5Actress + Young Paint (Live AI/AV)


Foto: Laura Fiorio (Actress + Young Paint)
Nur wenige Producer betreiben die fortwährende Verzahnung elektronischer Musik mit Hochkultur und Kunst so konsequent wie Actress. Der Brite steht seit Jahren für einen komplexen Sound, der gängige Entwürfe von House und Techno überwindet, und unbeirrbar den Fortschritt sucht. Nach einer Kooperation mit dem London Contemporary Orchestra und dem Album AZD von 2017, das sein neuestes Projekt auf dem Cover bereits vorwegnimmt, konzentriert sich Darren J. Cunningham nun auf die Musikerzeugung mithilfe der künstlichen Intelligenz Young Paint. Bereits im Oktober erschien unter diesem Namen ein vielversprechendes Mini-Album, in dem die KI Cunninghams Arbeitsweise spiegelt und in eigene Tracks ummünzt. Dementsprechend euphorischer Applaus brandet im gut besuchten Haus der Kulturen der Welt auf, als Actress die Bühne betritt und seinen Platz neben der großen Leinwand einnimmt, auf der in der folgenden Stunde der Fokus liegt. Hier erwacht Young Paint zum Leben, erhebt sich nach einem langwierigen Prozess aus dem Bett und beginnt schließlich so etwas wie eine virtuelle Jam-Session. Logischerweise wirkt die Figur komplett artifiziell, einziges Wiedererkennungsmerkmal an Young Paints silbernem Äußeren ist der Union Jack auf seinem Fischerhut. Visuell pendelt das Konzept zwischen Unbehagen und Extravaganz, auf der auditiven Ebene geht es mit einigem Wohlwollen als schwer verdaulich durch: Während der kompletten Performance ergibt sich exakt eine Verschnaufpause, in der das von Young Paint heraufbeschworene Beatkonstrukt an existierende Konventionen anschließt. Ansonsten erzeugt die Symbiose aus Mensch und Maschine viel undefinierbaren Noise sowie zwei bis drei überlaute Schockmomente und gibt aufgrund ihrer Undurchsichtigkeit Rätsel auf: Stoisch wandelt Actress zwischen Laptop und Synthesizer hin und her, setzt vermeintliche Impulse, von denen Young Paint auf seiner Reise durch sterile Umgebungen zehrt. Die generierten Klänge scheinen in den meisten Momenten wahllos aneinandergereiht, einzelne Melodien entschädigen temporär und zeigen, dass das Projekt durchaus seinen Reiz hat. In der dargebotenen Form aber stellt es die Geduld des Rezipienten auf eine harte Probe und löst nach dem Konzert eher Erleichterung denn Neugierde aus. Maximilian Fritz

4As If We Had Power


Foto: Casual Gabberz (Ein Teil der Casual Gabberz-Crew)
Die zweite Freitagnacht des Festivals, „As If We Had Power“, zeigte den musikalisch und international kompromisslosen Ansatz des CTM in seiner tanzbaren Ausführung. Die intensivste Version: Casual Gabberz aus Frankreich, kurzfristig als Ersatz für Venetian Snares gebucht, der aufgrund der Kältewelle in Kanada nicht kommen konnte. Sie trugen den Spirit der Gabber-Nacht vom CTM des vergangenen Jahres weiter. Anders als im letzten Jahr, wo Hardcore-Größen der ersten Stunde wie Marc Arcadipane mit Schampusflasche in der Berghain-Booth etwas deplatziert aufgetreten waren, zeigten die „Gelegenheits-Gabber“, wie eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Genres aussehen kann. Eine, die auch das aufgeschlossene, aber nicht Hardcore-sozialisierte CTM-Publikum auf die Tanzfläche zerren kann: näher an den BPMs von Techno dran, mit trancigen Melodien und einem Rapper (Krampf), der auf dem DJ-Pult stand. Er brachte das Ganze zur „Frapcore“(=French Rap und Hardcore)-Vollendung und setzte mit seiner physischen Präsenz dem Set noch das i-Tüpfelchen an Energie auf. Neben ihm der DJ, standesgemäß kahlrasiert und oberkörperfrei; beide eine rund vierköpfige Crew im Rücken, die euphorisch supportete. Diese Begeisterung fand im Publikum ihre Entsprechung. Auf der Bühne hatten zuvor Sote mit seinem Laptop und etwas erwartbaren Glitch-Sounds sowie ein tansanischer MC namens MCZO gestanden, der zusammen mit dem trance-induzierenden Singeli seines Produzenten Duke eine flashige und im Berghain so wohl noch nie dagewesene Performance ablieferte. Nun jedoch hatte das Publikum die Bühne geentert: Perückenträger*innen schüttelten ihr Haar, unter ihnen sprang das Fußvolk umher. Ließ man von der Treppe aus einen Blick über die Menge schweifen, wurde die geballte Bewegung der Summe der Menschen so richtig deutlich – mehr noch als bei anderen Musikstilen. Der letzte Track („Pour Mes Gens“ von Evil Grimace, aus einer hauseigenen Casual Gabberz-Compilation) kam dem Kitsch mit einem Chopin-Sample, das schon Suprême NTM verwendeten, sehr nah. Doch während man sich die schweißnassen Haare aus der Stirn strich, machte sich die typische Post-Rave-Euphorie breit. Inmitten des eher verkopften CTMs ein umso besonderes Gefühl. Cristina Plett

3As If We Were Free

Foto: Camille Blake (Lotic)
Stellt es nicht eigentlich einen Widerspruch dar, dass sich das CTM als Oberthema “Persistence” wählte und dann doch das Gros der Veranstaltungsnamen im Konjunktiv gehalten war? Überhaupt: “As If We Were Free”, was genau hat das mit Beharrlichkeit zu tun? Vielleicht ist es genau das Beharren auf der eigenen Unfreiheit, das diesen Donnerstagabend prägt, angefangen von den body politics, die auf dem Berghain-Floor von Eartheater, Gazelle Twin und Lotic verhandelt werden. Doch während Eartheater begleitet von Harfenklängen ihr letztes Album IRISIRI runterspielt, dreht der Panorama Bar-Floor bereits frei. Soll heißen: Es sind genau drei Menschen, die sich da zu Jubas Kudoro- und Gqom-Rhythmen im Kreis drehen. Während allerdings Gazelle Twin im Berghain mit ihrem Post-Post-Industrial-Sound unten schon etwas mehr Bewegung in das CTM-typisch durchmischte Publikum gebracht hat, bringt das Mitglied der Londoner Boko! Boko!-Clique den Floor immer mehr zum Kochen. Das vermutlich erste und schätzungsweise letzte Mal, dass auf diesem Floor ein Kudoro-Remix von Destiny’s Childs “Say My Name” zu hören ist – ja, das ist ein schönes Ereignis, das immerhin eine gewisse Freiheit impliziert. Lotics Performance unten dagegen scheint sich selbst im Weg zu stehen und das vielleicht, weil Lotic selbst ständig auf dem Weg zwischen Elektronik und der Bühne ist, welche von einem Bogen umspannt wird, welcher außer ein paar netten Lichteffekten kaum mehr zum ständigen Hin und Her beiträgt. Dass der Sound, der bei Gazelle Twin noch rasiermesserscharf und eindringlich klang, eher suppig wirkt, macht die Sache da nicht besser. Ein Trost vielleicht, dass die nachfolgenden Prison Religion mit ihrem noisigen Rap, der von viel Subbassgeballer und Geschrei begleitet wird, vergleichsweise pubertär wirken. Überraschend ist es dennoch, dass Miss Djax im Anschluss, um nicht zu sagen im krassen Kontrast dazu, mit ihrem 140bpm-Acid-Techno punkten kann. Dennoch: Von den ersten Tönen von Regals “Acid Is The Answer” an wird getanzt, obwohl das Stück mit Abstand das frischeste im ganzen anderthalbstündigen Set der Djax-Gründerin ist. Auch eine Freiheit im Konjunktiv, ein Vierteljahrhundert die Plattentasche nicht neu zu sortieren? Das Motto “Persistence” trifft zumindest auf wohl kaum jemanden sonst an diesem Abend dermaßen zu wie auf Saskia Slegers, die mühelos Klassiker von Emmanuel Top und Co. in einen brodelnden Fluss bringt. Das ist nach den vielen Sitz- und Rumstehkonzerten der CTM mehr als willkommen und als Reka mit ihrem Blitz-und-Donner-Techno übernimmt, können sich zumindest die geschundenen Sitz- und Nackenmuskulaturen endlich völlig frei fühlen. Kristoffer Cornils

2Bendik Giske


Foto: Stefanie Kulisch (Bendik Giske)
Viele Auftritte auf dem Festival kommen ziemlich hochtrabend und ernsthaft daher. Der norwegische Saxophonist Bendik Giske hat mit seiner virtuosen Solo-Performance das Zeug, den Francesco Tristano zu geben. Bei seinem Konzert im Hebbel-Theater steht er zunächst nicht selbst auf der Bühne, sondern ein Tänzer, groß, gutaussehend, mit nichts bekleidet als einem Slip und einem Stück Stoff über seinem Gesicht. Der Stoff wölbt sich mit jedem Atemzug. Schläuche ziehen sich über seinen Körper. Ein bisschen BDSM, ein bisschen Steampunk. Die mikrofonierten Atemzüge bilden den Takt. Langsam gestellt sich das statische, anschwellende Saxofon Giskes zu den Atemzügen, und Giske nähert sich dem nackten Mann mit seinem Instrument. Der Tänzer zuckt als würden Stromschläge durch seinen Körper schlagen, als hätte er Sex. Die Assoziation des Saxophon als Phallus, die sonst eher peinlich ist, wird direkt adressiert, auf den Boden der Tatsachen geholt, auf die Spitze getrieben. Giske verortet sich im Zusammenhang queerer (oder eher klassisch schwuler) Performancekunst, feiert und veralbert sie gleichzeitig.
Dann steht Giske allein auf der Bühne und spielt. Er springt zwischen zwei Tönen hin und her, was einen flatternden Groove erzeugt. Er schlägt mit seiner Hand auf das Instrument, ein perkussiver Rhythmus entsteht. Manchmal pustet er so heftig in das Saxophon, dass sich die Töne in ein Dröhnen auflösen. Wo das Instrument sonst für klassischen Jazz steht, bekommt es eine drastische Körperlichkeit. Giske strotzt dem Soloinstrument eine ungekannte Vielstimmigkeit ab, die erstaunlich viel mit Tanzmusik zu tun hat, die die Selbstbezüglichkeit jedes Soloinstruments immer wieder zerstört.
Dann ist der Tänzer wieder da, mit einem von Innen beleuchteten Helm und meterlangen Dreads, die er im weiß-blauen Scheinwerferlicht herumschleudert. Das ist kitischig und albern. Aber gerade diese Albernheit spiegelt eine Sensibilität gegenüber einer zu pauschalen Inszenenierung von Andersartigkeit wieder. So entsteht ein Humor und eine Lebendigkeit, die dem Festival oft fehlt. Alexis Waltz

1Tirzah


Foto: Camille Blake (Tirzah)

Am Sonntagabend fand das CTM im Heimathafen Neukölln seinen Abschluss. In dem Theatersaal aus der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden gut 800 stehende Leute Platz. CURL, ein Londoner Kollektiv und Label, eröffnet mit appellativem Rap den Abend. Als Tirzah dann nach einer Viertelstunde beginnt, fällt sofort auf: Die Hälfte der Crew steht immer noch auf der Bühne. Nicht aus reinem Zufall, denn Mica Levi und Coby Sen waren beide bereits an Tirzahs Album Devotion beteiligt – Levi als Koproduzentin und Seun war mit seiner gefühlvollen Bassstimme auf dem Titeltrack der Platte zu hören. Das gesamte Album bestach vor allem durch seine Stripped-Downness: Die Texte (die üblichen Themen wie Liebe und Heartbreak) waren stripped down. Die Produktion – man hat als Hörer eigentlich sofort dein Eindruck, dass Tirzah das Album allein mit einer Hand voll Emotionen und einem All In One-Synthesizer im Bett produziert hat: Stripped down. Das wirkt aber nicht faul oder unfertig, sondern vermittelt irgendwie eine aufrichtige und gefühlsbewusste Naivität. Diese paart sich ganz einfach mit dem Geschick, die eher unverkopften Sachverhalte melodiös komplett passend zu untermalen. Und so wie sich auch auf dem Album eine einfache und fühlende Stimmung breitmacht, funktioniert auch das Livekonzept von Tirzah über Understatement. Während ihre beiden Kolleg*innen im Hintergrund Drum-Pads, Synthesizer, gelegentlich auch eine auffällig rechteckige E-Gitarre in Schwingung versetzen, ist Tirzah etwas weiter vorne und starrt an die Decke. Auf einige mag das wahrscheinlich geistesabwesend wirken. Vor dem Hintergrund der Verletzlichkeit ihrer jüngsten Musik macht dann aber doch wieder alles Sinn. Wer mit dem Album schon vertraut war, den haben hier auch keine allzu großen Überraschungen erwartet. Die Setlist beschränkte sich auf die von Devotion. Sicher wird es Langzeit-Fans geben, die an diesem Abend älteres Material vermisst haben. Andererseits hätte ihr Auftritt so auch schnell an Kongruenz eingebüßt. Übliche Live-Tweaks an den einzelnen Stücken blieben nicht aus – mal hörten sie sich eher zweckmäßig an, andere Male trafen sie aber voll ins Schwarze und verhalfen einzelnen Momenten zu mehr Intensität. Insgesamt hatte man das Gefühl, dass Tirzah mit ihrer unscheinbaren Stimme und schüchternen Art mehr Teil des ganzen Geschehens war, als sich ihre Bühnenpräsenz einzufordern. Wer zum Abschluss also einen Big Bang erwartet hat, wurde wahrscheinlich enttäuscht. Sicher aber war die Unverfälschtheit, die sie an dem Abend mitgebracht hat, vor allem für ein Konzert eine schöne Abwechslung. Benjamin Kaufman