Diverse – 25 Compost Records (Compost)

Warum nicht gleich 25? Sage und schreibe zehn Maxis umfasst das Box-Set, mit dem die Future-Jazz-Schmiede ihr 25-jähriges Jubiläum begeht. Streng limitiert und handnummeriert, mit Liner Notes von Compost-Mastermind Michael Reinboth, einem Compost-Logo-Metall-Pin, Jutebeutel, Sticker-Pack, zwei Mixtapes von Reinboth und Thomas Herb inklusive. Download-Code nicht zu vergessen. Allein die Musik der zehn 12-Inches und sechs digitalen Bonus-Tracks füllt knapp sechs Stunden. Im Mittelpunkt steht die Kunst des Remixens: Neben drei neuen Exklusiv-Tracks von Claudio Coccoluto („Doin’ Our Best“: sympathische verstimmtes, psychedelisches Jazz-Tech-Feel), Ron Deacon („Bring It On“: selten lag Leipzig näher an Detroit) und Liquid Phonk („Starwalk“: klingt wie eine 11-Minuten-Version von „I Want Your Love“ für eine „Soul Train“-Revival-Show) sind Move Ds „Hurt Me“ und „The Way Back“ von Solomun, mit denen die Jubel-Compilation einige im Vinylformat vergriffene Label-Klassiker wieder verfügbar macht, die einzigen Originals der Veröffentlichung. Stattdessen eine Vielzahl neuer Remixe, unter anderem von Ripperton (gleich zweimal, Beanfields „Tides“ geht als launige Nick-Holder-Hommage durch), Ron Trent („Ife Bobowa“ von der „Glücklich III“!), Purple Disco Machine, I:Cube, Kai Alce, Recondite, Glenn Underground, Michel Cleis, Konstantin Sibold, Delano Smith, Lawrence und Boo Williams. Roman Flügel liefert mit einem Remix von „Human Patterns“, des Titeltracks des Beanfield-Albums von 1999, einen Flagship-Opener ab, Moodymann verdrahtet Alif Trees „Forgotten Places“ mit der New School des Hip Hop um De La Soul. Mark E nimmt sich des DJ Yellow & Flowers And Sea Creatures-Hits „Deep Into Neon“ an, mit Slow-House-igem Ergebnis, François K Emilie Nanas „I Rise“.

Remixen und geremixt werden: So ergeht es neben Beanfield auch C.O.W. 牛 und Marbert Rocel – Letztere von Joakim: „Dance Slow“ gehört zu den Winnern hier. Spektakulär: Gerd Jansons „Adventure“-Megamix der kalifornischen Synth-Pop-Producerin Eleanor Academia, erstmals 1987 im Shep-Pettibone-Mix erschienen und eine Art Hidden Hit geblieben. Auch großes Kino: Marsmobils „Sometimes I Don’t Regret“ im Kraftwerk-meets-Yello-Remix von Die Orangen.

Toll: Jede der EPs ist von einem konstitutiven Klang-Element her gedacht und zusammengestellt: Auf der ersten sind es techige Clap-Sounds, die zweite fokussiert Disco: Phil Misons Remix von Sirens „A/Way“ punktet als ausgesprochen gelungener Spagat zwischen Bronski Beat und Whirlpool Productions’ „From: Disco To: Disco“, Tomasz Guiddos „Hide“ macht im Ewan Pearson-Remix mit und ohne die Vocals des Berliner Producers und Pianisten Arnold Kasar Sinn. Und Gerd Jansons zwingender Uptempo-Euro-Großraum-Disse-Remix von Lorenz Rohdes „Back“ zählt zweifellos ebenfalls zu den großen Highlights dieser opulenten Nabelschau. Harry Schmidt

 

Carl Craig – Detroit Love Vol. 2 (Detroit Love)


Detroit Love wurde von Carl Craig und einigen Gleichgesinnten als multimediale Plattform ins Leben gerufen, um Musik aus Detroit in die Welt zu tragen. 2014 ging es in Amsterdam los mit einem Partykonzept und großen Namen wie Recloose, Moodymann und Mad Mike Banks. Es folgten Events in der ganzen Welt und letztes Jahr die erste Compilation mit einem Mix von Stacey Pullen. Volume 2 wurde nun von Carl Craig zusammengestellt und gemixt, herausgekommen ist ein überraschend discoider, housiger Mix über zwei CD-Längen aus Klassikern und neuen Produktionen plus einigen unveröffentlichten und wiederentdeckten Tracks. Typischer Detroit-Techno findet sich hingegen nicht auf der Compilation, Tempo und Atmosphäre bleiben durchgehend gemütlich – und ansteckend freundlich. Ein Effekt, der auch dadurch entsteht, dass es Craig immer wieder gelingt, auf den ersten Blick nicht allzu kompatible Stücke wie Gaisers eher strenges „For Balance“ und das spacig-discoide „12 Lights“ von Mr. G wie selbstverständlich hintereinander zu bringen – dank kompromisslos-unprätentiöser Mixtechnik ohne lange Übergänge oder Effekte. Detroit-Nerds dürfte dann am Ende der Compilation das Herz aufgehen, wenn zwei auf Vinyl lang vergriffene Stücke von Rhythim Is Rhythim und Ectomorph aufeinander folgen. Davor gab es aber auch schon neue exklusive Tracks von DJ Minx, Claude VonStroke und einer Zusammenarbeit von Craig mit Green Velvet. Jede Menge Namedropping also, das die geweckte Erwartungshaltung aber auch komplett erfüllt. Mathias Schaffhäuser

Dolo Percussion – Dolo 4 (Future Times)


Der House-Virtuose und Future Times-Boss Maxmillion Dunbar bittet nunmehr zum vierten und letzten Rhythmus-Ritt als Dolo Percussion. Lang ist’s her, wir schrieben das Jahr 2013, als das Side-Project zum ersten Mal auf Ron Morellis L.I.E.S.-Label Premiere feierte. Ursprünglich als Grundgerüst für seine Live-Auftritte konzipiert, zeigte Max D. hier zum ersten Mal, wie wilde Fusion zwischen Hip Hop, Jungle und House klingen kann. Wer die vorhergegangenen Releases schon feierte, wird sich auch hier wohl fühlen. Man wird allerdings das Gefühl nicht los, dass den DJ Tools die Leichtigkeit und der Charme der Jugend abhanden gekommen ist. „14“ und „16“ drosseln das Tempo erst mal gehörig, was den hypnotischen Charakter der von einer saftigen 909-Kick getriebenen Beat-Patterns noch mehr unterstreicht. Definitiv groovy, was der Washingtoner hier zusammengebastelt hat. Die Tracks „13“ und „15“ sind dann wieder Geruckel im Peak Time-Tempo und haben das Potenzial, Höhepunkt eines jeden Sets zu sein. Während ersterer ein verschachteltes Electro-Anthem ist, setzt „15“ auf metallische Drums und wagt sich schon fast in Grime-Territorium vor. Mut und Diversität fehlen dem Release nicht. Es ist eher die Tatsache, dass man mittlerweile mit den Sounds allzu vertraut ist und nur in Nuancen Neues erkennt. Wer allerdings Lust auf 16 einzigartige Beat-Konstrukte hat, sollte zugreifen. Andreas Cevatli

John Digweed – Last Night at Output (Bedrock)


John Digweed ist einer der bekanntesten Progressive House und Trance-DJs der Neunziger, er machte sich einen Namen, als er gemeinsam mit Sasha Resident im Twilo in New York wurde. Last Night at Output ist eine auf sechs CDs erscheinende Aufnahme seines zehnstündigen Sets in der letzten Nacht des New Yorker Output an Silvester 2018. Der Mix besteht aus einer abwechslungsreichen Mischung von melancholischen Tracks, wie man sie zu diesem Anlass erwartet, und melodischem House, mal soulful, mal joyful sowie pushendem, teilweise mit Acid versetztem Techno. Mit ätherischen Stücken wie „The Last Dance“ von Eagles & Butterflies, fröhlichen Tracks wie „Orchestra Too Much Information” von Dele Sosimi Afrobeat Orchestra im Laolu-Remix und Kult-Nummern aus dem NYC der 90er wie „Judy (Hooked On Coke)” von C12 ft. Jole gelingt es Digweed, seine Crowd spielerisch zu lesen – was durch Gejubel der feiernden Menschen auf dem Album auch schön zur Geltung kommt.

Die ersten beiden der insgesamt sechs CDs in der Box machen sich durch eine abwechslungsreiche und durchdachte Auswahl eines vocallastigen Sounds bemerkbar. Die dritte CD bietet druckvolle Technotracks, die einen immer wieder positiv durch ihre Kreativität überraschen. Auf der vierten CD gibt es auch ruhigere Tracks wie „Ayam” von Acid Pauli im Red Axes-Remix, die Digweed gekonnt als Aufbau für die nachfolgenden aufputschenden Nummern eingebaut hat. Die beiden letzten CDs des Albums schließen unter anderem mit hartem Acid Techno ab. So meistert Digweed es, in dieser Silvesternacht voller gemischter Emotionen zwischen Freude, Melancholie und einem schwer zu beschreibenden Gefühl von Ungewissheit mit 71 Tracks die Stimmung des Clubs einzufangen. Bastian Kremser

Outro Tempo II – Electronic and Contemporary Music from Brazil, 1984-1996 (Music From Memory)


Diese von NTS Radiohost und DJ John Goméz vor zwei Jahren aus dem Gedächtnis ins Leben gerufene Compilation-Serie ist eine zeitlose Offenbarung, auch wenn sie sich nur auf eine bestimmte Periode in der offensichtlich unendlich weiten Welt der Musik Brasiliens bezieht. Hier geht es nicht um stereotype Klänge und Rhythmen, die mal eben mit dem Gedanken an eine leicht in Geld umsetzbare, schal klingende Neuauflage von Bossa oder Samba unter die Leute bringen möchte. Goméz tauchte tief in die leftfield Szene ein, zumindest auf dieser Seite des Ozeans hat man keinen einzigen der zwanzig Songs bereits gehört. Waren die Tracks der ersten Ausgabe Outro Tempo: Electronic And Contemporary Music From Brazil 1978 – 1992 noch eher geprägt und beeinflusst vom musikalischen Erbe Brasiliens, und doch das Bedürfnis nach Befreiung von diesem atmend, gerne mit der für diese Zeit generell eher ungehörten Verquickung von Elektronik mit akustischen, sehr spirituellen Ansätzen, geht Teil II nun noch mehr um den Einfluss von New Wave bis hin zu discoidem Funk, Post Punk oder No Wave. Einzelne Tracks hervorzuheben fällt schwer, es gibt keinen einzigen Ausfall in dieser nicht im Sinne des Flows meisterhaft zusammengestellten und sehnsüchtig machenden Reise durch eine „andere Zeit“. Und doch muss man gleich beim Aufmacher „Maraka“ von May East unweigerlich an das denken, was eine Peggy Gou heute macht. Und „Emotionless“ von den Low Key Hackers steht guten Momenten von Krautrock in nichts nach. Aufregend, inspirierend, tanzbar, wohltuend und angenehm fordernd den Horizont erweiternd. Sucht derzeit seinesgleichen, diese Klasse. Das collagenhafte Artwork des Albumcovers ebenso. Michael Rütten

Pacific Breeze: Japanese City Pop, AOR & Boogie 1976-1986 (Light in the Attic)


Schon seit einigen Jahren erlebt japanischer City-Pop einen Aufschwung. Die pazifische Brise – in Form von Reissues und Neuerscheinungen des Genres – weht bis zum Westen und erfrischt mit einer neuen Compilation. Das Leben ist irgendwo in einem Zeitspalt zwischen den 70ern und 80ern stehengeblieben. Gut konserviert strahlt es die Sorglosigkeit des prosperierenden Nachkriegsjapan aus. Das Label Light In The Attic veröffentlicht unter Aufsicht von unter anderem Andy Cabic (Vetiver) ein weiteres Best-Of in der Japan Archival Series. Zum City Pop gesellen sich artverwandter AOR – Adult Oriented Rock – und Boogie. Tomoko Soryos „I Say Who“ ist der Start in einen smoothen Trip, der vor allem von den Basslines getragen wird. Keiner hidden gems hat man sich hier angenommen, sondern ausgesprochenen Klassikern des Genres: Taeko Ohnuki ist eine derjenigen. Ihr Stück „Kusuri O Takusan“ klingt funkig – da ist wohl US-amerikanisches Vinyl an Land geschwappt.

Lauscht man dem Sound von Minoko Yoshidas Klassiker „Midnight Driver“, errät man, woher sich David Sylvian mit seiner Band Japan Inspiration holte. Eine weitere City Pop-Größe ist Haruomi Hosono. Gemeinsam mit Shigeru Suzuki (ebenfalls auf der Compilation vertreten) und Tatsuro Yamashita veröffentlichte er 1978 das genreprägende Album Pacific. F.O.E., ebenfalls ein Projekt, an dem Hosono beteiligt war, überzeugen auf „In My Jungle“ mit einem eingängigen Beat, der von einem federleichten, verträumten Piano bespielt wird. Die blumigen Lyrics tragen zur vorherrschenden Atmosphäre nicht unwesentlich bei: „How do you feel? Magic Coulours in the air, they open your eyes.“ Bei Hiroshi Satos „Say Goodbye“ klingt selbst ein Abschiedsgruß ab die ehemalige große Liebe versöhnlich. So harmlos wie unterhaltsam. Neben den USA ist ein weiterer hörbarer Einfluss die lateinamerikanische Musik, glaubt man sämtlichen Percussion-Instrumenten auf „Bamboo Vender“ von Masayoshi Tanaka. Zurück in die USA über „L.A. Nights“ und über die lieblichen Klänge eines Xylophons mit Yasuko Agawa. Es fließt mitunter vor und zurück wie das stetige Auf und Ab der leichten Wellen an einem der vielen Strände Japans. Hiroshi Nagai gestaltete auch hier ein Cover in seinem typischen Stil, der an Hotel Resorts in Malibu erinnert. Auszeit fürs Hirn. Lutz Vössing