Anastasia Kristensen – M A X I M A (Houndstooth)

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Das dänische Berghain heißt Culture Box und ist ein Tempel für Techno und elektronische Tanzmusik. Anastasia Kristensen, in Russland geboren, aber seit knapp 20 Jahren in Dänemark beheimatet, pflegt dort eine Residency bei der Mainstream-Party: Die bekannteste LGBTQ-Reihe, die das skandinavische Land zu bieten hat. Dort überzeugt sie seit ein paar Jahren mit erfinderischen Sets zwischen Percussion-Exkurs, bangendem Techno, flirrenden Electronica und feistem Elektro mit Industrial-Einschlag. Diese Vorlieben konnte man auch auf ihrer Debüt-EP Ascetic auf dem Warp-Ableger Arcola Mitte des Jahres nachvollziehen. Da wirkte alles noch ein wenig ungeschliffen, doch für ein erstes Ausrufezeichen reichte es allemal. Auf M A X I M A für das Londoner Label Houndstooth erkundet sie ihren eigenen Stil nun weiter. Ihr Fokus liegt offensichtlich auf der architektonischen Natur von Techno. „AK OK” zeigt sich als Bauprojekt, das langsam das Fundament legt, um es dann vorsichtig einzureißen und in seiner skelettierten Natur zu offenbaren. Zerklüftete Ruinen, die von den leerstehenden Herrschaftsbauten Detroits genauso beeinflusst sind wie vom Ingenieurs-Sound hiesiger Clubs. Auf „The Flight” manifestiert sich das in futuristischem Raumgleiter-Maschinenraum-Techno, und beim experimentellen Zweiminüter „Submerge Station” in auftürmendem Synth-Gewitter, das eine Autechre-Nachfolgeschaft kaum leugnen kann. Kristensen ist immer noch auf der Suche nach dem Eigenen, doch der Weg ist vielversprechend, keine Frage. Lars Fleischmann

Atom™ & Tobias. – Zahlenraum (Pomelo)

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Uwe Schmidt und Tobias Freund haben einen Lauf. Die Aufgabenstellung „Technonummern der etwas anderen Art ohne Routineformeln abliefern” meistern sie auch mit ihrer nächsten EP als Atom™ & Tobias. Gut, den gleichmäßig geschlagenen Viererbeat schaffen sie nicht vollständig ab, irgendwelche Konstanten braucht es im Leben dann ja doch. Zwei Tracks, jeder davon um eine Tool-Version ergänzt, in denen hypnotisches Kreiseln so vorexerziert wird, als hätten die beiden diese Praxis im Alleingang erfunden. Aufbau inklusive desorientierender Einsprengsel in der Anfangsphase gelingt stets wunschgemäß, das Hirn beginnt sich sehr bald schon mitzudrehen. Auch die Tools tun klug ihren Dienst. Große Freude für Geist und Körper. Tim Caspar Boehme

Henry Greenleaf – Patent (GlassTalk Records)

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Und das sind die Tracks auf Henry Greenleafs neuer EP: „Inch” ist die A1. Und schmaucht und rauscht sich durch trockene bis knusprige Schaben-Samples mit dem Effekt eines Spannungsaufbaus. Erst nach drei Vierteln Länge beendet der Bristoler das Warten und loopt einen Breakbeat mit 4/4-Beat-Anmutung. „Tare” beruht auf dem Sample einer männlichen Stimme, die ‚Aha!‘ sagt, in einen dubbigen Stepper geschickt und schließlich von Science Fiction-Raumschiff-Schwebegeräuschen umgarnt wird. „Caved” funkt ungemein unter einer Oberfläche industrieller Sounds. Das abschließende „Patent” auf der B2 klingt wie ein zum Track umgebautes Pausen-Logo mit seiner zum Jus runtergekochten Melodie. Die Beats aus der Bristoler Perspektive auf das Hardcore Continuum, die Soundästhetik dabei vergleichbar mit derzeitig interessanten russischen Techno-Labels wie etwa Trip; skulptural, metallen. Aufregend! Christoph Braun

Jonquera – Formative Dubs (Brothers From Different Mothers)

Die BFDM-Posse holt sich mit Jonquera, eine Hälfte des vielleicht lässigsten Outsider House-Duos The Pilotwings, einen alten Gefährten in ihr schunkeliges Label-Boot. Und der setzt gleich mal so unfassbar abgebrüht die Segel in Richtung psychedelisches Dub-Paradies, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Wer Black Zone Myth Chant, J-Zbel oder Clara! Y Maoupa feiert, sollte jetzt mal die Lauscher spitzen, denn das ist einer ihrer Brüder im (musikalischen) Geiste. Exotisch, rhythmisch und dubbed out ist gleich mal Jonqueras erster Track „Umamami”, der trotz zehn Minuten Länge nie an Fahrt verliert, sondern eher noch an Charakter hinzu gewinnt. Das darauf folgende „Hell Reggaeton” setzt dann auf gebrochene Beats, wonky Sounds, heruntergepitchte Stimmen und goofy Basslines – einfach cool und sich nie zu ernst nehmend. Props dafür! Das beatlose Zwischenstück „Smecta” wird mal eben schnell geskippt. Man ist nach der A-Seite einfach schon zu sehr angefixt von den actiongeladenen Soundgebilden. „Jonquera at Caluire on the rocks” lebt dann eher das Weniger-ist-mehr-Kredo aus und hauptsächlich die fetten Bässe und verschachtelten Urwald-Drums lassen einen durchhalten. Aber das Licht am Ende des Tunnels ist dann „Esroc Voice in My Head”, das wesentlich straighter daherkommt und das Endorphin-Level wieder in den roten Bereich schiebt. Psychedelic Dancehall is the better Dub! Andreas Cevatli

Luca Durán – Circunvalar (Akoya Circles)

Luca Duran Circunvalar

Luca Durán kommt straight aus der Zukunft. Also literally. Der Schweizer legt seit 2015 als Resident im Zürcher Club Zukunft auf und baut in Zukunft Beats unter seinem richtigen Namen. Bis Oktober schmatzten 303-Basslines über 808-Kicks auf Labels wie Mistress Recordings, Clone Royal Oak und seinem eigenen Baby Akoya Circles – damals noch supermysteriös als Look Like. Das Kapitel mit dem Künstlernamen ist jetzt durch. Die Mukke ist geblieben. Und stürzt sich auf Circunvalar kopfüber in den Atlantik, um die eingebuddelten Glasfaserkabel zwischen Europa, Lateinamerika und den USA anzuzapfen. „Letztes Jahr besuchte ich meine Familie in Kolumbien, spielte einige Shows und nahm eine Menge Sound auf. Daraus ist die EP entstanden”, sagt Durán, der mit Circunvalar die „Energie auf Bogotas Straßen” eingefangen haben möchte. Klar, Kulturschock und so. Aber nicht nur. Wüsste Gerald Donald von den Deep Diving-Versuchen in offenen Gewässern, er schnalzte ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich mit seiner Zunge. Und holte den Geist von Stinson gleich mit ins submarine Research Lab. Denn: Wo Luftblasen blubbern und Anemonenfische durch Korallenriffe zischen, wirbelt Durán mit „L’amour, L’amour-Vocals“ den Meeresgrund durcheinander. Schließt die Klappen, feuert die Turbinen an. Es ist Zeit zum Abtauchen. Christoph Benkeser