Bispebjerg presents: BSP002 (BSP/Bispebjerg)

BSP-2 (BSP: Bispebjerg)

Die EP versammelt fünf Produktionen und Kooperationen dänischer Techno-Produzenten. Hinter BSP bzw. Bispebjerg stehen die DJs und Musikproduzenten Philip Jun Kamata und Daniel Savi, die mit der Copenhagen Underground Posse schon seit sieben Jahren aktiv sind und nun das zweite Volume ihres Labels veröffentlichen. Auf BSP002 verführt Rasmotron knallend, aufgeräumt und sneaky mit klassischem Detroit Electro („Snakecharmer”). Aus der UK-Happy-Hardcore-Breakbeat-Ecke hackt eine fröhlich-energetische Kooperationen von Rasmotron und Kamata unter dem Alias Muffins G drauf los („Da Bake”). 

Kamata veröffentlichte vor zehn Jahren auf Hyperdub die Westcoast-G-Funk-Gone-Dubstep-Nummer „You Don’t Know What Love Is”. Dort schließt der Bonus-Track für DJs und Bandcamp-Geeks von Daniel Savi unter seinem Pseudonym D.JiT mit einem schlanken Booty-Bass-/Ghetto-Tech-Track à la DJ 3000 oder DJ Assault aus dem Jahr 2000 an („Yeet The Elite”). Auch Asmus Odsat hält Detroits und Miamis Fahnen hoch und verschränkt den Titelnamen des Tracks mit etwas antikapitalistischer Rhetorik („Burn The Datacenters”). So reizvoll der Gedanke von brennenden Serverfarmen erscheinen mag, waren doch weder Bücher- noch Plattenverbrennungen historisch gesehen cool, will man Information jetzt mal ganz abstrakt begreifen. So einfach ist es nicht, die technologischen Kontrolltechniken der neuen und alten Eliten zu durchbrechen, zu denen man in Europa lebend – und Techno produzierend – schließlich auch selbst gehört. Odsat ist trotzdem ein höllisch heißer Track gelungen, der an maßgebliche Neunziger-Label wie Tree Records, Zone Records oder Direct Beat erinnert und seine Hörer*innen mit einer großartigen NuPhonic-artigen Synthline fast wie ein Feuerritual reinigt.

Und die Zusammenarbeit des in Tokio lebenden Floppycat mit dem Newcomer Weijers unter dem Alias Kamakiri schoppt stilsicher aus der industriell-spacefunkigen Techno-Break-Electro-Ästhetik des englischen Plattenlabels Fused & Bruised um 1997(E-Razorhead). Zu guter Letzt: Die BSP-Wetransfer-Promo-Download Seite zeigt das Kulturhuset (Kulturhaus) Bispebjerg. Bispebjerg ist einer der nördlichsten Stadtteile von Kopenhagen. Das gibt dem Projekt noch eine schöne Nähe zur gesellschaftsstiftenden Nachbarschaftsarbeit. Mirko Hecktor

Etch – Anachronism EP (Sneaker Social Club)

Etch – Anachronism EP (Sneaker Social Club)

Der britische Produzent Zak Brashill alias Etch scheint ein ehrlicher Zeitgenosse zu sein. Schließlich verrät der Titel seiner neuesten von Drum’n’Bass und Jungle befruchteten EP für das britische Label Sneaker Social Club direkt, dass sie Musik präsentiert, die aus einer anderen Zeit stammt. Man hört offensichtliche Verweise auf Großmeister aus der glorreichen Drum’n’Bass-Historie wie Photek, dessen Handwerk im Track „Amygdala” herumspukt. Das Duo Source Direct wird sich im Tune „Tyrant” wiederentdecken, Goldie sowie Paradox dürften dank „Loose In The Asylum” an ihre frühen Reinforced-Records-Zeiten denken und das legendäre Trio Smith & Mighty kann Spuren seiner Rhythmus-Kunst in „Shadows Pass By” aufstöbern. Anachronism hat zudem alles zu bieten, was Drum’n’Bass einst groß gemacht hat: das unverwüstliche Amen-Break, Goldies Time-Stretching-Magie, synkopierte Funk-Breakbeats und verhexte Frauenstimmen. Allerdings kann dem Mann aus dem Seebad Brighton nicht vorgeworfen werden, dass er schlicht kopiert. Denn Etch hat seit 2011 schon auf drei Alben und unzähligen EPs bewiesen, eigenwillig moderne Dubstep-, Drum’n’Bass-, Grime-, Jungle- und UK-Garage-Tracks zu produzieren. Nun setzt er der Vergangenheit ein präzise gefertigtes Denkmal, das komischerweise irgendwie nach aufrüttelnder Zukunft klingt. Michael Leuffen

Function – Awakening From The Illusory Self (Tresor)

Function – Awakening From The Illusory Self (Tresor)

Mit einer detroitigen Nummer beginnt David Sumner alias Function seine neue EP und reißt die Zuhörer*innen durch leichtes Stampfen und kitzelndes Zirpen langsam aus dem Corona-induzierten Tiefschlaf. Genau richtig für die nach Taktvorgaben lechzenden Chromosomen. „An Optical Illusion” erinnert mit seinem technisch-futuristischen, hypnotischen Ambiente an die glorreichen Zeiten der BR-Space-Night. „Spiritually Unconscious” verbreitet eine ähnliche Stimmung, doch die erhöhte Geschwindigkeit klingt schon viel mehr nach Club und treibt nicht nur den Puls voran, sondern auch die Sehnsucht nach dem Ort, wo diese Musik ja eigentlich hingehört – Funktionsmusik für den Floor. Atmosphärisch und pulsierend fließt „Compulsive Thinking – Repetitive and Pointless” voran und schließt die EP als Höhepunkt ab. Okay, gut! Lutz Vössing

Perdu – Soaring Flight EP (Live At Robert Johnson)

Perdu – Soaring Flight EP (Live At Robert Johnson)

Alain van der Born alias Perdu, obschon noch jung, möchte keine Zeit verlieren. Die Tracks des Amsterdamer Producers, der nach Releases auf DGTL Records, Heist, und Let’s Play House sein LARJ-Debüt gibt, kommen sofort zur Sache, und die heißt Dancefloor. „Dystopia”, das er zusammen mit seinem Kollegen Tjade aus Utrecht produziert hat, drückt mit sachgerechtem Disco-Tech-Groove die Hi-NRG-Tür ein, eine ultraplastische Bassline lässt nicht lange auf sich warten. Ein Staccato Synapsen-hackender Dark-Italo-Synth-Stabs bereitet auf eine Hookline vor, die angetrunken im Break hereinschneit. „Retrograde” begibt sich ähnlich breitbeinig auf Tribal-House-Terrain, saugt sich unterdessen mit Acid voll. Für „Rise Of F5” zieht Perdu dann wieder die Euro-Disco-Register. „Somehow It’s Different Now”, dem auf dieser EP die Aufgabe zufällt, quite mellow zu wirken, macht einen kraftstrotzenden, leicht übertrainierten Eindruck. Wodurch der „Bells Mix” von „Dystopia” (nur digital), an und für sich lediglich eine zweckdienliche Begradigung, in diesem Kontext eine wohltuend funktionale Gestalt annimmt. Insgesamt: plakativ, aber gekonnt. Der Dancefloor-Imperativ – es gibt ihn noch. Harry Schmidt

Risqué III – Essence Of A Dream (Dark Entries)

Risqué III – Essence Of A Dream (Dark Entries) Reissue K-Alexi Shelby

Josh Cheons Label Dark Entries hat wieder einmal tief gegraben und einen weiteren Klassiker ans Licht befördert: Essence Of A Dream erschien 1987 und zählt damit zu den frühesten House-Veröffentlichungen überhaupt. Hinter dem Künstlernamen Risqué III steckt K’Alexi Shelby, der bereits als Jugendlicher mit Frankie Knuckles und anderen späteren Szenegrößen abhing, und mit dem Titelsong und dessen B-Seite „Risqué Madness” sind ihm zwei extrem gut gealterte Tracks gelungen, die eine Wiederveröffentlichung mehr als wert sind. Gerade die humorvolle und rumpelige Flipside der Maxi würde wohl kaum jemand in der Frühzeit von House verorten, der Track könnte genauso gut aus einem heutigen Bedroom-Studio in irgendeinem abgelegenen Nest jeder vergessenen Weltgegend stammen. Aber auch der eher getragene Titelsong mit seinen geheimnisvollen Spoken Words in Robert-Owens-Manier und tollen Synthie-Streichern hat keinerlei Patina angesetzt und hebt sich extrem positiv ab von vielen sowohl angestaubt-alten als auch im Retro-Rausch entstandenen aktuellen House-Produktionen. Coole Medizin gegen grassierende Corona-Verzagtheit, das. Mathias Schaffhäuser

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