Vicmari & Martin Schmieger (Foto: Presse)

Podcasts und Radiosendungen erfreuen sich nicht erst seit Corona großer Beliebtheit. Vor allem Sendungen zu elektronischer Musik haben durch den erzwungenen Clubverzicht Hochkonjunktur. Ein Ozean gefüllt mit neuen Podcast-Reihen und Live-Streams werden von DJs, Clubs und Labels abgesetzt, um die erzwungene Zeit zu Hause zu erleichtern und den Kontakt zur Szene nicht zu verlieren.

Radio Electronica, das als einer der ersten unabhängigen Radiosender Jenas 1999 gegründet wurde, ist im Gegensatz zu vielen Netzradios neben Podcasts und Streams auch im Offenen Kanal der Stadt auf UKW und Kabel zu hören. Mit regionalen und internationalen Gästen hat sich das Radio zu einer festen Institution in Sachen elektronischer Musik in Jena und über die Stadtgrenzen hinaus gemausert.

Nachdem Martin Schmieger, Teil des Radio Electronica Teams, unsere Album-Review des Debüt-Albums Audiodidact vom südafrikanischen Newcomer Vicmari laß, kontaktierte er diesen und lud ihn zu einem 24-Stunden-Special bei Radio Electronica ein. Kurze Zeit später erarbeiteten sie eine monatliche, interkontinentale Radiosendung. Drei Stunden lang stellen sich südafrikanische Elektronik-Acts mit einem musikalischen Beitrag und einem Interview vor. Unser Autor Philipp Thull stellte Vicmari, der das Ganze in Kapstadt produziert, einige Fragen und fand dabei heraus, wie das Projekt zustande kam, was es bei der Umsetzung solcher internationalen Projekte zu beachten gilt und warum er sein erstes Album auf einem deutschen Label veröffentlicht hat.

Südafrika ist nicht gerade um die Ecke. Wie ist der Kontakt mit Radio Electronica entstanden?

Das Internet spielte dabei eine große Rolle. Der erste Kontakt mit dem Radio Electronica-Team ergab sich im Jahr 2016, als mein Debüt-Album Audiodidact auf Slope Music und Eclipser Chaser in Deutschland veröffentlicht wurde und Martin mich wegen eines Radio-Features kontaktierte. 

Wie kam dann euer erstes gemeinsames Projekt zustande?

Im Jahr 2018 schrieb mir Martin erneut und erzählte mir von seiner Idee, eine südafrikanische 24-Stunden-Takeover des Radio Electronicas zu organisieren. Natürlich packte ich die Gelegenheit beim Schopfe, weil wir hier nicht viele Plattformen haben, die es uns ermöglichen, unsere zu Musik in Übersee zu verbreiten. Daraufhin begann ich sofort mit der Arbeit an dem Projekt und lud Produzenten und DJs ein, ein Set einzureichen.

Ein Jahr später schrieb ich eine E-Mail an Martin und Nicola, einer von vier Gründungsmitgliedern und brachte ihnen meine Idee nahe, eine monatliche südafrikanische Show zu gestalten, die bei Radio Electronica live übertragen wird. Ihnen gefiel das Konzept auf Anhieb. Martin hat mir daraufhin bei der Konzeptionierung geholfen, denn ehrlich gesagt musste die Idee noch verfeinert werden. So haben wir es 2020 geschafft, alle vier Wochen in Zusammenarbeit mit Radio Electronica zu senden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit für solch eine Show, wenn ihr so weit voneinander entfernt arbeitet?

Die Show wird eine Woche vor der Ausstrahlung hier in Südafrika vorproduziert. Wir haben Studios in Kapstadt und Durban, was es uns leicht macht, ein Interview mit unseren Gästen aufzunehmen. Sobald wir damit fertig sind, bearbeite ich die Aufnahme, schneide sie zu einer 3-Stunden-WAV-Datei und übertrage sie mithilfe von WeTransfer an Martin. Hier steht das Internet wieder im Zentrum des gesamten Vorgangs.

„Warum hast du dein erstes Album bei einem deutschen Label veröffentlicht?”

Was hat sich bei dir seit der Veröffentlichung deines ersten Albums vor vier Jahren geändert?

Seit 2016 ist ziemlich viel passiert. Die Leute haben mich immer gefragt: „Warum hast du dein erstes Album bei einem deutschen Label veröffentlicht?” Der wahre Grund dafür war hauptsächlich, dass hier in Südafrika die Möglichkeiten für aufstrebende Künstler nicht so sichtbar oder leicht zugänglich sind. Ich kam irgendwann zu dem Punkt, an dem ich es auf eine andere Art und Weise machen musste und das Internet war die einzige Möglichkeit. Und es hat funktioniert.

Am Anfang war ich nur der Neue und viele kannten mich nicht. Nachdem Audiodidact veröffentlicht wurde, nahmen südafrikanische Veranstalter*innen mich wahr. Ich bekam Gig-Anfragen aus dem ganzen Land und danach fing die ganze Sache für mich richtig an. Ich hatte Glück, weil ich von den Besten (Anm.d.Red. Daniel Paul von Cab Drivers) gelernt habe wie man Musik macht. Das machte es für mich ein bisschen einfacher andere Musikschaffende zu treffen und Musik vor Publikum zu spielen. Danach öffneten sich weitere Türen für mich, da ich anfing Ableton Live bei meinen Auftritten zu verwenden. Das war neu in Südafrika. Veranstalter*innen des Ultra South Africa, Lighthouse Festival, Rocking The Daisies und AfrikaBurn, um nur ein paar zu nennen, haben mich daraufhin gebucht.

Wie gehst du mit der aktuellen Covid-Krise in deiner Musikszene um und was hat sich geändert?

Die Covid-Krise hat einen enormen Einfluss auf mich als jemand der davon lebt, Musik für Menschen zu spielen. Sieben Monate zu Hause zu bleiben war finanziell nicht besonders einfach. Das Timing aber fühlte sich gut an, weil nachdem die ersten drei Monate des Radioprojektes um waren, ich mich mehr darauf konzentrieren konnte. Das wiederum ermöglichte es uns, unsere südafrikanischen Künstler*innen in dieser verrückten Zeit zu unterstützen. Wir halfen ihnen bei der Schaffung einer hundertprozentigen, südafrikanischen Spotify-Wiedergabeliste und das Feedback war unglaublich.

Die Regierung hat außerdem einige Vorschriften für die Szene gelockert und Veranstaltungen dürfen absofort wieder mit maximal 50 Personen stattfinden. Wir hoffen, dass sich dies in den nächsten Monaten noch verbessert.

Vicmari

Vicmari (Foto: Presse)

In welchen Medien können Hörer*innen den Podcast in Südafrika hören?

Wir haben Strukturen eingerichtet, die den Zugriff auf die Show überall auf der Welt erleichtern. Während der Sendung veröffentlichen wir einen Streaming-Link für Menschen außerhalb Deutschlands, um ebenfalls Teil der Show zu sein. Radio Electronica hat eine starke Soundcloud-Präsenz, in die wir unsere vorherigen Shows für diejenigen hochladen, die nicht Live zuhören konnten.

Gibt es Pläne oder gemeinsame Projekte mit Radio Electronica in der Zukunft?

Die Zukunft ist im Hinblick auf unsere interkontinentale Zusammenarbeit mit Radio Electronica sehr aufregend. Seit Beginn des Projekts vor sieben Monaten war es unser Ziel, südafrikanische Musik im deutschen Radio zu präsentieren und ich freue mich, dass wir die Bestätigung haben mit unserer Sendung nach Angola zu expandieren. Diese Erweiterung, mit zusätzlichen drei Stunden, findet in Zusammenarbeit mit Fredy Lourenzo (Blur Records) statt. Es macht mich Glücklich zu sehen, wie dieses Projekt stetig wächst und ich freue mich auf die Zukunft. Neben der Arbeit mit Radio Electronica ist mein zweites Studioalbum endlich fertig und ich arbeite daran es bald zu veröffentlichen. Ich hatte das Glück, mit erstaunlichen Musiker*innen aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten unter anderem Brendon Moeller aka Beat Pharmacy, der zwei großartige Remixe dazu beigesteuert hat. Wirklich eine aufregende Zukunft.