Foto: Krijn van Noordwijk (Steve Rachmad)
Zuerst erschienen in Groove 154 (Mai/Juni 2015).

Über die Jahre hinweg hatte ich schon einige Lieblings-DJs, das ändert sich immer mal wieder. Früher war ich beispielsweise ein großer Fan von Derrick May und Jeff Mills. Und wer weiß, vielleicht überrascht mich schon morgen ein mir unbekannter DJ mit einem überragenden Set? Seit 2011 ist es jedenfalls Ricardo Villalobos. Ich hatte ihn damals zu meiner Geburtstagsfeier eingeladen. Ich kannte ihn da schon eine Weile, hatte ihn aber jahrelang nicht mehr Auflegen gehört. Das Set, was er dann im Studio 80 spielte, war etwas unglaublich Emotionales und passte perfekt zu diesem Abend.

Das Licht im Studio 80 war extra für den Abend gedimmt und sehr intim. Alle Gäste waren in Abendgarderobe. Ricardo spielte die Afterparty und konnte die Stimmung perfekt aufgreifen. Es ging nicht darum, den Floor am Durchdrehen zu halten – er spielte einfach Musik, die er selbst mochte, und schuf so einen besonderen Moment. Seitdem hatte ich immer wieder mal die Gelegenheit, ihn spielen zu sehen, und habe es jedes Mal genossen. Ricardo ist für mich ein DJ in Reinstform. Er nutzt keine Effekthascherei, sondern ist einfach kreativ mit der Musik, die er spielt. Er kombiniert spontan Stücke, mixt Vocals auf perkussive Parts und kreiert so etwas Neues. Vielleicht hat mich das auch begeistert, da ich es ebenfalls liebe, neue Dinge miteinander zu kombinieren.


Stream: Ricardo Villalobos Live @ Steve Rachmad Birthday (Studio 80, 2011)

Klar, als DJ bin ich in einer spezifischeren Genre-Ecke als Ricardo. Doch ich bin auch wie er in den Achtzigern aufgewachsen – diese experimentelle Zeit hat uns geprägt. Aber auch in den Jahren danach habe ich hier und da neue musikalische Einflüsse mitgenommen und das formt dich als DJ. Ich denke, dass man sich als DJ eine gewisse Offenheit einfach bewahren muss. Ich stecke in der Technoecke, dennoch weiß ich, was anderswo passiert, und versuche, so viel wie möglich mitzubekommen.

Das Gleiche gilt auch für Ricardo. Was ihn außerdem auszeichnet, ist seine großartige Spontanität. Das ist vielleicht auch seine größte Stärke beim Auflegen. Ich war mit ihm ein paarmal im Studio und erst da habe ich diese Stärke richtig verstanden: Seine Tracks sind ja alle in Live-Takes aufgenommen. Er ist nicht der Bastler, der Stücke eines Tracks aneinanderklebt und hinterher die Dramaturgie bestimmt. Für ihn zählt der Moment und genau das höre ich auch in seinen DJ-Sets.