Efdemin – New Atlantis (Ostgut Ton)

Im Sommer 2018 sitzen drei Musiker*innen im Berliner Acud Club und schichten zarte Drones. Vielleicht 50 Menschen sind gekommen, um ihnen zuhören. Das Trio nennt sich PNIN und eins ihrer Mitglieder ist Philip Sollmann, der mit großem Ernst eine Drehleier bedient. Nur ein paar Tage später wird Sollmann unter dem Namen Efdemin dann wieder im Berghain auflegen, wo er seit Jahren Resident ist. Zumindest von außen sieht es so aus, als würde Sollmann ein musikalisches Doppelleben führen. Das letzte Efdemin-Album etwa ist nun fünf Jahre alt. Decay war ein schnörkelloses Stück Techno, das die alte Achse zwischen Detroit und Berlin nochmal neu verlegte. Unter bürgerlichem Namen komponierte Sollmann zwischenzeitlich über ein Jahr lang mit dem mechanischen Instrumentarium des Komponisten Harry Parch. Oder er aktualisierte zusammen mit Konrad Sprenger und Oren Ambarchi Ideen der Minimal Music. Privat beschäftigte Sollmann sich nach einem Japan-Aufenthalt mit der Musik buddhistischer Rituale. Der gemeinsame Nenner dieser Musiken ist vielleicht ihr repetitives Moment.

 

 

New Atlantis ist nun so etwas wie das Amalgam all dieser Betätigungsfelder. Bemerkenswert ist, dass die diversen Bestandteile sich hier niemals gegenseitig ausbremsen, sondern tatsächlich ineinandergreifen – als sei es eine Selbstverständlichkeit, gleichzeitig wie eine Chain Reaction-Platte und eine Phill Niblock-Aufnahme zu klingen. Vermutlich liegt das an der Produktion: Drones können ob ihrer klanglichen Dickflüssigkeit einen Clubtrack schnell verkleben, bei Efdemin bleiben sie stets so luftig, dass das perkussive Fundament intakt bleibt. Im Gegenzug schielt keine der (durchaus flotten) Kickdrums auf New Atlantis so sehr auf den Floor, dass alles andere nur noch Garnitur wäre. Stattdessen bemüht Sollmann sich um ein wohl austariertes, gänzlich unhierarchisches Klangbild. New Atlantis klingt nüchtern, fast analytisch – was aber etwa den Titeltrack nicht daran hindert, über die Spielzeit von rund 15 Minuten eine fast transzendentale (Club-)Erfahrung zu evozieren.

Apropos Titel. Den des Albums (und auch die einiger Tracks) hat sich Sollmann bei Francis Bacon geliehen, dessen gleichnamige Schrift New Atlantis vor etwa 400 Jahren erschien. In Bacons Text ist dieses neue Atlantis (das alte war schon bei Platon untergegangen) eine Südseeinsel, auf der eine Symbiose aus Technologie, Wissenschaften und Künsten nicht nur Erkenntnisgewinn sondern auch die soziale Praxis sichert. Die Versprechen der damals noch ganz jungen Aufklärung scheinen in Bacons Utopie schon eingelöst, sie lässt sich heute (trotz und wegen ihres kolonialen Beigeschmacks) wie der Ausgangspunkt einer Erzählung der Moderne lesen. Im Kontext von Techno denkt man bei Atlantis aber vielleicht auch an Jeff Mills oder an das einst von Drexciya beschworene, afrofuturistische Unterwasser-Utopia. Efdemins Bacon-Bezug triggert ein thematisches Spannungsfeld, das er keinesfalls entschlüsseln will, sondern sich assoziativ entfalten lässt: Wie ist das mit den kulturellen Identitäten in einem vermeintlich globalisierten Genre? Und was ist vom utopischen Potenzial von Techno eigentlich geblieben? In einer Zeit, in der Clubkultur zu einer Bemessungsgröße von Wirtschaftsstandorten zu verkommen droht, stellt New Atlantis die richtigen Fragen. Christian Blumberg