Uli Wombacher (Foto: Marie Staggat)

Am 10. Juli veranstaltet das Watergate seine erste virtuelle Clubnacht „Yes We’re Open”. So wie alle anderen Berliner Clubs ist auch die Institution an der Oberbaumbrücke aufgrund der Coronakrise seit März geschlossen. Wir haben mit Clubbetreiber Uli Wombacher über die Idee und das Konzept von „Yes We’re Open”, die aktuelle Situation des Watergate und die prekäre Lage der Berliner Clubszene im Allgemeinen gesprochen.

Wie seid ihr darauf gekommen mit „Yes We’re Open” eine virtuelle Clubnacht zu veranstalten?

Zu Beginn der Coronakrise ging es sehr schnell los mit den Streaming-Events. Das erste United We Stream fand ja auch bei uns im Watergate statt. Schon nach dem dritten, vierten Stream hat man gesehen, dass sich die Sache ein bisschen erschöpft hat. Die Leute haben zwar zugehört, aber eher so, wie man sich einen Podcast anhört. Zwischendurch gab es Streams, die sich was Schönes überlegt haben, da guckst du auch mal hin. Dann war wieder ein Laden dran, der ein bisschen weniger gemacht hat. Die visuelle Erfahrung wurde generell vernachlässigt. Also kamen wir zu dem Punkt: Woran krankt das Konzept des Livestreams?

Meiner Meinung nach fehlt das soziokulturelle Element des Clubbesuchs. Warum gehe ich aus? Ich will zwar auch den DJ hören, ich will aber auch Freunde treffen und mich unterhalten, ich will neue Leute kennenlernen. Ich möchte im Fall Watergate auf die Terrasse gehen, ich möchte den Sonnenaufgang sehen. Die Cluberfahrung ist mehr als nur die Musik. Ein Freund von mir hatte sich zu dem Zeitpunkt mit der Umsetzung von Streaming für Events beschäftigt. Der meinte dann, dass man das vielleicht auch für eine Clubveranstaltung umsetzen könnte. Und dann haben wir losgelegt.

Was unterscheidet euer Konzept von einem klassischen Livestream?

Wir haben uns zu Beginn viel über Zoom-Meetings unterhalten. Wir haben überlegt, dass sich die Leute gegenseitig sehen müssen, so dass die Zuschauer*innen ungefähr die gleiche Wertigkeit haben, wie der*die DJ. Das ist ja gerade das Schöne am Club. Alle sind irgendwie wichtig. Im Club hast du immer Menschen, die sich selbst inszenieren. Und die sind dann auch Teil der Show. Die kannst du aber bei einem gewöhnlichen Stream nicht sehen. Und so war die Idee geboren, die User auch mit einzubeziehen. Als andere Streams angefangen haben, das auch zu machen, wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Was macht die visuelle Erfahrung bei „Yes We’re Open” besonders?

Auf unserem Mainfloor wird es Augmented-Reality-Projektionen geben. Wie im echten Watergate kannst du natürlich auf mehrere Floors gehen.

Wenn du dir eine eigene Watch-Party gebucht hast, kannst du mit einer eigenen Gruppe zugucken und dich unterhalten. Wenn du alleine auf einen Floor gehst, wirst du zufällig mit fünf Leuten verbunden, die dir mit Video- und Sprachfunktion zugeschalten werden. Wenn du die Leute nicht magst, klickst du einfach weiter und dir wird eine neue Gruppe zugeordnet. Falls dir jemand gefällt, kannst du die Person zu deiner Liste hinzufügen und jederzeit wieder treffen. Oder sie sofort mit auf Klo nehmen. Das gibt es auch. Auf dem Klo bist du sozusagen in einer Safe-Zone. Ihr könnt chatten, miteinander reden, was immer ihr wollt. Das ist eigentlich die Funktion, die unser Ziel am ehesten verkörpert – das Miteinander, Leute kennenlernen, Nummern austauschen.

Auf unserer Terrasse werden dir alle Leute angezeigt, die gerade dort sind. Alle können dort chatten und reden. Natürlich kann man die Videofunktion jederzeit ausschalten. Für den Fall, dass du auf all das keine Lust hast, gibt es die „Watch-Alone”-Funktion.

Ihr wollt mit eurem Streaming-Konzept auch die Künstler*innen unterstützen. Wie setzt ihr das um?

Als wir weitergesponnen haben, was man noch so alles machen könnte, kamen wir auf die Idee, Beatport nach einer Kooperation zu fragen. Wir hatten mitbekommen, dass wir gemeinsam eine Track-Recognition einbauen können. Denn natürlich wollen wir auch, dass die Künstler*innen irgendwie zu Geld kommen. Und so haben die Produzent*innen, deren Musik gespielt wird, auch etwas davon.

Der Eintritt ist übrigens spendenbasiert. Mit mindestens einem Euro „Eintritt” decken wir die Streaming-Kosten und unterstützen die DJs. Natürlich können die Gäste auch mehr spenden, müssen sie aber nicht.

Jede*r hat Zugang zu diesem Event. Was macht ihr, falls sich jemand daneben benimmt oder Leute belästigt werden?

Dafür haben wir die Funktion “Call the Bouncer” eingerichtet. Wenn ein User mitbekommt, dass sich jemand homophob, rassistisch oder misogyn verhält, kann man unseren Bouncer kontaktieren. Dann kannst du ihm sagen, dass sich ein User daneben benommen hat oder du belästigt wurdest. Der Bouncer sucht sich dann die Person raus, spricht mit ihr alleine und teilt ihr mit, dass sie beim nächsten Verstoß rausfliegt. So wie im echten Club. Durch die Schließung der Clubs sind viele Safe Spaces für queere Menschen verloren gegangen. Wir wollen nicht, dass Leute bei uns angegangen werden. Außerdem wird es einen Nachtleiter geben, falls Leute technische Probleme haben sollten.

Sind das dann Chat-Bots oder wirklich echte Menschen?

Das sind echte Leute. Wir machen echt Club. Auch die DJs spielen live. Das alles wird auch nicht aufgezeichnet. Wenn die Party vorbei ist, wird das nicht mehr zu sehen sein. Be there or don’t be there. 

Das Watergate

Zurück ins echte Leben: Wie ist die aktuelle Lage bei euch im Watergate?

Die Situation hier ist desaströs, vor allem in Bezug auf unsere laufenden Kosten. Zwar sind unsere Mieten gestundet, aber im Juli müssen wir die gesamte Summe nachzahlen. Dinge wie Mietstundungen oder Kredite ändern nicht wirklich etwas an unserer Situation, sondern verlagern unsere Zwangslage nur auf einen späteren Zeitpunkt. Nichtsdestotrotz erfahren wir eine breite Unterstützung aus allen Bevölkerungsschichten, was wir auch an unserem Fundraiser gesehen haben.

Was glaubst du, muss passieren, damit die Berliner Clublandschaft bestehen bleibt?

Das Ziel muss die Wiedereröffnung der Clubs sein – und es muss das kurzfristige Ziel sein, eher als das langfristige. Denn wenn wir zu lange warten, wird es das alles so nicht mehr geben. Wir können unsere Augen nicht vor der Realität verschließen. Wir haben in den letzten Wochen immer wieder von illegalen Raves in Parks oder von Boot-Partys gehört. Dort gibt es niemanden, der die Menschen beaufsichtigt. Im Club gibt es Türsteher*innen und Personal. Es gibt die Möglichkeit, dass alle Leute am Eingang ihre Kontaktdaten hinterlegen, damit im Falle einer Ansteckung schnell reagiert werden kann und die Besucher*innen benachrichtigt werden können. Das alles sind Argumente dafür, dass Clubs vielleicht die sichersten Orte für Menschen sind, die sich treffen wollen – oder müssen. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir treffen uns mit Freunden, wir sind zusammen, wir haben Sex, wir machen miteinander rum, wir fassen uns an. Die Menschen haben offensichtlich das Bedürfnis zusammen zu sein. Denn sonst gäbe es diese ganzen Übertretungen nicht.

Es ist gut, dass Clubs endlich als Kulturstandorte anerkannt werden. Das ändert die öffentliche Wahrnehmung. Das alles hilft uns aber nicht wirklich weiter, wenn – wie bei den Ausschreitungen in Stuttgart – weiterhin von der Feier- und Partyszene die Rede ist, wenn Idioten Schaufensterscheiben kaputt machen.

Was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?

Für mich persönlich ist diese ganze Situation der Beweis gewesen, eventuelle Zweifel in Bezug auf die Sinnhaftigkeit meines Tuns auszuräumen. Ich habe jetzt simuliert bekommen, wie es wäre, wenn wir nicht mehr wären. Ich mache das ja schon sehr lange und irgendwann stellt man sich schon die Frage, ob das seine Lebenserfüllung ist – wer das nicht tut, lügt. Und ich habe ziemlich schnell festgestellt, dass mir der Club und das Team sehr gefehlt haben. Wir haben Residents, für die man sich in gewisser Weise verantwortlich fühlt. Die machen Musik, die machen Kunst. Die machen das, weil sie nicht anders können. Die müssen das tun.

Außerdem müssen wir lernen, dass unser Leben, so wie es vor Corona war, nicht genauso weitergehen kann. Wir haben ja vorher gelebt wie in den Zwanzigern. Die Leute haben Gas gegeben, als gäbe es kein Morgen. Höher, schneller weiter, Turbokapitalismus. Das ist sicherlich etwas, das sich verändern wird.

Welche möglichen Auswirkungen wird die derzeitige Krise auf die Szene und auf die Stadt haben?

Noch denkt niemand über den möglichen Einbruch des Tourismus nach. Wir alle, die ganze Stadt, sind abhängig von den Touristenströmen. Es hat lange gedauert, zu begreifen, dass die Clubs ein massiver Wirtschaftsfaktor sind. Nicht umsonst stehen die Leute Schlange. Und es ist ja die Vielfalt der Berliner Clublandschaft, die die Stadt ausmacht. Es geht mir auch nicht nur um das Überleben des Watergate. Mal angenommen, alle außer uns müssten schließen – das würde auch unser Ende bedeuten. Denn die Leute kommen nicht nach Berlin, nur um ins Watergate zu gehen. Die fahren nach Berlin, um in den Kater, die Ipse, ins Watergate zu gehen, morgens dann noch in den Club der Visionaere. Vielleicht am Sonntag noch ins Sisyphos und dann nach Hause. Das ist die Berlin-Experience.

Im Moment beschäftigen wir uns alle irgendwie. Wir sind alles Überzeugungstäter. Wir können alle gar nicht anders. Auch wenn man mir die Beine abschneidet, mache ich weiter. Erst, wenn es mir wirtschaftlich absolut unmöglich gemacht wird, höre ich auf. Und dann käme die unendliche Leere.