Gemütlicher Arbeitsplatz: Der Wintergarten vor einigen Jahren (Foto: Privat) Trotz des gewaltigen medialen Echos und politischen Drucks, den die Berliner Griessmuehle mit ihrer SOS-Kampagne erzeugte, standen die Betreiber*innen und befreundeten Party-Crews Ende Januar ziemlich plötzlich vor vollendeten Tatsachen. Die ehemalige Nudelfabrik am Neuköllner Schifffahrtskanal wie der angeschlossene Latitude Record Store und das Bistro CC müssen tatsächlich Neubauten weichen – die GROOVE berichtete. Nach einer schnell angeleierten Closing-Party, die dann doch mal eben zwölf Stunden länger als geplant ging, erklang auf der Cocktail d’Amore mit DJ Citys „Torreyson Drive” am Montagmorgen des 3. Februars 2020 der letzte Tune an der Sonnenallee 221. Ausgerechnet der punkige Technoschuppen am Neuköllner S-Bahn-Ring wurde zum deutschlandweiten Aushängeschild des Clubsterbens, sogar der Bundestag beschäftigte sich erstmals mit dem Thema – wir waren vor Ort. Schnell wurde die Ausweich-Location im Keller der Alten Münze in Berlin-Mitte hergerichtet, während die Mittwochs- und Donnerstagsveranstaltungen in den Polygon Club am Ostkreuz zogen. You can’t kill the Griessmuehle Spirit: Auf der ersten Synoid wurde in feinster Warehouse-Manier so hart geravet, dass von der Decke tropfender Schweiß mehrere CDJs zerstörte. Einen knappen Monat später erwischt die Griessmuehle der nächste Rückschlag: Das Coronavirus zwingt alle Clubs der Republik zur temporären Schließung, ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Laut Pressemitteilung ruhen daher die Verhandlungen um eine weitere Zwischen- und Nachnutzung der Neuköllner Location mit dem neuen Eigentümer. Immerhin wurde in der Zwischenzeit eine neue langfristige Bleibe gefunden, mehr dürfen wir aber noch nicht verraten. Um die Griessmuehle und Mitarbeiter*innen zu unterstützen, sendete United We Stream bereits aus der Exil-Location, während auf startnext.com eine Spendenkampagne mit manch nostalgischen Prämien wie Fenstern oder Lampen aus dem ehemaligen Wintergarten läuft. Für die SOS-Kampagne, die allgemein ein Zeichen gegen Kultursterben setzen will, sind rund 55.000 Unterschriften in knapp drei Monaten zusammengekommen. Keine überquellenden Klos mehr, die Türen bleiben zu (Foto: Griessmuehle) Von einer verlassenen Open-Air-Location zum weltbekannten Techno-Club, wo experimentelle Nischenmusik neben Mainfloor-Brettern funktionierte, Berliner DJ-Nerds auf aufgeschlossenen Nachwuchs stießen – unser Nachruf auf einen der wildesten Abenteuer-Spielplätze, die Berlin im letzten Jahrzehnt hervorbrachte. Wir lassen mehr als acht Jahre Griessmuehle an der Sonnenallee mit zehn Anekdoten und historischem Fotomaterial Revue passieren und Macher*innen und Residents wie Darwin, Esposito und Tham & Acierate einfach selbst sprechen – in alphabetischer Reihenfolge. Darwin von Reef: Ich überzeugte mein liebstes Soundsystem auf Erden, nach Berlin zu fahren Darwin und Hew vom Sinai Sound System auf dem Main Floor (Foto: Privat) „In meinen fünf Jahren als Griessmuehlen-Resident habe ich mehr großartige Momente erlebt, als ich zählen kann. Doch meine beste Nacht war, als ich mein liebstes Soundsystem auf Erden überzeugen konnte, ihre Ausrüstung nach Berlin für die Autonomic-Clubnacht mit dBridge und Instra:mental zu fahren, die seit Jahren nicht mehr gemeinsam aufgelegt hatten. Eigentlich residiert das Sinai Sound System in Sheffield. Aber ich hatte Glück, weil sie das Wochenende davor in Portugal waren und begeistert von der Idee. Eigentlich spiele ich meine Arbeit immer herunter. Aber in dieser Nacht fühlte ich, dass ich echt ernsthaften Kram mache und eine ganz besondere Party für die Berliner Bass-Heads schmeiße. Außerdem hat Sherelle das erste Mal außerhalb des UK gespielt und sie hat das Silo abgefackelt, gemeinsam mit der In-Training-Crew aus Cleveland, Father Of Two und Kiernan Laveaux. Total magisch, eine unvergessliche Nacht für uns alle!” David, Chef der Griessmuehle: Wir fühlten uns wie Kinder auf […]

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