5DJ Deeon – Funk City (Chiwax Classic Edition)


Von Ghetto House zu Juke und Footwork sind es nur zwei Schritte. Oder einer, wie bei DJ Deeon. Der Chicagoer Ghetto House-Pionier, der später bei Juke ebenfalls ganz vorn dabei war, ist hier mit seinem ersten Release noch einmal zu erleben. Er schmeißt seine „House-O-Matic“ an, lässt die 909 in effektivster Hauruck-Manier im „Groove Mode“ durchrasen, und schon kann er stolz – wahrheitsgemäß – von sich behaupten: „I Got Da Bomb“. Zugleich erweist er sich mit dieser simplen, alterungsbeständigen Musik als echter Punk. Einfachstes Equipment genügt völlig, Effekte braucht es erst recht keine, um für hemmungslosen Tanzwahn zu sorgen. Klingt auch nach 25 Jahren hirnbefreiend frisch. Tim Caspar Boehme

 

 

4Isolée – Ginster (Mule Musiq)


Mule Musiq aus Tokyo feiert 15-jähriges Bestehen und zelebriert sein Jubiläum mit einer Serie, die an die 2017er „The Golden Ravedays“-Reihe von Superpitcher erinnert: jeden Monat eine EP, deren Cover jeweils ein Puzzlestück eines Stefan Marx-Bildes aus zwölf Teilen ist, das erst im Verbund erleuchtet. Genauso wie der übrige Output von Mule Musiq geht es bei dieser Serie nicht um stilistische Homogenität. Super Flu produzierte fröhlichen Techhouse, Aril Brikha detroitige Pads, Bodycode schweren, deepen Techno. Auf Ginster, der ersten Isolée EP seit zwei Jahren, zieht Rajko Müller sämtliche Register mikrofiletierter Housemusik. „Sudden Frost“ vereint Pampa-Funk, Koze-ness und balearische Gitarrenunendlichkeit. „Leap Second“ holt den Shuffle raus und stampft zittrig durch den Dubnebel. Der Titeltrack ist ein feinteilig geschichteter Housetune mit überraschend platzierten Melodien, der ganz schön druff ist und dennoch trocken bleibt. Eine EP, die Liebhaber der hohen Isolée-Kunst noch in Jahren lächelnd aus dem Plattenregal ziehen werden. Michael Leuffen

 

 

3Lando – Gather Round (Hypercolour)


Einst Vorreiter beim Verschmelzen von europäischem House und Techno und dediziert britischer Bassmusik, ist Lando (ehemals Lando Kal) inzwischen längst im 4/4-Territorium fest verwurzelt. Zusammen mit Weggefährten wie Jimmy Edgar gehört er zu einer Riege von Künstler*innen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, diese Fusion immer weiter auf ihre Essenzen herunter zu destillieren.
So finden sich auf Landos EP für Hypercolour vornehmlich technoide Synth-Stabs berliner Bauart, die bei Lando dank UK-Swing immer sowohl verführerische Sexiness als auch dubbige Coolness versprühen. Seine detailreichen, perkussiven Arrangements klingen zwar ziemlich funktional, heben sich durch ihre Vocal-Samples und ihre individuelle Dynamik aber gerade noch so über den Tool-Status hinaus.
Letztlich wirkt dieser Mix also mehr wie ein erfrischender Smoothie aus vielen Elementen als ein delikates Serum. Lando bedient dennoch erfolgreich alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und hat schlussendlich eine vielseitige, stets hoch-modern und frisch klingende Platte gebastelt. Leopold Hutter

 

 

2Octo Octa – For Lovers (Technicolour)


Auf den drei EPs die nach ihrem tief persönlichen Befreiungsschlag-Album Where Are We Going? folgten, konzentrierte sich Octo Octa (Maya Bouldry-Morrison) wieder mehr auf die körperlichen Bedürfnisse und Freiheiten, die auf dem Tanzboden zu finden sind. Die jüngste EP For Lovers führt weiter was Bouldry-Morrison vor der Transformation von Michael zu Maya beschäftigt hat: Einen glasklaren, machtvollen Sound zu finden, der die Trennschärfe und Sauberkeit, die Wucht und Bassfülle von Techno hat, aber doch eine Sensibilität, die auf die queeren Wurzeln von House verweist. Ein nichtbinäres Unentschieden, das gerade nicht Tech-House ist. Ein Sound, der sich direkt auf frühere Weder-Techno-Noch-House-Außenseiter wie etwa den Briten Schatrax bezieht, dessen kühlheißer Mittneunziger-Brenner „Snow Dogs“ eine der prägnantesten Folien für die Klangästhetik von Octo Octa darstellen dürfte. „For Lovers“ ist darin ganz und gar auf der Höhe der Zeit. Der eindeutige Hit „I Need You“ deutet sogar einen housigen Breakbeat an und folgt wie „Bodies Melt Together“ und „Loops For Healing“ dem etablierten aber immer noch frisch wirkenden Konzept kraftvolle Chords zu dreschen und mit übersattem Hall mit kurzen Vocal-Fetzen zu garnieren. Frank P. Eckert

 

 

1Sonic – 110174 EP (Western Lore 005)


Jasper Byrne gehörte in den Nullerjahren zu den erfolgreichsten Drum & Bass-Produzenten, ob unter dem Namen Sonic oder zusammen mit Dean Fletcher als Sonic & Silver und Accidental Heroes. Dann war das Jahrzehnt zu Ende und Byrne war verschwunden. Heute ist der Brite Entwickler von Computerspielen, obendrein hat er für manchen Game-Soundtrack gesorgt. Seit Ende letzten Jahres macht er auch wieder Musik außerhalb der Spieleindustrie. Zu verdanken ist dies Alex Eveson alias Dead Man’s Chest, einem alten Drum & Bass-Kollegen, der auch das Label Western Lore betreibt. Die 110174 EP ist nun keine Platte mit Drum & Bass-Einflüssen, diese grandiose Doppelmaxi ist Drum & Bass, aber ganz ohne Genre-Zwänge. Old School-Breakbeat-Elemente klingen auf einer Nummer wie “Psychedelic Soul” einfach superfrisch, auf “8082devast8” fließen dubbige Techno-Elemente ein, das Fundament ist ein bassiger Beat, der aber so reduziert ist, dass man erst bei näherem Hinhören merkt: ah, Drum & Bass. Mit “Volcan” ist gar ein Juke-Stück zu hören. Acht Tracks, acht Treffer. Holger Klein