9Dirk Desaever – Collected 1984-1989 (Musique Pour La Danse)

Dirk Desaever– Collected 1984-1989 (Musique Pour La Danse)


Nachdem sich Musique Pour La Danse, ein Sublabel von Mental Groove, das Olivier Ducret und Ed Isar gegründet haben, um „vergessene wie unvergessliche Dancemusic von gestern und morgen“ zu releasen, vor vier Jahren bereits um die Wiederentdeckung des belgischen Producers Ro Maron verdient gemacht hat, ist nun Dirk Desaever an der Reihe. Der hat Mitte bis Ende der Achtzigerjahre vorwiegend auf kleinen belgischen Labels ein schmales Oeuvre minimalistischer Synthwave-Perlen geschaffen, die im Zuge der EBM-Renaissance der vergangenen Jahre auf der einen oder anderen Minimal-Wave-Compilation wiederveröffentlicht wurden. Edits von Künstlern wie Marcel Dettmann und Mick Wills haben Desaevers Namen zusätzliche Popularität verschafft. Mit Collected 1984-1989 erscheint nun erstmals eine Werkschau, die nicht nur Gems und verheimlichte Hits wie „Rely On Kismet“, 1988 unter dem Moniker A Thunder Orchestra erschienen, oder „Oddball Harry“, von Desaever einst als White House White produziert, sondern vor allem eine Unmenge unveröffentlichtes Material enthält. Die Beschäftigung damit lohnt sich in jeder Sekunde: In Desaever vereint sich das Ohr eines Komponisten mit der idiosynkratischen Empfindsamkeit des Bedroom-Producers. Desaever klingt, als ob John Maus New Beat erfunden hätte, zum Privatvergnügen. Auf drei verschiedene Ausgaben verteilt, bestehen keinerlei Redundanzen zwischen LP, EP und MC. Letztere ist nur über die Bandcamp-Präsenz des Labels erhältlich. Zusammen ergeben sie eine der wichtigsten Reissue-Compilations der Zehnerjahre. Harry Schmidt

8Diverse – An Anthology Of Greek Experimental Electronic Music 1966-2016 (Sub Rosa)

Diverse – An Anthology of Greek Experimental Electronic Music 1966-2016 (Sub Rosa)


Die Brüsseler Truppe Sub Rosa, die sich seit den 1980ern im experimentellen Bereich engagiert, und Künstler*innen wie Genesis P-Orridge und Art Zoyd oder auch Werke von Nam June Paik im Programm hat, stellt laufend äußerst versiert ausgesuchte Mixtapes aus Randrubriken zusammen. Es ist engagierten Labels wie diesem zu verdanken, dass in der kaum zu bewältigenden Flut von Neuerscheinungen auch nach versunkenen Schätzen der Musikwelt Ausschau gehalten wird. Auch auf den Irrfahrten durch die griechische Musiklandschaft weiß uns Sub Rosa stilsicher zu leiten. Das ist in gewisser Art und Weise auch Pop-Journalismus, wie da an der Song-Auswahl gewerkelt wird, die nahezu kanonisch anmutet. In diesem Fall: Experimentelle Musik aus Griechenland von 1966 bis 2016. Wenig überraschend ist, dass sich durch den griechischen Mix das aquatische Sujet zieht, und selbst harschester Noise im Kontext wie das Rauschen brandender Wellen klingt. Wenig überraschend auch, dass Pionier Xenakis da auftaucht. Besonders wertvoll ist der Mix jedoch aufgrund weniger bekannter und namhafter Künstler*innen. Da ist das grandiose Stück „Sense” von Panayiotis Kokoras, eine Sammlung von Sounds, die so zusammengeschnitten sind, dass sie irgendwo zwischen Film und Ambient-Hörspiel mäandern, am besten vielleicht noch als Field Recording durchgehen. Oder das schöne „Pithoigia” von Panayiotis Velianitis. Die meisten der versammelten Stücke sind wohl nicht so leicht zu finden, klingen wie einmal im Rahmen einer Kunst-Performance gespielt und dann in Vergessenheit geraten. Hier werden sie wieder in einen neuen Kontext gepackt und können ihre Schönheit so neu entfalten. Musikarbeit at its best. Lutz Vössing

7Diverse – Eminent Domain (L.I.E.S.)

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Neue L.I.E.S.-Kompilation. Ziemlich heiß. Und groß! Drei LP’s plus Bonus 7inch mit 22 Tracks von eher unbekannten Produzenten. Der aus Philadelphia stammende Christian Mirande eröffnet alles mit zirpendem Drone. Auch der zweite Track von Prisons driftet gespenstisch in Drone-Ambient-Sphären. Es folgt fesselnder Post-Industrial von JT Whitfield aus Austin. Ein Genre, in dem sich auch Produzenten wie CBN, Filth oder Pod Blotz mit Mut zum Experiment sowie Acid- und EBM-Anleihen austoben. Dazwischen dem Wave zugeneigte Tracks, verwunschene Synth-Eskapaden, brachialer Endzeit-Techno, Horror-Downbeat und rabenschwarze Art-Electronic. Auf der 7inch liefert L.I.E.S.-Künstler S. English solo und im Duo Corporate Park ebenfalls bedrohliche Metalsounds und Alien-Synth-Balearic ab. Eine im Verbund abenteuerliche Kompilation mit enormer Sogwirkung. Einfach nur ‘asozial’ gut, wie ein stiller Zuhörer während der Erkundung aus dem Off heraus treffend behauptet.
Michael Leuffen

6Diverse – Velvet Desert Music Vol.1 (Kompakt)

Diverse – Velvet Desert Music Vol.1 (Kompakt)


Velvet Desert Music, der jüngste Spross der Kompakt-Compilations, ist genau wie die Total– oder Pop Ambient-Serien auf einen jährlichen Rhythmus ausgelegt. Die erste Ausgabe gibt als offener Referenzrahmen schon so ziemlich die Richtung vor, in die das gehen kann. Gitarre, David Lynch, Britpop, Psychedelia und Campfire-Country, alles geht hier in der Samtwüste. Und es war ja schon immer diese Verortung inmitten kristallklarer Soundgeometrie, Roadmovie-Atmosphäre und erlebter Popgeschichte, die die Musik Jörg Burgers zwischen Bionaut, Modernist und Triola so unverkennbar machte. In diesem Sinne stehen „Magic Lantern” mit seinem traumhaft schwebenden Modernist-Country oder der Remix von Xuxu Fangs „Noir State Beach” mit kraftvollem T.Rex-Shuffle beispielhaft für die musikalische Vision des 56-Jährigen, die auch nach über 30 Jahren Leben mit elektronischer Musik nichts von ihrer innovativen Strahlkraft verloren hat. Das stellt er auch gemeinsam mit Wolfgang Voigt unter Beweis: Ihr „Memphisto” feiert gut zwanzig Jahre nach der letzten gemeinsamen Burger/Ink-Veröffentlichung den wehmütigen Country-Trance aus alten Harvest-Tagen, und selbst Rebolledo/Novotones sind mit der ersten Singleauskopplung „Mountain Eagle” der Melancholie einer langen Autofahrt durch den einsamen Westen Amerikas verfallen. Sorgfältig kuratiert zwischen vielen eigenen Produktionen und exklusiven Gastbeiträgen von gleichgesinnten Weggefährten wie Superpitcher, Cologne Tape, Metope, Sascha Funke oder der anderen Saschienne-Hälfte Fantastic Twins, entsteht zwischen den Tracks trotz vielschichtiger Ansätze ein geheimnisvoller künstlerischer Dialog, den man bei Compilations eher selten erlebt. Walk out into velvet. Jochen Ditschler

5Floating Points – Late Nite Tales (Late Nite Tales)

Die Stille in der Innenstadt. Vielleicht hat gerade noch eine Krähe einen anderen Vogel gejagt und dabei laut gekrächzt. Dann ist es für einen Moment still, bevor wieder ein Geräusch vernehmbar wird, eine anrollende Tram etwa. Diese spezifische Stille, die super sein kann, heilig, greift Sam Shepherd in seinen Late Nite Tales auf. Schwerkraft verleiht ihm das Black America der Sechziger, mit Jazz von Max Roach oder psychedelischem Soul von The Defaulters. Und diese Grundstimmung einer spirituellen Suche durchzieht auch die anderen Teile dieser Sammlung. Die kanadische Komponistin Kara-Lis Coverdale ist dabei, und Toshimaru Nakamura, Kaitlyn Aurelia Smith: Eine leise Magie durchzieht diese Stücke. Floating Points erweist sich mit seinen Late Nite Tales als der Sammler und Historiker, den wir aufgrund seiner eigenen Tracks immer schon in ihm vermuten durften. Christoph Braun

4Jodey Kendrick – Electric Dance Music (DUB)


Der Brite Jodey Kendrick bekommt vom Clone-Sublabel DUB (Djak-Up-Bitch) mit Electric Dance Music eine Art Werkschau zugedacht. Mit Beiträgen, die der Produzent zuvor auf dem gleichnamigen Rephlex-Sublabel veröffentlicht hat. Die Tracks aus den Jahren 2013 und 2014 bieten das Rephlex-typische Spektrum um Electrophilie, IDM oder luftgetrocknetem Techno klassischer Schule ab. Verneigungen in Richtungen Drexciya, „Dyna 4“ zum Beispiel, dürfen da nicht fehlen. Man könnte das jetzt alles als Fingerübungen betrachten, die sich an bewährten Vorbildern orientieren, ohne allzu viele eigene Ideen beizusteuern. Was sicherlich nicht ganz unzutreffend ist. Stellt sich ja grundsätzlich immer die Frage, ob man immer noch mehr Desselben braucht, nicht allein in der Clubmusik. Andererseits hat man, wenn es sich um so stilsichere Nummern wie die von Jodey Kendrick handelt, ein gutes Argument, um die Frage in diesem Fall getrost mit Ja zu beantworten. Tim Caspar Boehme

3June Chikuma – Les Archives (Freedom To Spend / Beats In Space)

June Chikuma – Les Archives (Freedom To Spend/ Beats In Space)


June Chikuma ist ein Star, den niemand kennt. Die japanische Musikerin steuerte ab den späten Achtzigern die Soundtracks zu den legendären Bomberman-Spielen bei und ließ damit die Wohnzimmer der westlichen Welt explodieren. Akustisch, natürlich. Wer damals durch die pixeligen Labyrinthe wuselte und sich mit Bomben den Weg freisprengte, tat das zu furzendem Acid Techno und glatt gestrichenem Drum’n’Bass aus den Synthesizern von Chikuma. Ihr ging es dabei weniger um eingängige Melodien, als um Rhythmus und Groove. Die Musik sollte für sich stehen, gleichzeitig aber das Chaos am Bildschirm einfangen. Logisch, dass sie dafür eigene ästhetische Regeln wählte. Regeln, die sie auf ihrem 1986 veröffentlichten Album Divertimento erst entwickeln sollte. Über 30 Jahre später genießt das Album unter Sammler*innen Kultstatus – ist aber vergriffen. Gut, dass Freedom To Spend, ein Sublabel von RVNG Intl., es neu auflegt und obendrein zwei unveröffentlichte Stücke aus dem Archiv der Japanerin dazupackt. Les Archives klingt in manchen Momenten, als hätte es sich Chikuma zur Aufgabe gemacht, Blade Runner mit anderen Vorstellungen neu zu vertonen, indem sie möglichst viele Knöpfe auf Samplern, Synthesizern und Drumcomputern gleichzeitig drückt. Der Instinkt als Weg zum Ziel. Man kann sich während des Hörens ziemlich gut vorstellen, wie sie auf ihrem elektronischen Maschinenpark an den Reglern schraubte, und sich im wirren Netz der Klänge verlor. Die Stücke reißen sich die Kleider vom abgespeckten Leib, um in neue zu schlüpfen – immer und immer wieder. Kammermusikalische Ausflüge in die Welt von Eric Saties Gebrauchsmusik stöpseln sich unter Fahrstuhlmusik aus den 80ern und zwischen wilde musique concrète-Scherereien. Cheesy, aber Barock’n’Roll! Christoph Benkeser

2Laurel Halo – DJ-Kicks (!K7)


Laurel Halo, US-Amerikanerin aus Ann Arbor mit experimentellem Techno-Ansatz und Veröffentlichungen auf Hyperdub und Honest Jon’s, beginnt die neueste Ausgabe der DJ-Kicks-Serie mit einem ihrer hierfür exklusiv produzierten Stücke: ein ambienter Pianoloop, an den eine aus zwei Tracks bestehende Runde Electro anschließt, die nach fünf Minuten abrupt von einem weiteren ambienten Stück unterbrochen wird, das in minimalistisch-abgedrehtem Techno mündet. Bis dahin sind gerade mal zehn Minuten vergangen, aber auch schon gute sieben Tracks der insgesamt neunundzwanzig Stücke umfassenden Tracklist. Und wir reden hier von einem einstündigen Mix! Aber Schluss mit der Zahlenhuberei, die natürlich nur den Sinn hatte, ein Bild davon zu vermitteln, was den Hörer auf der 68. Ausgabe von DJ-Kicks erwartet – definitiv kein gemütlicher Wohlfühlmix für nebenbei oder die Modeboutique in der Fußgängerzone. Wer Laurel Halo kennt, wundert sich darüber natürlich nicht, der eine oder andere Fan der Compilation-Reihe möglicherweise aber schon. Allerdings muss man dem Label wirklich zugutehalten, dass dies nicht die erste Ausgabe dieser anspruchsvollen Art ist. Halo verarbeitet in ihrem Mix weitere – ok, doch noch eine Zahl – sechs Exklusivtracks, neben einem zweiten aus eigener Produktion sind das Stücke von Rrose, Machine Woman, FIT Siegel, Nick León und Ikonika. Stilistisch kommen im Verlauf noch Bass Music und verschiedene andere Techno-Spielarten zum Zuge, um den Mix dann im letzten Drittel in erst Percussion-dominierten, tribalistischen und dann im weitesten Sinne housig-discoiden Stücken euphorisch enden zu lassen – natürlich nicht, ohne eine letzte abrupte Stil- und Stimmungsänderung ganz am Schluss zu platzieren. Eine aufregende Stunde Musik, die John Peel bestimmt sehr gut gefallen hätte. Mathias Schaffhäuser

1Vatican Shadow – Berghain 09 (Ostgut Ton)

Vatican Shadow – Berghain 09 (Ostgut Ton)


Für Dominick Fernow scheint die Welt jedes Jahr aufs Neue unterzugehen, was ja irgendwie auch dem intuitiven Gefühl entspricht, das einen in Anbetracht der Gegenwart beschleichen könnte. Als Vatican Shadow widmet sich Fernow seit 2011 vor allem der ominösen Vertonung des War On Terror im Nahen Osten und den geopolitischen wie medialen Hintergründen. Dementsprechend sind seine Tracks oft von einer beunruhigenden Dringlichkeit, klingen ebenso dunkel wie brutal und haben industriellen Techno in dieser Dekade maßgeblich mitgeprägt – perfekt also fürs Berghain, wo Fernow seit zwei Jahren eine Residency innehat. Berghain 09 ist für ihn eine Verneigung vor der Mixtape-Kultur der Neunziger, ein eklektizistischer Cut-Up von allem, was ihn damals beeinflusst und fasziniert hat. Aber auch eine Beschreibung seiner Beziehung zum alten Vattenfall-Kraftwerk in Friedrichshain, das in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz seiner intensiven Live-Darbietungen war. In knapp 86 Minuten geht es von retro-futuristischem Analog-Ambient über geniale Verquickungen aus üppig verziertem Electro und apokalyptischen Club-Bangern bis hin zu kosmischen Prog Electronics oder Mahlströmen aus Noise und Drone – begleitet von Voice-Samples des umtriebigen Genesis Breyer P. Orridge (Throbbing Gristle, Psychic TV). Mit exklusiven Tracks von Virile Games, Ron Morelli, JK Flesh und Alberich, aber auch einer alles vernichtenden Kollaboration zwischen Fernow selbst als Prurient und Ugandan Methods ist diese Compilation zwar spürbar düsterer als der eigentliche Mix, aber logischerweise auch nicht ganz so vielseitig. Beide machen indes auf eindrückliche Weise klar: Abgefuckter als Fernow zieht derzeit keiner der Techno-Szene eine neue Haut aufs Gesicht. Nils Schlechtriemen