Die 5 besten Mixe im April 2019

Mixe des Monats April

Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Brain Rays & Quiet, Jamie Tiller, Josey Rebelle, softcoresoft und Tygapaw. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

Brain Rays & Quiet – Electronic Explorations 512


Bang Face – die Pilgerstätte für alle Hard- und Breakcore-Liebhaber im britischen Southport. Zwar ist die zehnte Festivalausgabe im März längst über die Bühne gegangen, doch erst kürzlich landete der herausragende Mitschnitt des Sets von Brain Rays and Quiet im Netz. Kein Gabba ohne Sinn und Verstand, kein über-ironisierter Neo-Rave, sondern ausgefuchste Rhythmen, markerschütternde Bässe und Sample-Mayhem irgendwo zwischen Footwork, D’n’B und Techno. Wohlgemerkt eine knappe Stunde aus lauter Eigenproduktionen, technisch perfekt gemixt und kompromisslos auf die Zwölf. Die beiden UK-Produzenten von der Bizarre Rituals-Crew aus Devon könnte man auch vom HipHop-Projekt Baconhead kennen und sie beschreiben sich im Netz selbst als „pathologische Optimisten”. Wer auf Touren kommen will, kommt an ihrer Ausgabe von Rob Booths Electronic Explorations nicht vorbei. Hardcore will never die – und hat selten so viel Spaß gemacht. Raoul Kranz

Jamie Tiller – BIS Radio Show #985


Jamie Tiller ist neben Tako Reyenga einer der zwei Gründer von Music From Memory; ein Label, das inzwischen seit rund sechs Jahren mit konstant gutem Geschmack alte Schätze an Ambient und Balearic wiederveröffentlicht, aber auch neuer Musik eine Plattform bietet. Im vergangenen Jahr war sein großer Wurf die Compilation Uneven Paths: Deviant Pop From Europe 1980-1991, mit der Tiller unbekannten Avantgarde-Pop aus Europa vor der Vergessenheit bewahrt. Mit dem Hintergrund verwundert es nicht, dass auch sein jüngster Mix für Beats In Space nur so vor Qualität strotzt. Von rein aus Percussion bestehenden Tracks über fröhliche Synthie-Flötenmelodien bis zu kosmisch-bleependen House-Bomben ist alles dabei – sogar trancige Flächen bekommen zum Ende hin einen großen Auftritt. Immer wieder fragt man sich, wie man denn auf einmal in einem gänzlich anderen Track gelandet ist: Tillers makelloses Mixing, das ist der Schlüssel. Ein Stück wird so sachte in das vorherige eingeführt, dass sich der Mix zuweilen wie ein dicker Strom anfühlt, der nicht abreißen will. Derweil zieht sich eine energetische, aber geerdet-kühle Stimmung durch die Stunde und 15 Minuten. So richtig gute Laune wird nur vorsichtig zugelassen. Sie kommt dennoch auf – dafür ist dieser Mix einfach zu gut. Cristina Plett

Josey Rebelle – 21st April 2019 / Rinse FM


Bereits im letzten Sommer hat Kollege Kristoffer Cornils auf die britische DJ Josey Rebelle aufmerksam gemacht und zurecht die dürftige Resonanz hierzulande beklagt. Dabei ist die vielfältige Musikauswahl in ihren Sets bemerkenswert. Vom Mixmag wurde sie vor kurzem als „genre-bending DJ dominating top-tier dancefloors worldwide” bezeichnet. Hm. Davon kriegt man hier leider nicht so viel mit. Bekannt wurde Josey Rebelle unter anderem durch ihre Show auf Rinse FM. In jeder Sendung schafft sie es, zu überraschen. Von House zu Future Jazz hin zu Disco, UK Bass, Breakbeats und Techno. Da mischt sie schon mal smooth George Bensons „Shiver” und Theo Parrishs House-Banger „Feel Free To Be Who You Need To Be” zusammen.

Ihr Mix vom 21. April sticht hervor, weil er noch mehr Überraschungseffekte und unaufdringliche Knaller enthält, die einen sowohl auf dem Bürostuhl als auch auf dem Dancefloor ekstatisch werden lassen. Ein Beispiel dafür sind die Stellen, an denen sie extrem smooth Steve Murphys „Ray Gun (Bonus Beat)” mit Hymns „Magna” (kürzlich auf Oscillate erschienen) mixt und später 69s „Filter King” mit Lowtecs wunderbarem „Hotel D Europe”. Bäm! Dabei fängt das zweistündige Set ganz harmlos mit der Rap-Künstlerin Lex Amor und Bobby Womack an, bevor es in der zweiten Hälfte richtig clubbig wird. Das, was Rebelle draufhat, hört man nicht alle Tage. „Most good djs play a lil of everything” twitterte Kristin Malossi von DJ Voices kürzlich. Rebelle ist definitiv one of them. Franziska Finkenstein

softcoresoft – Truancy Volume 239


Sanftheit gewährt uns softcoresoft nur für zwei Minuten und zehn Sekunden. Dann bohrt sich in die elegischen Streicher eine insistierende, nagende Acid-Figur. Einen Mix, in dem sie ausschließlich Banger spielt, wollte die Musikerin aus Montreal für Truants zusammenstellen. Dass ein Set nicht nur aus Höhepunkten bestehen kann, ist offensichtlich. softcoresoft vermeidet die Überhitzung, indem sie einen unwahrscheinlichen Dialog zwischen den Eskalationsmodi von gradlinigem Techno, Acid und Trance herstellt. Jeder stilistische Sprung gewährt eine Verschnaufpause. Schon der dritte Track ist eine entkoppelte Ravehyme, die Deep House-Chords gegen den Strich bürstet und von Randomers dadaistischem Punk auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Mit den Psytrance-Elementen von Döner Smuggler schiebt uns softcoresoft den LSD-Trip in den Mund, um mit „Main Loop” von Pavel Milyakov jegliche Bodenhaftung zu verlieren. Mit „Warehouse Memories” von I Hate Models und „East Midlands Rave Tune” nimmt sie das Thema der Rave-Nostalgie auf, aber eigentlich nur, um es zu widerlegen. Für softcoresoft gibt es nur das Hier und Jetzt. „With A Medium Into Trance” von Pete Namlook und Pascal FEOS von 1993 ist da genauso gegenwärtig wie die aktuellen Hits von 999999999 und Trancemaster , die den Höhepunkt des Mixes liefern. Jetzt, wo die meisten DJs nach ein oder zwei ruhigen Platten einpacken würden, spielt softcoresoft die Tracks, die man am Anfang des Sets erwartet hätte: Aquarian und DJ Stingray liefern verhaltenen Electro, bei Anastasia Kristensen drückt sich der unerbittliche Funk von LFO durch komplexe IDM-Drumpatterns. Und der überraschende Schluss kommt von Gabber Eleganza, die einen schmetternden Hardcore-Break mit zerhackten, unerwartet sublimen Pads verbinden. Ja härter die Partys, desto schöner die Musik: das ist unerwartete Konsequenz dieses Sets. Alexis Waltz

Tygapaw – 19th April 2019 (NTS Radio)


Tygapaw zog schon in jungen Jahren aus ihrem Heimatland Jamaika nach New York. Ihre musikalischen Wurzeln hat sie deshalb keineswegs verloren, mischt sie in ihren Tracks doch stilsicher Dancehall-Charakteristika mit treibendem Techno. Als Organisatorin diverser Partyreihen versucht sie außerdem, queeren Menschen Zufluchtsorte zu bieten und die Kultur ihres Heimatlandes vor der Ausbeutung zu bewahren. Das macht auch der Anfang ihres einstündigen Sets für NTS Radio deutlich: “Despite having studied finance and economics at the world’s best universities, the following question remains unanswered: Why is it that 5000 units of our currency is worth one unit of your currency, while we are the ones with the actual gold reserves?”, fragt die deutsch-sierra leonische Modemacherin Mallence Bart Williams in einem Vortrag. Tygapaw unterlegt den Ausschnitt mit knarzendem, bedrohlichem Ambient. Nach knapp vier Minuten poltert schließlich die Eigenproduktion „4 Train (Utica Ave)” los und eine rasante Tour de Force, die diese Bezeichnung ausnahmsweise wirklich verdient hat, nimmt ihren Lauf.

Der gesamte Mix weicht kaum mehr vom rasanten 4/4-Schema ab, unablässig vorwärts preschender Techno hält das Energielevel auf einem konstant hohen Niveau. Grelle Trillerpfeifen schieben sich etwa über scharfkantige Acid-Sounds, ein ums andere Mal erreichen die Tracks neue Spannungsebenen. Wieder ist es mit „Fragile” dann ein eigener Track, der nach knapp 45 Minuten eine Zäsur einleitet. Erst am Ende löst sich der Klammergriff graduell, ein paar housigere Tracks sorgen für eine außerordentlich tanzbare Verschnaufpause. Definitiv einer der besten Mixe des bisherigen Jahres! Maximilian Fritz