Pamela Schobess (Foto: Paola Vertemati)

Clubs sind Kulturorte. Das sieht seit dem 7. Mai auch der Deutsche Bundestag so. Damit verorten sich Clubs zwischen Kino und Oper und nicht mehr unter Bordellen, Spielhallen oder Wettbüros. Aber wird das (Über)Leben der Clubs dadurch leichter? Was bedeutet die neue Regelung konkret für die Akteur*innen der Szene? Wir haben vier Macher*innen von Clubs befragt. Den Auftakt macht Pamela Schobeß, Vorsitzende der Berliner Clubcommission, politische Sprecherin der LiveKomm und Betreiberin des Gretchen.


Was denkst du über den Bundestagsbeschluss zur Clubkultur?

Wir haben uns natürlich super gefreut. Wir haben so lange darauf hingearbeitet und auch so hart daran gearbeitet, immer und immer wieder Gespräche geführt und so peu á peu auch immer mehr Leute auf der politischen Ebene überzeugen können. Für uns ist das ein riesiger Erfolg. Aber es war wirklich ein echt dickes Brett. Man musste schon sehr optimistisch sein, um daran zu glauben, dass wir das hinkriegen.

Wird sich für die Clubkultur konkret etwas ändern?

Ja, auf jeden Fall! In erster Linie ist die Neuansiedlung von Clubs jetzt deutlich einfacher. Man hat mehr Möglichkeiten, weil wir durch diese Vergnügungsstätten-Definition so begrenzt waren auf ganze zwei Gebietskategorien, in denen sich Clubs ansiedeln dürfen. Und jetzt, weil’s Kulturorte sind, dürfen Clubs eben auch in Wohngebieten sein. Das soll nicht heißen, dass jetzt in jedem Wohngebiet zehn Clubs aufmachen. In unserem eigenen Interesse ist uns ja wichtig, dass wir uns an Orten ansiedeln, an dem wir nicht in Konflikt geraten mit Anwohnenden.

Aber es gibt eben auch Wohngebiete, in die ein Club gut hineinpassen würde, wo der Club auch gut für den Kiez wäre. Und das wäre früher einfach wegen der Klassifizierung als Vergnügungsstätte nicht erlaubt gewesen. Das geht jetzt, das ist eine Änderung. Eine andere ist, dass es eine inhaltliche Aufwertung von und für uns ist. Das heißt, dass wir nicht mehr per se in der Schmuddelecke sind mit Bordellen und Sexkinos, sondern dass wir endlich als Kultur anerkannt werden. Das heißt, wir haben jetzt grundsätzlich auch in den Verwaltungen eher Möglichkeiten zu überzeugen. Früher sind wir bei Genehmigungsanfragen oft abgeblitzt, wenn wir auf Verwaltungsmenschen getroffen sind, die nicht genau wussten, was Club bedeutet.


Pamela Schobess (Foto: Nicholas Potter)

Jetzt können wir selbst argumentieren, dass wir Kulturorte betreiben. Und zumindest in Berlin gibt es etliche Menschen, die in den Verwaltungen arbeiten, die ein Herz für die Clubkultur haben. Die sehen, wie wichtig das für die Stadt ist. Dass es die Stadt belebt und interessant macht. Verwaltungsmitarbeitende, die selbst immer händeringend nach Argumenten gesucht haben, wenn es darum ging, Genehmigungen zu erteilen. Oder auch zum Beispiel in der Nachbarschaft zu argumentieren, wenn es, was leider oft der Fall ist, lediglich einen einzelnen Anwohnenden unter vielen gibt, der sich an etwas stört. Auch das wird jetzt deutlich einfacher.

Grundsätzlich kann die Gesetzesänderung auch Auswirkungen auf bereits bestehende Clubs haben: Bei großen Bauvorhaben wird ein Bebauungsplan erstellt. Und dabei kann aus einem Mischgebiet, in dem Clubs als Vergnügungsstätten erlaubt sind, auch mal ein Wohngebiet werden, in dem eine Vergnügungsstätte dann eben nicht sein darf. Als Kulturort ist das erstmal unproblematisch.

Worin liegt die Aufwertung eurer Arbeit?

Ich mache die ehrenamtliche Arbeit wirklich, weil ich was verändern will. Aber natürlich ist es toll, dass man nicht umsonst gearbeitet hat. Es war wirklich ein echter Krimi am Ende. Noch eine Woche vor dem Beschluss im Bundestag sah es so aus, als würde es nicht klappen. Und da hatten wir natürlich schon so ein bisschen das Gefühl: „Wir haben so hart daran gearbeitet und so viele Unterstützer*innen auf der politischen Ebene gefunden – und jetzt war das alles umsonst.” Aber trotzdem habe ich da schon gedacht: „Na ja, aber recht haben wir ja trotzdem. Wir sind Kulturorte.” Ich hätte mich niemals ins Bockshorn jagen lassen, wenn’s nicht geklappt hätte, sondern einfach weitergemacht. Weil ich eben finde, dass wir mit unserer Einschätzung richtig liegen.

Bedeutet der Beschluss für euch in Zeiten von Corona einen Lichtblick?

Ja, es ist vor allen Dingen ein moralischer Lichtblick. Obwohl es ein Baugesetz ist, das da geändert wird, wertet es uns inhaltlich extrem auf. Ich glaube, dass es auch auf anderen politischen Ebenen hilft. Wenn wir weiter über Förderungen und Zuschussprogramme sprechen, die wir dringend brauchen, weil wir seit über 14 Monaten geschlossen sind. Weil wir uns alle einig sind, dass es, wenn es irgendwann irgendwie weitergeht, nicht mit einem Rumms passiert und alles ist, wie es vorher war. Wir werden schon noch eine Durststrecke erleben, bis wir da wieder angekommen sind. Besonders eben auch die, die im Live-Geschäft unterwegs sind. Touren und so. Man kann ja nichts planen gerade!

Wir werden eine Weile brauchen, bis wir wieder auf 100 Prozent sind. Und da benötigen wir weiter finanzielle Unterstützung. Bis jetzt wird uns geholfen, aber es ist gut, dass wir jetzt Brief und Siegel haben, dass wir wirklich Kultur sind. Es gibt bereits jetzt Kultur-Hilfsprogramme vom Bund, von denen auch wir profitieren. Und auch in einigen Bundesländern fallen die Clubs schon in die Kulturprogramme, aber die Änderung der Baunutzungsverordnung ist dafür nochmal eine Bestätigung, die vielleicht auch zu einer Verstetigung von Förderprogrammen führen kann.

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