Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Bwise, DJ Python, Lux, nd_baumecker und Simo Cell. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

Bwise – Trushmix 129

Für alle, denen House im klassischen Sinne in den letzten paar Jahren zu unterrepräsentiert war oder zeitgemäß zu drastische Wendungen nach links, rechts, oben und unten eingegangen hat, sollte Runde 129 der von DJ Fett Burger ins Leben gerufenen Trushmix-Reihe voll ins Schwarze treffen. Bwise, ein Typ aus Adelaide im Süden Australiens mit knapp über 100 Soundcloud-Followers, liefert hierfür einen 3-stündigen Mix, der sich vor allem bunteren Spielarten von House aus den Neunzigern widmet. Disco reiht sich an vocallastigen Hip-House, reiht sich an zeitgenössischen R’n’B im 2-Step-Modus und so weiter.

Obwohl Sets, die sich zu sehr auf alte Platten stützen, mehr und mehr ein schlechter Ruf anhaftet, hat man hier nicht eine Sekunde das Gefühl, mit überhörten Kassenschlagern beballert zu werden: Zu unrecht vernachlässigte Releases auf durchaus bekannten Labels wie Alleviated oder Planet-E geben sich mit festlichen, gefühlten Almost-Hits der Disco-Ära wie “Love Is You” von Carol Williams oder Kleeer’s “Keep Your Body Workin'” die Klinke und beweisen im farbenfrohen Narrativ, dass die letzten 30 Jahre elektronischer Musikgeschichte wohl nie aufhören werden, komplett ungeahnte Schätze hervorzubringen. Benjamin Kaufman

DJ Python – Dekmantel Podcast 208

Mit stetig wachsender Intensität bahnen sich gebrochene Beats seit geraumer Zeit erneut ihren Weg auf die Peaktime-Dancefloors und damit in die geschmackliche Mitte der elektronischen Tanzmusik – gute Zeiten für Producer wie DJ Python. Der New Yorker verarbeitet in seinen Tracks und Sets verschiedenste Einflüsse: Auf rhythmischer Ebene wendet er sich mit Vorliebe polternden, unsteten Dub-Beats zu, die Melodien hingegen kontrastieren das mit angenehm unprätentiöser Zurückhaltung. Nach dieser Rezeptur baut DJ Python ein Set auf, das keine Wünsche offen lässt und sowohl im Club wie auch in den eigenen vier Wänden seine Daseinsberechtigung hat.

Alleine der Übergang von Boards Of Canadas entschleunigtem Klassiker „Happy Cycling“ zu Dinamarcas hibbeligen Latino-Rhythmen in „Nena“ nach knapp 20 Minuten verdient sich Bestnoten. Dem Schweden bleibt es dann auch vorbehalten, den Mix nach etwa 75 Minuten mit einer extrem perkussiven Version von Kirsty Hawkshaws „Fine Day“ zu beschließen. Dieser Track offenbart einmal mehr die Pole, zwischen denen sich DJ Python bewegt. Kompromisslose Action auf der einen, betörende Melodien und Samples auf der anderen Seite. (Maximilian Fritz)

Lux – RA.654

Ein neues Lebenszeichen von Lux ist immer begrüßenswert. Die mittlerweile in Berlin lebende DJ hat über die letzten Jahre einen sehr eigenen, deepen und melodischen Sound definiert, der nicht nur der Track-ID-Crowd einige Rätsel aufgibt. Selten macht die zur Crew IO (sprich: “strichkreis”) zugehörige Ex-Leipzigerin wirklich Zugeständnisse an reines Home Listening hier oder Dancefloor-Bedürfnisse dort, sondern findet einen unvergleichlich eleganten Mittelweg zwischen Couch und Club.

So setzt auch dieser Mix mit den sphärischen Klängen von B12s “Eiyla” an und fadet in einen stark gepitchten Simo Cell-Track rüber, damit von Anfang klar ist: Hier wird vor allem mit atmosphärischer Dichte und nicht allein rhythmischer Intensität gearbeitet. Die baut sich aber zusätzlich auf und schnell entert rumoriger Quasi-Acid das Bild, werden detroitige und dubbige Anklänge laut, gegen Ende hin flattern sogar Amen-Breaks durch den Raum. All das wird jedoch getragen von einem roten Faden, der sich über verschiedene Farben einer Grundstimmung definiert – kein Wunder, dass der letzte Track, Aural Imbalance’ “Nine Tease”, die schwebende Melodieführung des B12-Tracks vom Anfang perfekt zu spiegeln scheint.

Ein bisschen melancholisch klingt das im Gesamten über etwas mehr als 70 Minuten, aber auch euphorisch, nach Aufbruch und viel Zuversicht. Einen besseren Montagmorgenstart als Lux’ Resident Advisor-Mix gab es, kurz gesagt, in diesem Jahr nicht zu hören. Kristoffer Cornils

nd_baumecker – Panorama Bar 07

An diesem Mix arbeitete nd_baumecker mehrere Jahre. Er versuchte, seine Platten nach Stimmung und Tonart, nach Grooves und Rhythmen, nach Sounds und Drum Machines zu sortieren. In den Griff bekam er den Mix erst, als er den record button drückte und spontan aus 144 Platten 29 Tracks auswählte.

nd_baumecker beginnt mit den ungeordneten Cosmic-Klängen von Mystical Institute, mit Duplex oder Dolo Percussion dreht er wenig später auf, um sich auf den ungewöhnlich ruhigen Sound einzupendeln, für den er steht. Wie er den Übergang vom einzelnen Klang zum Loop und damit zum Track zelebriert, erinnert an den Discosound der achtziger Jahre an der Schwelle zur House Music und wirkt mit seinem zersplitterten Duktus zugleich zeitgemäß. Weil nd_baumecker von den einzelnen Klängen her denkt, kann er diverse Stile integrieren, den schwermütigen Acid von Ajukaju etwa, Zitatpop von St. Etienne oder Röyksopp, Meme House von Ross From Friends oder jazzige Breakbeats von D. Tiffany. Mit Streichern, Panflöten und Vogelgezwitscher ruft er eine klassische schwule Ästhetik auf, wie sie Rainer Werner Fassbinder, Jack Smith oder Lukas Duwenhögger in ihren Filmen und ihrer Kunst verfolgten. Aber auch diese homogene, schwule Perspektive löst nd_baumecker in seinem Set auf: Im wellenartigen An- und Anschwellen zwischen Anspannung und Erschlaffung ist kein Phallus oder dessen Abwesenheit mehr erkennbar. So entsteht eine Sinnlichkeit, die kein Geschlecht braucht. Alexis Waltz

Simo Cell – Fact Mix 684

Für seinen FACT Mix hat sich Simo Cell etwas mehr als anderthalb Stunden genommen. Wahrscheinlich hätte der Franzose, der mit Releases auf Livity Sound und BFDM bekannt geworden ist, sonst auch gar nicht alles untergebracht bekommen. Im Kopfe scheint er vom basslastigen und eklektischen Sound, der seine Produktionen prägt, ausgegangen zu sein. In diesem Mix nimmt er dann alles, was auch nur ansatzweise dazugehören könnte, mit. Ein orientalisch anmutender Track des australisch-libanesischen DJ Plead eröffnet das Set kraftvoll. Den Übergang von einem so tanzbaren Start hin zu zeitgenössischen Bass-Wobblern, wie „No Glory“ von Amish Boy auf Power Vacuum oder einem eigenen Edit von Rhythim Is Rhythim, gelingt Simo Cell mühelos fließend.

Nachdem sich charakterstarke Tracks in einem Fluss aneinanderreihen, bleibt aufgrund der Länge des Mixes locker Zeit, um kurz durchzuschnaufen. Ein rein perkussives Stück, das aus einer Zusammenarbeit zwischen britischen und ostafrikanischen Musiker*innen entstanden ist (Kawuku Sound – „Buganda Dub“), markiert diese Pause. Dann schließt sich ein Teil an, in dem sich der Bass zunächst ein wenig zurücknimmt – um gegen Ende in Form von Drum’n’Bass mit voller Wucht zurückzuschlagen. Was in Worte gefasst merkwürdig klingen mag, fügt Simo Cell zielsicher zusammen. Cristina Plett