Während du mit Shed auch mal ein wenig PR machst, agierst du mit dem Head High-Projekt und deinen eigenen Labels ohne große Ankündigung und scheinbar vollkommen unabhängig. Ist das eine Art von Protest?

Es ist gar keine Art, ich mach’s einfach. Ich denke nicht darüber nach, was jemand darüber denken könnte. Dieses Ganze, wie hat ein Label zu funktionieren, wie bringt man Platten heraus, passiert doch seit 60 Jahren immer nach dem gleichen Motto – das ist alles so etabliert, das man nichts mehr hinterfragt. Man muss Interviews machen, vielleicht sogar Anzeigen schalten, manchmal auch nur, damit man was zum Promoten hat. Das geht für mich in eine falsche Richtung, das ist mir alles zu konstruiert. Es geht nur noch um das Gegenseitige, dass sich alle am Überleben halten. Ich selbst verkaufe ja nur Platten, weil die jemand kauft. Und ich verkaufe nicht Platten, weil jemand darüber geschrieben hat, das die cool sind. Und wenn keiner mehr die Platten kauft, dann verkaufe ich eben keine mehr und höre auch damit auf. Ganz einfach. Aber solange es läuft, denke ich nicht darüber nach.

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Würdest du sagen, dass du eine Sonderstellung einnimmst oder siehst du links und rechts noch mehrere Kollegen mit dieser Attitüde?

Natürlich, es gibt immer noch sehr viele. Aber mittlerweile ist es ja wirklich möglich für jeden, das so zu machen wie ich das mache. Es läuft allerdings auch nur, und das meine ich gar nicht so selbstbeweihräuchernd, wenn die Musik auch gut ist. Wahrscheinlich ist es Zufall, dass es bei mir klappt, wie es gerade klappt. Komisch, dass es nicht mehr Leute machen. Die Leute wollen schnellen Erfolg, und da ist es natürlich einfacher, wenn man diesen ganzen PR-Zirkus genauso so mitmacht. Aber bei mir kam das ja auch nicht auf einmal, sondern ist seit ungefähr 2003 langsam gewachsen.

Das mit dem Zufall ist mir dann doch etwas zu viel Understatement. Ansonsten bist du für deutliche Meinungen bekannt, etwa das du von der elektronischen Musik der letzten 15 Jahre nicht so angefixt bist.

Stimmt nicht ganz. Das ist ja meine Musik, ich steh’ ja auf diese Musik, nur ist in der letzten Zeit genau das passiert, was vorher auch schon passiert ist. Aber trotzdem ist das meine Musik. Bloß weil es gerade ein bisschen langweilig ist, stehe ich jetzt nicht auf Heavy Metal oder so. Manchmal kommt man in Phasen, wo man Platten von 1992 anhört und denkt, dass früher war alles besser, aber es ist nicht so, sondern nur eine Phase. Viele Sachen würden heute auch gar nicht mehr funktionieren, aber um mal ein bisschen wehleidig zurückzugucken, dafür ist es okay, aber mehr auch nicht. Man romantisiert ja immer alles. Früher hat ja immer die Sonne geschienen, die Raves waren immer alle megageil, aber das ist ja nicht wahr.

Auch der Sound war früher nicht unbedingt besser.

Davon mal ganz abgesehen. Es ist ja auch oft so, dass man denkt es war total cool, trotzdem hat man eigentlich nur gesoffen und in der Ecke gelegen.

Würdest du dich eigentlich selbst als Nostalgiker bezeichnen?

Auf eine gewisse Weise schon, meine Musik ist ja astrein Neunziger. Aber das ist auch meine Art und Weise, ich mach ja Musik, die genau aus dieser Zeit kommt, die man aber trotzdem nicht mit ihr vergleichen kann – meine Musik ist dicker, alleine schon vom Bass her. Früher wurden die Tracks auch anders aufgebaut, da war viel mehr Krach drin, mehr Breaks und Alarm, mehr Themen, die dann immer durchgepeitscht wurden, deswegen auch alle paar Minuten ein Break. Heute muss man ja ganz sanft an den Track herangeführt werden, und allein das ist schon anders.

 


Video: Head HighHex Factor

 

Aber deine Nostalgie mischt sich schon stark mit einem pragmatischen Realismus. Siehst du den überhaupt die Möglichkeit eines Fortschritts im Techno?

Nee, definitiv nicht. Man muss ja nur auf andere Musikrichtung gucken, der Rock hört sich heute noch so an wie vor 70 Jahren. Oder Blues oder Reggae oder HipHop, der hängt ja auch fest. Da gibt’s vielleicht ein bisschen mehr Krach, aber sonst passiert doch nichts. Das ist ja auch nicht schlimm, das ist eben so. Techno basiert ja auch auf etwas, was vorher passiert ist. Ich kann dieses Gerede auch nicht leiden, letzte Woche war ja Kraftwerk hier in der Nationalgalerie. Wenn man dann die Kommentare im Radio hört, von wegen die haben den Techno gemacht und seither war es nie wieder so geil – vollkommener Quatsch, die basieren auch auf irgendwas und ich bin zwar kein Kraftwerk-Fan, aber es ist wohl trotzdem die mit am häufigsten gesampelte Band im Technobereich.

Und im HipHop.

Ich finde auch einige Stücke gut, die auf deren Stück basieren, aber das ist immer alles ein bisschen hochgegriffen, wenn man gleich so absolut wird.

Elektronische Drums gab es vor Kraftwerk aber eigentlich nicht so wirklich.

Irgendwann musste das ja mal erfunden werden und sie waren halt die ersten (lacht). Nein, das erkenne ich auch an, mir geht es eher um diese Romantisierung.

Kraftwerk ist trotzdem ein gutes Beispiel. Ohne ihre Verdienste zu schmälern, präsentieren sie mit den Retrospektiven trotzdem eher das eigene Erbe, als erneut am Fortschritt mitzuwirken.

Früher gab es viel mehr Rhythmusvariationen, die Basis ist heute viel einfacher und alles 4/4, sonst kommt man beim Tanzen ja auch durcheinander. Oder Popmusik, das beruht ja alles auf dem gleichen Takt. Wie soll da etwas Neues kommen?

Durch neue Instrumente oder wenn sich die Produktionsmittel verändern, aber auf kurze Sicht dürfte das eher unwahrscheinlich sein.

Und selbst wenn, dann würden diese sich an dem angleichen, was vorher gewesen ist. Alles beruht ja auf irgendwas. Aber Fortschritt würde man sowieso nicht sofort mitbekommen, das entwickelt sich doch eher langsam bis er wirklich richtig wahrgenommen wird.

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