Die Hundstage sind überstanden. Der Sommer ist vorbei. Face it or not: Es ist Zeit, um sich mit den neuesten Tapes für die dunkleren Tage des Jahres einzudecken. Immerhin, es besteht Hoffnung: sind doch tropische Temperaturen im Rückblick und in Gedanken stets besser auszuhalten als im wirklichen Leben. Darum gibt’s zum kollektiven Abkühlen einen Überblick über die interessantesten Neuveröffentlichungen der Kassettenszene. Von A wie Acid bis Z wie zerebrale Zerstörung. Kompakt zusammengefasst von Christoph Benkeser.

8Roy Of The Ravers – Who Are Ya?? (Acid Waxa)

An einer 303 kommt man nicht vorbei. Zumindest wenn man auf einem Label wie Acid Waxa veröffentlicht und von Aphex Twin gespielt werden möchte. Der hat letztes Jahr nämlich den Track „Emotinium“ von Roy Of The Ravers bei seinem medienwirksam vermittelten Field Day-Set zum Besten gegeben – und gleich einmal für kollektive Schnappatmung innerhalb diverser Schwarmkonstellationen gesorgt. Das Spannende an der Sache ist vor allem, dass es in Zeiten der ultimativen Selbstinszenierung noch immer Projekte im Umlauf sind, die absolut gar nichts von der nächsten Insta-Story halten und sich dementsprechend in persönlicher Geheimhaltung bei gleichzeitiger künstlerischer Extraversion üben.

Niemand, außer vielleicht Roy Of The Ravers selbst, wusste zum damaligen Zeitpunkt, wer hinter dem Pseudonym steckt. Mittlerweile hat sich Sam Buckley – so heißt der Roy der Ravers im wirklichen Leben – selbst entzaubert. Er stammt aus Nottingham und produziert einen Acid, der eben auch unter Typen wie Richard D. James seine Anhängerschaft findet. Im Vergleich zum Vorgängeralbum fällt Who Are Ya?? jetzt um einiges giftiger, bissiger, mitunter aber auch düster-druggy und vernebelter aus. Da versucht sich jemand neu, indem er Musik produziert, zu denen düstere Gestalten mit bunten Pillen unter Autobahnbrücken tanzen. Klingt altbacken? Dann verliert euch doch in den Nebelschwadenbildern von „Cleg Nut“ oder versucht den verquirlten Basslines auf „All Aboard!!!“ zu folgen. „Phaleonacid 4“ bringt über neun Minuten lang harmonische Entschleunigung in sonst hyperaktive Hi-Hat-Patterns, bevor der Kahn mit reichlich Übersteuerung noch einmal Fahrt aufnimmt. This gets stranger and stranger!

7EQ Why – Life of the Why – Mixtape Volume 1 (Third Kind Records)

Twitter is King! Ende Mai postete Chuck D von Public Enemy ein Foto, das ihn mit geballter Faust vor einer zum Kassetten-Stonehenge angeordneten Sammlung an HipHop-Tapes zeigt. Grund genug anscheinend, um Tyrone Smith aka EQ Why auf den Plan zu bringen, ein einstündiges Footwork-Set zusammenzubasteln und auf dem englischen Third Kind Records zu veröffentlichen. Smith stammt aus Chicago, der Stadt, in der Footwork quasi erfunden wurde und durch das Teklife-Kollektiv rund um den 2014 verstorbenen DJ Rashad zu internationaler Bekanntheit gelang.

Dass Footwork mehr als Teklife und damit die Summe eines Labels ist, will Smith wiederum mit seinem Mix aufzeigen. Als ehemaliges Mitglied der inzwischen nicht mehr aktiven Gruppe Bosses of the Circle (die übrigens ihren Anteil am Durchbruch von Jlin hatte) pflegt Smith sicherlich ein gut strukturiertes Adressbuch und weiß, was sich abseits ausgetretener Pfade des Footwork-Mainstreams sonst noch abspielt. Eine Stunde lang feuert er Aufruhr erregende Low-End-Bauchmassagen und soulige Samples durch den Äther und darüber hinaus. Entstanden ist ein weltmusikalischer, hyperkolorierter Footwork, der sich befreit an allen Ecken und Enden der musikalischen Vielfalt bedient, indem er Reggaeton, Funk, Soul, Dubstep und die verspülten Einflüsse von Neunziger-Hip-Hop zu einem quirlig-vertrackten Stil zusammenbringt. Ungemein tanzbar!

6Javuligan – Hunamos (Lunar Tapes)

Wie klingt Hip Hop aus Chile? Keine Ahnung? Dann ist es ziemlich super, dass sich der aus der Hauptstadt Santiago stammende Produzent Javuligan um eine exemplarische Darstellung dessen bemüht, mit dem sich die meisten Menschen auf dieser Seite des Atlantiks wahrscheinlich noch nie auseinandergesetzt haben. Javuligan greift dabei auf schlurfend-träge Beats genauso zurück wie auf Myriaden von unterschiedlichen Samples, in denen eine idealisierte Ästhetik der neunziger Jahre mitschwingt und die ästhetisierende Wirkung wankender Klangskizzen, die am Vaporwave der jüngeren Vergangenheit Anklang nehmen. Mehr als Skizzen sind es bei einer durchschnittlichen Laufzeit der Tracks von knapp zwei Minuten zwar nicht, die der 21-jährige Chilene auf Hunamos anfertigt. Allerdings zeigt er in eben dieser Verknappung sein Talent für ausgefuchste Arrangements und ein Gespür, unterschiedliche Stile miteinander in Verbindung zu bringen. Soul-, Funk-, und (Free-)Jazz-Scheiben werden auseinandergeschnipselt, um die Versatzstücke weiterzuverarbeiten, sie zu verlangsamen und durch ihre neue Zusammensetzung mit Ausschnitten aus amerikanischen Hollywoodfilmen eine instrumentelle Grundlage für etwas gänzlich Anderes zu schaffen.

Hunamos ist wie eine Nacht mit luziden Träumen, die Schlösser aus bunt eingefärbter Watte formen. Stücke wie „Eternal.desyre“ und „knowurmanners.“ werden von mysteriösem Flötenspiel begleitet, das ohne weiteres von Bobbi Humphrey stammen könnte, während „Kthana“ und „Fellin.bttr[thnkyu.]“ verhallte, außerweltliche Züge tragen. Die Beats sind eine Mischung aus der verschleppten Art J Dillas und der virtuos-verspielten Hektik von Flying Lotus. Das alles kommt in den insgesamt 22 Tracks zusammen und gewährt einen eigentümlichen Einblick in die musikalischen Untergründe der chilenischen Hauptstadt.

5Yellow Hyper Balls – REQ (Always Human Tapes)

Der japanische Noise-Musiker Merzbow veröffentliche 1996 mit dem Stück „Yellow Hyper Balls“ einen sechs Minuten langen und nervenzerreißenden Exorzismus anschwellender Schmerzen und Wollust. Ryan Wurst hat dieses Stück mit ziemlicher Sicherheit gehört. Er ist Labelgründer von Always Human Tapes und produziert seit 2013 unter verschiedenen Pseudonymen Musik. Eines davon nannte er selbst Yellow Hyper Balls. Neben dem gewählten Namen verbindet Wurst mit Merzbow außerdem der Hang zum latent Unkonventionellen – zumindest in musikalischer Hinsicht. Yellow Hyper Balls steht in diesem Fall für rohen, bedingungslosen Techno, der nicht zwingend den üblichen Club-tauglichen Strukturen folgt, sondern dasselbe beklemmende Gefühl auslöst, das schon Merzbow mit seinen Noise-Extremen verfolgte. Düster Ambient („INT“) kündigt klaustrophob veranlagtes Stampfen („KYR“) an und verabschiedet sich in riesigen, dröhnend-übersteuerten Kickdrums („OFF“).

Generell erinnert hier viel an die frühen Veröffentlichungen von Subjected, Sawlin und Mørbeck auf deren Label Vault Series. Vor allem die industrielle Gangart und das unweigerliche Gefühl, in einer riesigen Schlosserei nebst schweren Gerät zu stehen, während gegenüber brennende Subwoofer Löcher in die Bauchtasche drücken, schwingt im neuen Album REQ immer mit. Dabei sind die Stücke nicht zwingend für den Dancefloor konzipiert, verlaufen sie sich doch zum Teil in ihrem eigenen, lose experimentellen Arrangement und enden meist in ambientösen Gefilden, denen ein orgelhafter Schwermut nachhängt. REQ ist Musik für den Tresor, um sich mit den Zähnen zwischen Stahlstreben festzubeißen!

4The Allegorist – Hybrid Dimension I (Detroit Underground)

Der Allegorist ist eigentlich Autodidaktin. Die aus Ungarn stammende Anna Jordan versteht sich nämlich als transdisziplinäre Künstlerin ohne akademische Eingrenzungen. Neben der Malerei und ihrer Arbeit mit anderen visuellen Medien hat es ihr aber vor allem die Musik angetan. Unter ihrem Nom de Guerre The Allegorist produziert sie experimentell angehauchten Techno, was uns dieser Tage die Veröffentlichung ihres zweiten Soloalbums Hybrid Dimension I auf Detroit Underground beschert. Und Jordan befindet sich damit offenbar auf intergalaktischer Mission. Jedenfalls lädt sie ihr Publikum dazu ein, sie auf einer solchen, wenn auch gedanklich stattfindenden Reise, zu begleiten. „The Allegorist is happy to inspire the soul warriors. Because there is a better future! This future cannot be reached without a change and this has to begin in our minds.“

Auf den zehn Stücken des neuen Albums wird diese utopische Storyline teilweise durch kinematografischer Dramatik und fast schon erdrückend distanziertem Pathos („Exotic Expeditions“, „Humandroid Lovers“), dann wieder mit balladesken Eindrücken („Falling Astronaut“, „Foggy Mountains“) verarbeitet. Ihre Stimme bringt Jordan dabei glücklicherweise deutlich öfter ein als in der Vergangenheit. Diese schwebt schleierhaft über den Klängen, bleibt oft unscheinbar im Hintergrund („Asteroid Temples“) und schafft es doch, ein Gefühl der innigen Nähe zu vermitteln. Ein Soundtrack, um zurück in die Zukunft zu reisen!

3Khotin – Beautiful You

„I am so happy how great I am.“ Khotin zeichnet sich nicht wirklich durch Understatement aus. Muss er aber auch nicht. Bereits 2013 erschien, quasi zu Hause in Vancouver, sein erstes Album auf 1080p – eine Oase für derlei verträumte Sounds, die im damaligen Veröffentlichungsschwall des Labels leider ein wenig untergegangen sind. Stilistisch ist Dylan Khotin-Foote immerhin auf butterweichen Synthesizerflächen und anschmiegsamen Beats angesiedelt. Er lässt gern einmal gedankenversunkene Orgelakkorde im Kollektiv aufsteigen, während sich House-Rhythmen miteinschleichen, die alles verändern – und dann doch wieder nicht.

Die Stücke wachsen allesamt mit der gleichmäßigen und ungeheuer entspannenden Geschwindigkeit der Gezeiten, ganz so, als ob die Klänge und Melodien an Land gespült worden wären. Musik also, die weit weg von der Realität des Alltags stattfindet, ein klanglicher Eskapismus, wenn auch ohne augenscheinliche Club-Allüren. Die Tracks auf seinem neuen Album legen nämlich eine fast schon kitschig-naive Idee von Schönheit an den Tag. Alles easy, alles gut! „Alla’s Scans“ und „Dwellberry“ sind Tropicalia-House Hymnen mit Hang zum Traumhaften, zu verschwommen Fernem und ungreifbar Vergangenem. Mit geschlossenen Augen in eine andere Welt, die es nicht gibt, wahrscheinlich nie gegeben hat und erst durch die trägen Beats über den ausgewaschenen Synthflächen in unseren Gedanken existieren kann. Mit Beautiful You geht die Sonne auf und nie mehr unter. Sogar die Nacht wird taghell, wenn Palmen die Träume säumen und du dir noch einmal den Sommer zurückwünscht.

2Sugai Ken meets G禁禁禁禁 – 岩石考 -yOrUkOrU- (Yerevan Tapes)


Der Japaner Sugai Ken schickt dich im Crash-Kurs-Verfahren durch die acht Yoga-Glieder und auf direktem Wege zurück. Böse, böse – dabei macht er das beileibe nicht zum ersten Mal. Seit seiner 2016 auf Lullabies for Insomniacs erschienenen Platte ist Sugai ein omnipräsenter Gedankenverdreher und deshalb allen psychonautisch angehauchten Ausflügen erhaben. yOrUkOrU nimmt sich da genauso wenig aus, ist aber – bevor jetzt falsche Mutmaßungen entstehen – ganz sicher keine Ambient-Platte im eigentlichen Sinn. Das waren seine anderen Alben übrigens auch nie! Dafür ist Sugai einfach zu wenig auf der ätherisch-weichen Seite der Macht gebettet.

Allerdings ändert das wenig bis gar nichts an der Tatsache, dass mit den unterschiedlichsten Zügen des sphärischen Spektrums hantiert wird. Es tröpfelt, trippelt und watschelt nur so vor sich hin. Krach, bumm, schepper-depper. Schon wird der nächste Vorhang gelüftet, hinter dem sich unter einem doppelten Boden ein geheimer Zen-Garten versteckt. Teilweise hat das Musique-concrète-artige Züge, teilweise ist es völlig gaga. Vor allem auch weil der Japaner einen ganz und gar komischen Sinn für Humor unterhält.

1IDAQ / Trium Circulorum – Meditations

Alles endet mit den abschwellenden Schwingungen eines Gongs. Ein Abstieg zum Aufstieg in die unbarmherzigen Tiefen roher Klangexperimente. Denn über die Laufzeit von einer Stunde wird auf diesem Split-Tape einiges geboten und sicher ebenso viel abverlangt. Seite A wird von Idaq eingeleitet, einer neuen Kollaboration zweier Künstler, die momentan in Wien leben und sich offenbar im gemeinsamen Improvisieren gefunden haben. Kai Ginkel (alias Phirnis) und Istu machen Musik, die von elektronischen Zerstörungsriten und übersteuerten Noisetiraden in Passagen der kalmierenden Schönheit wechselt. Roh, radikal und doch in manchen Momenten eingängig und anschmiegsam, vor allem dann, wenn einzelne harmonische Gitarrenakkorde durch Schichten von übersteuerten Geräuschen blitzen. Ganz generell schüttelt und rüttelt es einen aber ziemlich durch. Das hört sich dann ein bisschen so an als befände man sich im Maschinenraum einer mittelgroßen Propellermaschine mit zusätzlichem Düsenantrieb. Ohne Ohrenschutz bis zum Tinnitus. Whooosh. „Caring for your Neighbours is Caring for Yourself“ nennen die beiden ihren halbstündigen Ausflug in die Möglichkeiten der experimentellen Klangbearbeitung. Nichts anderes als ein Aufruf zur Selbstversorgung der sonischen Bedürfnisse – die Nachbarn sind dabei gleich mitgemeint.

Die B-Seite wird wiederum von Trium Circulorum bespielt, einem Künstler aus Deutschland, der sich ganz im stilistischen Wirken von Idaq verortet sieht. Dissonanzen wiegeln sich auf, beißen wie Zahnräder ineinander und verschmelzen auf wundersame Weise miteinander. Trotzdem sind die Stücke weniger ausufernd und beschränken sich auf eine industrielle Ästhetik der Klangkunst, die zum Teil an die abstrahierte Brillianz ganz früher Techno-Platten von Abdulla Rashim erinnern. Der Gong bleibt die mahnende Konstante.

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here