Für die Jahrescharts zehn herausragende Compilations und Mix-Alben zu finden, war nicht leicht. Jetzt erscheinen im Dezember gleich fünf starke Titel, die wir in alphabetischer Reihenfolge präsentieren.

5The 7th Plain – Chronicles II-III (A-Ton)


Seit 2016 betreibt Ostgut Ton mit A-Ton ein Sublabel für Ambient, Alternative Music und Archivmaterial. Chronicles, eine Reihe mit Stücken von Luke Slater, erscheint als neu arrangierte Werkschau seiner in den neunziger Jahren als The 7th Plain veröffentlichten Alben, erweitert um bislang unveröffentlichte Tracks. Träumerische Titel und die klassische kosmische Soundpalette stecken stimmungsvoll den Rahmen, um sich gänzlich in Slaters Universum zu verlieren und in die Sternennebel davonzuschweben. Seine Musik, die gleichermaßen für schwerelose Dancefloor-Momente, den Chillout im Anschluss oder die Solo-Erkundungstour auf Kopfhörern konzipiert wurde, klingt auch heute noch fantastisch. Sie transportiert den Entdeckergeist der damaligen Zeit ohne dabei nostalgisch oder gar kitschig zu wirken. Eine Raum-Zeit-Reise für alle großgewordenen Kinder, die schon immer Astronaut werden wollten! Leopold Hutter

4Various – From The Dark Vol.3 (Cultivated Electronics)


Electro, das heimliche Wunschkind von Kraftwerk und Funk, ist einer DER Vorläufer von Techno und vielleicht sein wichtigster Genpool überhaupt. Durch die Resistenz gegenüber der Komplettvereinnahmung durch Marktstrategien und Kommerzialisierung führte das Genre meistens ein gewisses Schattendasein, was für viele seiner Künstler das sprichwörtlich harte Brot bedeuten dürfte, für die Kunst aber ein Segen ist. Verwässerung, Verkitschung oder der Großangriff des Chartformats finden im Electrokosmos kaum statt, dafür jedoch immer wieder sonischer Widerstand, Härte und Exzess, aber auch erfrischender Quatsch, Kappes – und jede Menge Sexiness. From The Dark Vol.3 reflektiert vor allem die aufständige, widerborstige Seite dieses Stils mit acht großartigen Stücken ohne einen einzigen Ausfall. Labelhead Sync 24 liefert zusammen mit dem New Yorker Joonam Prada eines der brachial-kompromisslosesten Stücke, Calderins und Nomadics Tracks sind ebenfalls brillant-abstrakte Funk-Lektionen. Aber eigentlich ist hier jedes Herausheben gegenüber den anderen Beteiligten unfair. Mathias Schaffhäuser

3Various – Happy New Year! We Wish You Happiness! (Trip)


Im Juli erst die letzte große Compilation, nun (neben mehreren 12-Inches dieses Jahr) gleich die zweite hinterher. Nina Kraviz hält mit ihrem Label weiterhin an einem angezogenen Release-Schedule fest, der jedoch keineswegs forciert wirkt, lässt man sich die Inhalte auf der Zunge zergehen. Eröffnet wird diesmal mit einer fast-pacigen Gabber-Acid-Nummer von Pavel Milyakov alias Buttechno: „Rostokino Acid“. Weiter unten auf der Tracklist entzieht dieser sich mit seinem zweiten Track auf der Platte jeglichen bpm-Mustern: Wuchtig-breakbeaty, inkonsistent-schnell und mit Lichtgeschwindigkeit klackernd: „Dubstepping Progression“ eben. Auch interessant: Das zunächst intergalaktisch-selbstbeschreibende „Your Destination“ von Carlota, das sich dann aber umgehend als eine Art verschrobenes, beschleunigtes Hybrid von Minimal-House und Early-2000’s Mr Oizo entpuppt. Happy new year! we wish you happiness! seht so vor allem im Zeichen des Eklektizismus. Benjamin Kaufman

2Various – Smalltown Supersound 25: The Movement Of The Free Spirit (Smalltown Supersound)


Ein Liebesdienst für den Geburtshelfer dessen, was wir heute als skandinavischen Neo-Disco-Vibe kennen, ist der Mix von Prins Thomas anlässlich des 25-jährigen Bestehens von Smalltown Supersound. Mit 79 Tunes, die in die Digital- und dreifach CD-Veröffentlichung eingeflossen sind, von denen sich 36 auf dem Doppel-LP-Release finden, verdient diese Jubiläumscompilation in jedem Format das Attribut „opulent“ – überbordend ist gar kein Ausdruck. Als Mitte der Nullerjahre zwischen Post-Jazz und elektronischer Tanzmusik eine Tür aufging, passierte dies nicht zuletzt auf Smalltown Supersound. Seitdem hat sich das in Oslo begründete Label zu einer Institution dieses dritten Wegs zwischen Techno und House entwickelt. Erschienen hier zunächst hauptsächlich Alternative- und Lo-Fi-Platten, verschob sich der Focus zunächst in Richtung experimenteller Elektronik und IDM, dann via mehr oder weniger freiem Jazz hin zu einer Musik, die von dort aus den durchgesetzten, hegemonialen Überwältigungsstrategien auf dem Dancefloor eine Rhetorik der Überredung und Verführung, der Lockerung und Lockung entgegengesetzt hat, mit der Disco einst Tänzerinnen und Tänzer adressiert und auf die Tanzfläche gezogen hat. Die Nähe zu Rune Grammofon, dem anderen großen „kleinen“ norwegischen Indie-Label, und damit auch zu Manfred Eichers ECM, stellt bis heute einen bedeutenden Subtext von Smalltown Supersound dar. „The Movement Of The Free Spirit“ vollzieht diese Entwicklung als dialektischen Vorgang nach, dessen erster Teil die Indierock-These hervorbringt, worauf mit dem zweiten die Zurückweisung durch die Neo-Disco-Antithese folgt, während der dritte sich als Synthese auffassen lässt. Ausgesprochen gelungen und hörenswert sind allerdings alle drei. Zunehmend übernehmen DJ-Mixe auch diejenigen narrativen Aufgaben, die in vergangenen Zeiten Alben vorbehalten waren. Harry Schmidt

1Various – The Black Book (iDEAL)


Zwanzig Jahre ist es her, da träumte Joachim Nordwall in einer verranzten Londoner Wohnung von der Gründung eines eigenen Labels, das er als Sammelsurium für alle möglichen und unmöglichen Sounds ersann. Heute ist iDEAL Recordings genau das. Hier sind Drone-Pioniere wie Carl Michael von Hausswolff (Anna von Hausswolffs Vater) und Noise-Virtuosen vom Kaliber eines Kevin Drumm oder Merzbow ebenso Teil des Katalogs wie die glitchigen Sample-Kulissen Mika Vainios oder der apokalyptische Electro-Industrial von JASSS. Es sind Grenzgänger dessen, das derzeit gerade noch als Musik gilt, die Nordwall auf der Jubiläumskompilation seines Labels zusammenbringt. Von Pact Infernal und Ramleh, über Mokira und Prurient, bis zu Stephen O’Malley und Trepaneringsritualen: The Black Book ist schwarz wie der Blick in ein sternenloses All und dank diverser verzerrter Mollflächen auch genauso beunruhigend. Für den Abstieg in diesen Schlund aus raunender Fermate und Modulation ist ein langer Atem obligatorisch – einmal drin, findet man so schnell nicht wieder raus. Nils Schlechtriemen