Daniel Wang und Peggy Gou. Fotos: Presse/ Mok Jungwook

Kurz vor Ende eines aufreibenden Jahres wurde es in der Dance-Music-Welt noch einmal sehr laut. Was war passiert? Der in Berlin lebende DJ und Produzent Daniel Wang veröffentlichte über seine private Facebook-Seite einen öffentlichen Post, in welchem er von seiner Zeit als jahrelanger Nachbar der DJ und Produzentin Peggy Gou berichtete und dabei auch Erzählungen und Statements anderer kolportierte. In denen ging es um einiges: Diebstahl, missbräuchliches oder zumindest respektloses Verhalten gegenüber Untergebenen und Geschäftspartner*innen, Ghostproducing und nicht zuletzt den impliziten Vorwurf, Gou habe ihr internationales Standing mehr ihrem Kalkül und ihrer Heimtücke als ihren Qualitäten als Produzentin oder DJ zu verdanken. In Windeseile entsponn sich unter dem mittlerweile gelöschten Posting in buchstäblich tausenden Kommentaren eine rege Diskussion, die auch auf anderen Kanälen weitergeführt wurde. Wang erntete nicht allein Zustimmung und beipflichtende Worte von angeblich ebenfalls Betroffenen, sondern wurde ebenso für seine Wortwahl und Vergleiche kritisiert, mit welchen er Gou charakterisierte: Trump-Analogien und die Unterstellung einer psychischen Störung waren in dieser Hinsicht die Spitze des Eisbergs. Gou selbst reagierte mit einem kurzen Instagram-Video, in dem sie die Anschuldigungen bestritt und ihrerseits Wang beschuldigte, Sexismus Tür und Tor zu öffnen. Nicht nur zwischen den beiden allerdings, sondern auch innerhalb der Debatten wurden deutliche Gräben gezogen. Gemeinsam mit Chefredakteur Alexis Waltz versuchen Cristina Plett, Kristoffer Cornils und Laura Aha Ordnung ins Diskurschaos zu bringen. 


Alexis: Der mittlerweile gelöschte Post von Daniel Wang hat in Sekundenschnelle die Runde gemacht. Was ist euch durch den Kopf gegangen, als ihr ihn gelesen habt? 

Laura: Nachdem im Intro zum Post Donald Trump und Peggy Gou in einem Satz genannt wurden, hab ich mir ehrlich gesagt schon an den Kopf gefasst und wusste, dass darauf nichts Gutes folgen wird. 

Cristina: Ich hab mir erst gedacht „Ufff, das löst sicher mächtig was aus”, und gleichzeitig war ich Klatsch-und-Tratsch-mäßig sehr gespannt auf die Reaktionen. 

Kristoffer: Ja, ein bisschen Voyeurismus und Schadenfreude war auch bei mir zu spüren: Okay, geht wieder los. Was ich dann gelesen habe, fand ich dann bisweilen erschreckend. Wobei mir schnell in der nachfolgenden Diskussion aufgefallen ist, dass für mich das eigentliche Thema ein anderes war als jenes, welches mittlerweile so hart debattiert wird.

Laura: Aber Hand aufs Herz: Seid ihr auch sofort in die Kommentarspalte runtergescrollt?

Kristoffer: Ich bin mittlerweile zu lange im Internet unterwegs, um mir noch irgendwo die Kommentarspalten zu geben. Natürlich bin ich aber im Nachhinein darauf gestoßen (worden) und es war der erwartbare Clusterfuck von Bullshit-Sexismus. Dabei würde der Post – oder besser gesagt, sein Inhalt, denn Stilkritik am Post müssen wir in jedem Fall üben – durchaus die Grundlage dafür liefern, welche Konsequenzen das von uns allen mitgetragene Star-System im DJ-Zirkus eigentlich nach sich zieht: Dass eine schwerreiche Person angeblich – bewiesen ist nichts – Menschen, die für sie gearbeitet haben, psychisch massiv zugesetzt und sogar Geschäftspartner*innen bestohlen haben soll. Darum aber ging es bald schon, wenn ich mir die Kommentare, Tweets und Artikel dazu anschaue, überhaupt nicht mehr. Und das finde ich seltsam. Da wird explizit von Opfern gesprochen – warum reden wir nicht über die?

Cristina: Welches Thema meinst du Kristoffer? Und, zu den Kommentaren: Nein, ich muss mir so etwas in kleinen Dosen geben, sonst ist mir das meistens zu viel Negatives auf einmal.

Laura: Das Thema „welches mittlerweile so hart debattiert wird“, damit meinst du den Vorwurf des sexistischen Narrativs hinter dem Post, das Daniel Wang aufgrund seiner Wortwahl nun vorgeworfen wird, unter anderem von Annabel Ross in ihrer – wie ich finde – sehr treffenden Analyse, richtig? Welches ist dann das „eigentliche“ Thema für dich? Und siehst du den Punkt Sexismus nicht auch darin?

Kristoffer: Natürlich ist die Debatte um das sexistische Framing absolut berechtigt und notwendig. Nicht nur zog Wang im Original-Post jede erdenkliche Schublade – Frauen psychische Probleme zu unterstellen, hat beispielsweise eine Tradition so lang wie das Abendland -, sondern es sprach auch für sich, dass ein Volldepp wie Vakula natürlich sofort darauf ansprang. Aber das Thema ist komplex, weil Wang trotz seines Standings in der Szene real betrachtet immer noch ein absoluter Zwerg ist gegenüber einer Frau, die ihn in Grund und Boden klagen könnte, bis er sich besagte Wohnung nicht mehr leisten kann. Ich finde es reduktionistisch, die Diskussion nur auf Gender-Verhältnisse zu konzentrieren, wenn auch andere Aspekte mit reinspielen. Denn das Machtverhältnis zwischen Gou und Wang oder Gou und den Menschen, die für sie und mit ihnen gearbeitet haben, ist ein anderes; ein ökonomisches. Wir müssen also auch das Thema Business Techno mit einbeziehen – und zugleich auch, warum es scheinheilig von uns wäre, das nur an der Person Gou und diesem Posting festzumachen.

Alexis: Das finde ich auch, wer hier nach dem „eigentlichen” Thema fragt, unterdrückt eine intersektionale Perspektive. So treffend Annabel Ross’ Analyse des Sexismus in Wangs Post und der elektronischen Musikindustrie generell ist, so kurz greift ihre ökonomische Analyse. Zum Beispiel, wenn sie sagt, dass Peggy Gou in einem Jahr mehr verdient als Daniel Wang in 20 years of touring. Eher ist es so, dass Peggy Gou wahrscheinlich mit einer Kampagne für einen Autohersteller mehr verdient als Daniel Wang in seiner gesamten Karriere mit seiner Musik jemals verdient hat. 

Cristina: Klar, der Aspekt Sexismus ist nur einer von vielen, aber Sexismus spielt ja beim ganzen Diskurs zu Business Techno auch eine Rolle. Ich finde aber genauso das Ökonomische spannend. Irgendwie musste ich bei dem Fall nämlich an Naomi Campbell denken, die ihre Mitarbeiter*innen ja wiederholt missbraucht hat. Der Promi-Faktor ist bei Gou genauso da, das Geld auch. Eigentlich zeigt das nur, in welcher Sphäre die elektronische Musikszene angekommen ist (womit wir wieder beim Thema Business Techno wären). 

Kristoffer: Absolut. Deswegen muss ich wohl auch korrigieren, was ich oben gesagt habe: Natürlich ist es nicht das eigentliche und damit einzige Thema. Sondern die Sache ist viel komplexer, als es sich in Tweets und Facebook-Kommentaren abbildet – Cristina hat das kürzlich ja erst sehr gut auseinandergenommen. Denn selbstverständlich ist Peggy Gou als rotes Tuch der sich als authentisch gerierenden “Underground”-Szene eine super Zielscheibe und natürlich deshalb Opfer von viel Schmutz, der in jedem Fall misogyn motiviert auf sie geworfen wird. Zugleich hat sie aber auch ein Standing, das ihr extrem viel Macht verleiht.

Alexis: Ich denke, Peggy Gou sticht da auch raus in der Szene. Die anderen Big Player – Amelie Lens, Charlotte de Witte, Solomun oder Dixon – halten sich mit Partnerschaften mit Modelabels oder Autoherstellern zurück. Das machen die höchstens punktuell, nicht tagtäglich wie Peggy Gou. Ihr Storyfeed ist vollgepackt mit Werbung. 

Laura: Moment, mir geht hier gerade einiges durcheinander: Wir haben einerseits das Thema Erfolg und Geld – und da sehe ich es als nicht besonders produktiv an, aufzurechnen, wer effektiv mehr verdient, steht Peggy Gou doch vor allem stellvertretend für eine Entwicklung der Gewinnschöpfung und – if you will -maximierung innerhalb der Plattformökonomie etc. pp, das weiß Kristoffer besser zu erklären als wir alle. Dann gibt es das Thema Machtmissbrauch und menschliches Versagen gegenüber den Mitarbeiter*innen, was es definitiv zu kritisieren gilt. Und dann gibt es aber auch noch den ganz wichtigen Faktor neben dem Sexismus, nämlich den „Ableismus“, wie Ross das bezeichnet, der Gous Verhalten als „psychisch krank“ pathologisiert und sich gleichzeitig darüber lustig macht. Hier liegt meines Erachtens ein riesiges Problem, was wir nicht unter den Tisch fallen lassen sollten.

Cristina: Laura: Voll! Das wurde bei Naomi Campbell auch zum Teil behauptet. Und inzwischen hat sich herausgestellt: Was für eine Überraschung, sie scheint nicht psychisch krank zu sein. Und Alexis: Nicht ganz. Dixon hat auch ein eigenes, nicht ganz billiges Modelabel. Und auch mal bei ein paar Modenschauen aufgelegt. Aber Gou ist wahrscheinlich schon die einzige richtige Influencerin unter den DJs, was doch an sich vollkommen okay ist. 

Kristoffer: Diese sehr bizarre und extrem anekdotische Pathologisierung Gous im Ausgangs-Posting ist paradox: Fast scheint es so, als würde er ihr attestieren, ein reguläres Arschloch zu sein, im selben Zug aber einen nicht ihrem Charakter inhärenten Grund, sondern vielmehr eine Pathologie dafür nennen – das aber eben viel eher noch als Teil seiner Argumentation denn als Erklärung betrachten. Zerfahren. Für mich steht das wie gesagt in einer bestimmten sexistischen Tradition, die hier – vermutlich ungewollt – reproduziert wird. Hysterie lautet ein Stichwort: Das othering der Frauenpsyche, das sie gleichzeitig verdammt und auf biologische Eigenschaften reduziert. Ähnliches tut er ja in Hinsicht auf Make-Up und Parfüm: Er impliziert damit, dass sie nicht real sei, ein buchstäblich doppeltes Gesicht habe und dass darunter ein psychologischer Abgrund lauert. Das ist schauerlich und ekelhaft. Weil es eben auch von einer – wie ich finde per se nicht invaliden – Kritik an ihrem Verhalten ablenkt.

Alexis: Cristina, es ist natürlich nichts daran auszusetzen, Influencer*in zu sein. Aber doch eine berechtigte Frage, was für Auswirkungen das auf die Szene hat. 

Laura: Sorry aber, ich finde die Verteufelung von Influencer*innen und was sie der Szene vermeintlich antun ist so eine Boomer-Diskussion! Ja, die Szene verändert sich, es gibt jetzt eben neue Kanäle, über die Musik gefunden und verbreitet wird, Menschen wissen diese zu nutzen und verdienen damit ihr Geld. Und ja, es ist jetzt eben nicht mehr nur der exklusive Boy’s Club, bei dem der Einfluss innerhalb des empfindlichen Ökosystems „Technoszene“ hinter dem Plattenladentresen ausgehandelt wird. Zum Glück! Natürlich bringt das Probleme mit sich, die wir auch gerne auf struktureller und ökonomischer Eben diskutieren können. Aber dieses Nachtrauern auf die „gute alte Zeit“ der „echten Szene“ finde ich so unproduktiv und ermüdend. 

Kristoffer: Peggy Gou ist ebenfalls nicht die erste Influencerin der Techno-Welt. Die Krone kann sich aber vielleicht hierzulande ein Sven Väth aufsetzen. Der wird dann allerdings “Legende” genannt. Ernsthaft: Ich finde es noch spannender, nach den Ursachen und weniger nach den Auswirkungen von Influencer*innen-Präsenz innerhalb dieser Community zu sprechen. Ich habe kürzlich im Zuge einer Recherche ein paar alte Ausgaben der Frontpage durchgeblättert und mir blieb fast die Spucke weg, wie größenwahnsinnig da diese harder-faster-stronger-better-Ideologie formuliert wurde: Techno soll die Welt erobern, die “ravende Gesellschaft”, wie Westbam es nannte, Realität werden. Und natürlich gehören da Stars hinzu, die dieses Denken in die Welt hinaus tragen müssen. Markenbotschafter*innen der rave nation, die gleichzeitig extrem von ihr profitieren. Peggy Gou ist eine von vielen, es gibt eine lange Tradition von Superstar-DJs ähnlicher Couleur. Sie und andere sind lediglich die Geister, die wir riefen. Ich denke aber, dass Gou als Phänomen betrachtet insofern etwas Neues bietet, als dass ihr unique selling point ist, mit ihrer Musik und ihren Sets extrem Underground-kompatibel aufzutreten. Was dann wiederum den Leuten bitter aufstößt, die sich für noch undergroundiger halten. Denn es wird gegen sie ja auch gewettert, weil sie inauthentisch betrachtet wird. Muss sich ein Martin Garrix das anhören? Nein, weil niemand von ihm Kredibilität erwartet. Von einem Regal vielleicht schon, aber nicht in dem Maße. Das ist dann wiederum die sexistische Komponente daran.

Alexis: An Westbam musste ich bei Peggy Gou auch oft denken. Wie er casht sie auf eine Weise ein, die nur für sie funktioniert. Was sein Major-Deal war, ist ihre Porsche-Coop. 

Cristina: 100% Kristoffer, Analyse on point. Alle weiblichen Superstar-DJs müssen sich so eine Kritik anhören, die männlichen nicht. 

Laura: Da stimme ich absolut zu! Und ich finde auch, dass häufig total verklärt wird, wie antikapitalistisch die Szene vermeintlich gewesen sein soll – das war sie nämlich faktisch in großen Teilen einfach nicht. Und ganz ehrlich: Casht nicht jede*r in diesem Business ein, dass es für ihn*sie funktioniert? Was wäre der Gegenentwurf dazu – um die Diskussion mal in eine produktive Richtung zu lenken?

Kristoffer: Wir sollten eben doch weniger über Business Techno und mehr übers Techno-Business reden. Denn das basiert genau auf solchen Figuren wie Gou, Amelie Lens oder anderen, die genau für das von den einen gehasst, für das sie von den anderen geliebt werden. Denn auch das extreme Fandom hat, finde ich, neben anderen Aspekten einen sexistischen Unterton. Aber zu Lauras Frage: Den Gegenentwurf formuliert Wang am Ende seines Postings durchaus – eine Art utopistische Szenerie, in der alle nur der Musik und des Miteinanders dabei sind, in der echte Menschen echte Musik machen und so weiter. Auch das ist bezeichnend: Authentizität ist ein extrem männlich konnotiertes Konzept, der Geniebegriff vor allem – und der Vorwurf, sie würde ihre Tracks nicht selbst schreiben, spielt ja genau darauf an. Genug Kerle lassen ihre Tracks von anderen schreiben. Die Frage ist jedoch: Warum wollen wir überhaupt, dass irgendwelche DJs nebenbei noch selbst Musik machen? 

Cristina: Naja, damit sie weiter die kompletten Superstars sind, für die wir sie halten, oder? Ein*e Superstar-DJ nur als DJ gibt es echt selten. Das eine (Auflegen) funktioniert kaum ohne das andere (Produzieren), für den Erfolg der DJs selbst. Was zum einen an den Erwartungen des Publikums liegt, aber auch einfach daran, dass ein streambarer Track mehr im Ohr bleibt als ein geiles Set. 

Laura: Wang geht ja sogar noch weiter und scheint an einer Stelle – „belegt“ durch die genannten Booker – beweisen zu wollen, dass sie auch gar keine DJ ist und nicht auflegen kann. Da wird es dann echt absurd! Klar, die Ghostproducer*innen-Thematik wird ja häufig aufgebracht, und es ist ja auch ein offenes Geheimnis, dass das auch viele männliche DJs in Anspruch nehmen – auch wenn sie bei Weitem nicht so stigmatisiert werden wie Frauen*. Aber es ist ja wohl kaum von der Hand zu weisen, dass Peggy Gou auflegen kann!

Cristina: Ja, da wird es irgendwie gemein. Gibt sicherlich oft genug Booker*innen, die mit der Performance eines*einer gebuchten DJ nicht ganz zufrieden sind. 

Kristoffer: Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob sich dieses sehr kurze Statement des Bookers wirklich darauf bezieht, dass sie nicht auflegen könne. Das lässt viel Interpretationsspielraum, finde ich. Genauso könnte es sich zum Beispiel auf ihr Verhalten im Club beziehen. Aber natürlich ist die Frage des Handwerks eine wichtige. Und das finde ich paradox. In einer Szene, die sich ziemlich einig darüber ist, dass die Visionen von Underground Resistance – faceless techno vor allem, politischer Anspruch – oder Gedanken wie der von der Party, welche der eigentliche Star sei, ihr Fundament bildet, wird sich doch sehr daran aufgehangen, ob und wie Einzelpersonen ihren Job beherrschen und dass sie doch bitteschön alles selbst machen sollen. Geniekult eben. Dabei ist der größte Ghostproducer dieser Szene doch die Person, die damals die Sounds der TR-909 programmiert hat! Ein mögliches Verständnis oder gar Versprechen von Techno besagt doch auch, dass wir unseren Individualismus an der Garderobe abgeben können, um in Kollektivität aufzugehen. Friede, Freude, keine Eitelkeiten. Und das ist eigentlich ein schöner Gedanke. Wen interessiert’s da schon, ob die Musik dazu vom Band oder von dieser einen Person kommt? Meine rhetorische Frage, die Antwort lautet jedoch leider wohl: alle. 

Alexis: Ich würde gerne nochmal direkter über den Post von Wang selbst sprechen. Ich finde interessant, dass er, obwohl er in vielerlei Hinsicht ungenau, ungeschickt und sexistisch formuliert ist, doch interessante und reale Probleme formuliert. Zum Beispiel die Anekdote aus dem Plattenladen: Es ist ja keine Schande gefeuert zu werden, weil man ungeeignet ist für einen bestimmten Job. Seine implizite Vorstellung scheint zu sein, dass man sich erstmal zwischen den Platten-Paketen die Finger schmutzig machen muss, um sich seinen Platz in der Szene zu verdienen. Ich finde das zugleich plausibel und bescheuert. 

Laura: Die Ochsentour der DJ-Karriere – quasi wie in der Politik, wer nicht im Landkreis Plakate geklebt hat, der kann später nicht in den Bundestag gewählt werden. Ich finde das irgendwie absurd, da haben wir doch auch wieder dieses männlich geformte Narrativ dessen, was als real und authentisch angesehen wird. Das sind eben männlich konnotierte Räume, die als einzig wahre Talentschmiede angesehen werden – und da gehe ich nicht mit. Diese Diebstahl-Nummer steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt!

Kristoffer: Wir dürfen dabei allerdings auch nicht vergessen, dass sie sich genau dadurch einen Namen gemacht hat: Im richtigen Plattenladen arbeiten, auf den richtigen Labels veröffentlichen, im richtigen Club spielen. Das ist Teil ihres Narrativs und ich würde mal behaupten, dass das nicht ganz von ungefähr kommt. Sie gehört einer Generation an, die häufig mal mit Business-Plan in die Clubszene kommt. Das sind jedoch eben auch die geistigen Kinder einer Szene, in der sich Kredibilität direkt in soziales und daran angeschlossen finanzielles Kapital übersetzen lässt.

Alexis: Ich finde das solidarische Verhalten zu Szene-Strukturen wie Plattenläden, das Wang einfordert, nicht unbedingt eindeutig männlich konnotiert. Aber klar, diese Realkeeper-Blockwart-Geste, einen Post aufzusetzen, um entsprechende Verfehlungen zu policen, ist ein Männerding. Ich finde interessant, dass da falsche, sexistische Aspekte mit Argumenten zusammengehen, die ich nachvollziehen kann.  

Cristina: Läuft dieses sich-einen-Namen-machen über coole Plattenläden, richtige Labels, richtige Clubs nicht eigentlich einem anderen Narrativ zuwider? Nämlich dem des*der Bedroom-Producer*in, der*die irgendwo im Hinterland sitzt und sich übers Internet und über die Musik mit Gleichgesinnten vernetzen kann? Das ist ja eine Art von Story, die in den vergangenen Jahren nicht unbedingt abgenommen hat – trotz der Business-mäßigen Tendenzen, siehe zum Beispiel DJ Seinfeld oder andere Lofi-Producer aus US-Midwest.  

Kristoffer: Ja, eben: Sie inszeniert sich als real in einem Oldschool-Verständnis. Kein Soundcloud-Kid, sondern jemand, die noch in den Crates diggt, mit Mike Huckaby per Du ist und so weiter, und so fort. Das ist durchaus Teil ihres Brandings und genauso ein Grund dafür, warum sie so erfolgreich ist. Nun wird genau das allerdings bestritten, das macht es so polarisierend.

Alexis: Ihr Beitrag zu Szene ist valide. Sie kann auflegen, sie hat einen eigenen, originellen Sound, ihre Hits sind amtlich, und da spielt kaum eine Rolle, ob sie die komplett selbst produziert hat. Es ist ihr Sound, genau wie Larry Levan seinen Sound hatte, obwohl er selbst im Studio nicht ein Knöpfchen angefasst hat.  

Laura: Aber mal abgesehen von ihrer realness, legacy etc.: Findet ihr, dass es legitim von Wang war, diesen Post zu schreiben? Gab es hier ein öffentliches Interesse, dass sie „outgecalled“ werden musste für ihr Verhalten? Das hab ich mich nämlich die ganze Zeit gefragt, ob dieser Post von einem größeren Interesse ist, außer dass Wang sich das mal von der Seele schreiben konnte. Oder ging es hier schlicht um Cancel Culture?

Cristina: Da bin ich auch noch nicht zu einem Schluss gekommen, aber intuitiv ist meine Tendenz: Der Post war eher unnötig. Das wirklich (vielleicht auch strafrechtlich) Relevante daran, nämlich ob und wie ihre Mitarbeiter*innen schlecht behandelt wurden, löst so ein Post nicht. Da hat es vielleicht geholfen, dass sich manche ehemaligen Mitarbeiterinnen jetzt mit Wang in Verbindung gesetzt haben. Aber eigentlich ist das ein Ding, was über andere Kanäle gelöst werden muss. Da können nur die Betroffenen selbst für Konsequenzen sorgen, indem sie sie zum Beispiel anzeigen oder was auch immer man da tun kann. 

Kristoffer: Ja, genau. Und deshalb habe ich das eingangs als “eigentliches” Thema bezeichnet. Für mich ist die Frage nicht, wie real Peggy Gou ist. Sondern wie auch sie real existierende ökonomische Machtstrukturen reproduziert. Und eine Debatte, die sich nicht an ihrer Person festmacht, sondern in die Vollen geht und das big picture aufs Korn nimmt – die hätte ich mir ausgehend von diesem Beispiel in jedem Fall gewünscht. Denn sie ist mehr als überfällig. Durch Wangs Framing dieser Geschichte allerdings wird sie vom Aspekt des Sexismus leider komplett überlagert.

Laura: Hier wurde definitiv eine Chance verpasst über größere strukturelle Fragen zu diskutieren und echte Kritik zu üben, wo sie längst überfällig gewesen wäre.