaltung gesprochen. Die haben das sehr ernst genommen. Vor zwei Wochen rief mich der Stadtdirektor, Herr Stüdemann, an und hat sich bedankt dafür, dass ich ihn damals inspiriert hatte. Ich hatte ihm von Berlin erzählt und gemeint: „Wenn ihr daran nicht arbeitet und das nicht abschafft, dann gehen in Dortmund die Lichter aus. Das interessiert dann niemanden mehr.

Hier in Berlin nehmen wir Dortmund überhaupt nicht wahr, denn die guten Künstler*innen mit Potenzial sind schon hier. Aber ich will jetzt hier in Dortmund was machen, den Fokus ein bisschen auf die Stadt richten, internationale DJs einladen und lokalen Künstler*innen ein Sprungbrett verschaffen. Und da müsst ihr auch mitarbeiten, sonst hab’ ich auch kein Interesse. Wenn wir eine Nachtkultur aufbauen wollen, ist eine der Voraussetzungen, die Sperrstunde und die Vergnügungssteuer abzuschaffen. Wir sind kein Sexyland oder eine Spielhalle. Wir sind eine kulturelle Einrichtung.”

In diesem Zusammenhang war auch die Debatte der letzten Wochen sehr wichtig für mich. Denn ein gut kuratiertes Club-Programm und ambitionierte Booker*innen stehen auf der gleichen Stufe wie die Intendant*innen eines Theaters, die sich auch bemühen, das beste Programm mit dem jeweiligen Budget auf die Beine zu stellen. Und da hab’ ich Herrn Stüdemann gesagt: „Es geht hier um Wertschätzung. Wollt ihr diese Leute? Wollt ihr eine Nachtkultur aufbauen? Bisher ist Dortmund da nicht wahrnehmbar.” Nach zwei, drei Wochen sagte er: „Danke, wir haben alles erfüllt, wir setzen uns gerade mit der Position eines Nachtbürgermeisters auseinander.” Das ist richtig, das ist gut. Da hat eine Veränderung stattgefunden.


„Viele Leute kamen ohne große Pläne beispielsweise in den frühen Tresor, gingen aber mit 1000 Ideen raus.”


Man hat also wirklich die Sperrstunde und die Vergnügungssteuern abgeschafft und beschäftigt sich mit einem Nachtbürgermeister. Die Dortmunder Szene hat sich in dem Zusammenhang auch formiert, es gibt eine Interessengemeinschaft, in der sich die Clubs ähnlich wie in der Clubcommission zusammengeschlossen haben. Sie ziehen jetzt an einem Strang, etwa, wenn sie mal Probleme mit der Verwaltung haben. Und die freuen sich jetzt auch, dass sie mal wahrgenommen werden. Die große Problematik der Wertschätzung hat jetzt endlich ein glückliches Ende gefunden. Und darauf kann man aufbauen.

Es geht auch darum, dass sich die mittelgroßen Städte in Deutschland mit 100.000 bis 500.000 Einwohner*innen, wie beispielsweise Dortmund oder Münster, alle einen Club sollten leisten können. Weil ein Club eine sehr sinnvolle Zelle oder Anlaufstation ist für Leute, die nicht schlafen können. Für Kreative, für Forschende. Und daraus entspringen die besten Zukunftsvisionen und Pläne für den jeweiligen Standtort. Vor allen Dingen wandern die klugen Leute dann nicht ab. Das sollte die Stadt anerkennen. Das ist Kulturarbeit. Und sie soll den Leuten, die sowas anpacken, Räume zur Verfügung stellen und sie fördern. Hinter jedem Club in Berlin steht im Schnitt eine Person. Oder zwei, ganz selten mal ein Kollektiv. Diese ein, zwei Personen sollen Werkverträge und Förderungen bekommen. Damit bauen sie dann mitten in der Stadt einen Club auf. Der Einzelhandel in den Städten bricht zusammen, die Fußgängerzonen sind leer, da sollte die Stadt verstehen: Clubs bringen Jobs, bringen neue Ideen, verjüngen die Stadt und stoppen die Abwanderung der jungen Intelligenz.

Was wird sich für euch Konkretes ändern?

Es gab ja dieses parlamentarische Clubforum, das die ganze Sache mantraartig angeschoben hat. Und das war gar nicht einfach. Der Beschluss hat jetzt zur Folge, dass die Clubs einen Platz in der Baunutzungsverordnung haben. Wenn jetzt beispielsweise irgendwo ein Haus gebaut wird neben einem Venue, dann kann nicht mehr gesagt werden: „Der Club muss weg, weil jetzt hier Leute wohnen.” Es gab für die Betreiber*innen keine Planungssicherheit. Das geht jetzt nicht mehr. Die müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie es mit einer kulturellen Einrichtung zu tun haben. Die kann nicht so einfach wie eine Spielhalle oder einen Sexshop geschlossen werden.

Ich meine aber auch, dass durch diesen neuen Status Anträge bei der Städtebauförderung gestellt werden können. Beispiel: Eine Stadt bekommt Förderanträge, um Straßen und so weiter auszuweiten oder – wie in Berlin-Tegel – Wohnungen für 80.000 Leute zu bauen. Jetzt müssen auch die Clubs in der Städtebauförderung berücksichtigt werden. Die Leute müssen jetzt in der Politik dafür sensibilisiert werden. Politiker*innen, die immer viel zu früh ins Bett gehen, wissen meistens gar nicht, was ein Club ist. Was da alles passiert. Wie da für Ideen ausgetauscht werden.

Diese Sensibilität zu entwickeln ist wichtig. Wenn du mit einigen Politiker*innen über einen Club sprichst, dann wissen die nicht, ob man über einen Buchclub oder einen Fußballclub spricht. Das muss man erstmal definieren. Und das ist ein Prozess. Und dann muss man mal auf den ländlichen Raum gucken, wo es gar keinen Raum für Subkultur gibt und wo das jetzt auch berücksichtigt werden muss. Man muss sehen, dass da einfach diese Sehnsucht bei den jungen Menschen ist, die aufbrechen wollen, die Veränderung wollen. Dass Leute, die so etwas angehen, unterstützt werden müssen.


„Pass mal auf, lieber Freund in Leverkusen oder in Osnabrück oder in Münster, jetzt machen wir hier auch mal was. Wollt ihr da dabei sein oder wollt ihr nicht dabei sein?”


Ich bin auch überzeugt, dass aus diesen Zellen in Karlsruhe oder Kaiserslautern oder Osnabrück Ideen entspringen, die dann andere Leute motivieren, auch etwas zu machen. Eine kleine Galerie, ein Hostel, ein veganes Restaurant – irgendwas. So ist das in der Hauptstadt damals gelaufen. Viele Leute kamen ohne große Pläne beispielsweise in den frühen Tresor, gingen aber mit 1000 Ideen raus. Und einige von denen haben gesagt: „Ich will dabei sein bei diesem Aufbruch, bei diesem Neuen. Ich mach’ irgendwie auch ‘nen Club oder ‘ne Bar oder irgendwas.” Und dadurch hat sich auch eine Szene entwickelt. In der Addition all dieser kleinen – nennen wir es mal Start-Ups –, dieser verschiedenen Ideen, ist eine richtige Wirtschaftskraft in Berlin entstanden, die sogenannte Nighttime Economy. Dazu gibt es genug Studien, die das zeigen.

Die Berliner Clubcommission hat festgestellt, dass diese Zellen viele andere Unternehmen motiviert haben, einfach zu starten, beispielsweise Hostels, Airlines oder Taxen. Und die und die Drogendealer alle zusammen machen dann mehr Umsatz als 1,5 Milliarden. Das ist ‘ne richtig Summe. Da glänzen die Augen in den kleinen Städten. Und dann kommt Dimitri an und sagt: „Pass mal auf, lieber Freund in Leverkusen oder in Osnabrück oder in Münster, jetzt machen wir hier auch mal so etwas. Wollt ihr dabei sein oder wollt ihr nicht dabei sein?” Und wir haben so etwa 85 oder 100 mittelgroße Städte. Und die könnten doch alle verdammt nochmal einen guten Club machen, in der Größe des Berliner Ohms zum Beispiel. Ich meine ja nichts Riesiges. Einfach etwas, wo es ein bisschen schräg ist, Dada, elektronische Musik, Projekte. Was, wo man sich trifft. Wo man noch nachts um 4 Uhr gute Ideen entwickelt. Gute Ideen kommen ja – wie man weiß – meist erst nach 3:30 Uhr. Jedenfalls entspringen die eher um 3:30 im Ohm als um 7:30 Uhr am Finanzamt. Warum sollen nicht auch die kleinen Städte, die 10.000er, einen Club haben, wo sich zehn bis 20 Leute treffen? Und einfach mal einen guten Film zeigen?

Bedeutet der Beschluss für euch in Zeiten von Corona einen Lichtblick?

Ich hab’ jetzt eine Stiftung gegründet. Die habe ich deshalb gegründet, weil in meiner Arbeit in Bezug auf die Planungssicherheit immer der Mietvertrag ein Problem war. Man fängt an mit Euphorie. Nach fünf, zehn Jahren läuft das, und dann plötzlich sagt der Eigentümer „Raus!” oder „Ich will ‘ne andere Nutzung, Tschüss, Wiedersehen!” Und dann stehst du da. Und deswegen müssen die Kulturschaffenden, die Betreiber*innen, die Entrepreneur*innen, die das wirklich ernst meinen, eine bessere Planungssicherheit für ihre Locations haben. Das heißt baurechtlich: Sie müssen sie besitzen.

Und da sie das Geld nicht haben, könnte eine Stiftung helfen, so ‘ne Location zu kaufen und den Betreiber*innen des Clubs sagen: „Hier, ich geb’s dir wie im Erbbaurecht für 90 Jahre, und du musst selber managen, wie du das machst. Wir zahlen dir nichts, keine einzige Steckdose. Und du zahlst von dem Kaufpreis jährlich zwei bis dreeinhalb Prozent ab.” Beispiel: Club X mit super Konzept will ein Gebäude, das eine Million Euro kostet. Dann kommt die Stiftung. Club X rechnet nach, 3% von einer Million macht 30.000€ im Jahr – und 2.500€ im Monat sind möglich. Da sind so viele Räume, aus denen könnte man zum Beispiel co-working spaces oder Übungsräume machen. Man nimmt eigentlich schon 6.000 Euro nur von Untermieter*innen ein. Wenn man also 99 Jahre hat, kann man das ganz behutsam und langsam entwickeln. Das bedeutet Planungssicherheit für Clubs mit Format. Ich meine jetzt keine Diskotheken, nicht diesen ganzen Schnick-Schnack. Es gibt natürlich einige Clubs, da ist das auch okay, dass es die fünf oder zehn Jahre gibt. Ich sehe das jetzt seriöser. Die Clubs sind ein Teil unserer Kultur, sie sind wichtig. Und warum soll man die immer nach fünf Jahren wieder eingehen lassen? Die Räume sind knapp geworden. Und ist der Raum weg, ist der Club weg. No venue, no party.

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